Finanzen

Holland sichert sich Filetstücke der schrumpfenden City of London

Die Bedeutung Amsterdams als Finanzzentrum wächst auf Kosten der City of London. Die Niederlande positionieren sich als global bedeutender Handelsplatz.
19.02.2021 11:02
Aktualisiert: 19.02.2021 11:02
Lesezeit: 3 min

Die Niederlande locken wegen des Austritts aus der EU offenbar zahlreiche Unternehmen aus Großbritannien an. 550 Firmen befinde sich derzeit in Gesprächen mit der Agentur für Auslandsinvestitionen über eine Verlagerung oder Expansion in die Niederlande, teilte die Foreign Investment Agency am Donnerstag mit. Trotz Corona-Krise seien im vergangenen Jahr 78 „Brexit“-Unternehmen in die Niederlande gezogen, genauso viele wie 2019. „Nicht nur die Anzahl der Kontakte wächst weiter, auch die Zahl der Unternehmen, die sich nach dem Brexit für die Niederlande entschieden haben, nimmt zu“, behauptete die Agentur. Die Neuankömmlinge wollen in den ersten drei Jahren demnach insgesamt 6.000 Arbeitsplätze schaffen und 544 Millionen Euro investieren.

Besonders Amsterdam weckt das Interesse britischer Geschäftsleute. Dort haben sich vor allem Unternehmen aus den Bereichen Handel und Finanzen, Medizin und Landwirtschaft sowie Logistik und Vertrieb angesiedelt. Sie wollen damit sicherstellen, nach dem EU-Austritt Großbritanniens weiterhin ungehinderten Zugang zum Binnenmarkt der Europäischen Union zu haben.

Amsterdams Aufstieg

London musste die Führungsposition unter den europäischen Aktien-Handelsplätzen Anfang des Jahres an Amsterdam abtreten. An den dortigen Börsen wurden im Januar mehr Aktien gehandelt als an der Themse, wie aus Daten der Terminbörse Cboe Europe hervorgeht. Demnach betrug das tägliche Handelsvolumen in Amsterdam 9,2 Milliarden Euro, verglichen mit 8,6 Milliarden Euro in London.

Der englischsprachige Dienst von Reuters berichtet, dass Amsterdam darüber hinaus London im vergangenen Jahr auch als wichtigsten Standort in Europa für Börsengänge abgelöst habe. Zudem sei die Stadt vor New York und London zum weltweiten Zentrum für die Abwicklung von in Euro denominierten Zins-Swapgeschäften aufgestiegen – ein Markt, der im vergangenen Jahr ein Volumen von 135 Billionen US-Dollar aufwies.

Der Aufstieg Amsterdams war eingeläutet worden, als die europäischen Cboe-Aktienplattformen und die in London angesiedelte Handelsplattform Turquoise dort aktiv wurden. Cboe gab gegenüber Reuters bekannt, in den kommenden Wochen den Handel mit Aktien-Derivaten in Amsterdam zu eröffnen.

Amsterdam wird zudem der Sitz der europäischen Handelsplattform für Kohlenstoffdioxid-Emissionsrechte werden, wenn die bislang in London ansässige Intercontinental Exchange dorthin umgezogen sein wird.

Dienstleistungen waren bei den Verhandlungen über einen Brexit-Handelspakt zwischen der EU und Großbritannien außen vor geblieben. Britische Finanzdienstleister haben mit dem Ende der Brexit-Übergangsphase zum Jahreswechsel ihren automatischen Zugang zum EU-Binnenmarkt verloren. Das führte zwar nicht zum befürchteten großen Exodus aus der Londoner City, doch viele Banken gründeten Ableger in Städten wie Paris, Amsterdam oder Frankfurt. Dadurch wanderten etwa 7.000 Arbeitsplätze ab. Bis März wollen sich London und Brüssel über die gegenseitige Anerkennung von Standards - Äquivalenz genannt - einig werden. Die Dienstleistungsbranche insgesamt macht rund 80 Prozent der britischen Bruttowertschöpfung aus.

Holländische Bonus-Regeln können Zuflüsse mindern

Bloomberg beschreibt die tieferen Gründe für den relativen Erfolg der größten niederländischen Stadt folgendermaßen:

Vielleicht profitieren die Niederlande von den historischen Beziehungen, die von anglo-niederländischen Unternehmen wie Royal Dutch Shell Plc und Unilever Plc symbolisiert werden. Entscheidend ist, dass Englisch weit verbreitet ist. Amsterdam ist auch eine Drehscheibe für Hochfrequenzhandelsunternehmen mit der gesamten dafür erforderlichen Netzwerkinfrastruktur.

Was auch immer die Gründe sein mögen, der Anstieg der Geschäftsvolumen dürfte in einem mehr als ein einmaliger Erfolg sein. Es entsteht der Eindruck, dass der niederländische Finanzmarkt tiefer und liquider wird. Jetzt, da der Brexit Realität ist, werden Unternehmen, die über eine Verlagerung ihres Standorts nachdenken, wahrscheinlich zuerst fragen: Großbritannien oder Kontinentaleuropa? Wenn es eine Tendenz für Europa gibt, wird Amsterdam neben Paris, wo sich die EU-Marktregulierungsbehörde ESMA befindet und Frankfurt, dem Sitz der Europäischen Zentralbank, zu einem stärkeren Konkurrenten.

(…)

Nichts davon macht Amsterdam zum absoluten Favoriten, um Europas Top-Finanzzentrum in allen Anlageklassen zu werden. Dort wo Unternehmen in der EU Notfalloperationen für den Brexit eingerichtet haben, ist es sinnvoll, diesen Brückenkopf auch weiter auszubauen. Auch Frankfurt und Paris profitieren von dieser Dynamik. (…) Eine niederländische Regel, die Boni auf 20 Prozent des Gehalts begrenzt, bleibt ein wichtiges Hindernis für Amsterdams weitere Expansion als Finanzzentrum.

Großbritanniens neue, symbolische Unabhängigkeit

Der Umzug britischer Finanzdienstleister aus London nach Amsterdam und in andere Zentren der EU wie Paris, Dublin und Frankfurt zeigt die Notwendigkeit, auf dem Kontinent präsent zu sein. „Sie brauchen Zentraleuropa, um auf globaler Ebene wettbewerbsfähig zu sein. Eine Präsenz in einem eher insularen Europa oder zu viele Nationalinteressen erschweren dies beträchtlich“, sagte der Europa-Chef von Cboe zu Reuters.

Die niederländische Zeitung de Volkskrant kommentierte die formelle Unabhängigkeit Großbritanniens von der EU bei bleibenden Abhängiggkeiten auf wirtschaftlicher Ebene Ende des vergangenen Jahres folgendermaßen:

„In symbolischer Hinsicht ist das Handelsabkommen ein Sieg für die Brexiteers. Sie lösen sich von der Europäischen Union. In seiner bekannten Manier verkaufte Premierminister Boris Johnson den Deal dann auch als großen Sieg über Europa. Das Vereinigte Königreich sei wieder souverän.

Diese Souveränität ist jedoch weitgehend symbolisch. Im Austausch für den Zugang zum europäischen Markt hat Großbritannien zugesagt, sich an europäische Standards zu halten, beispielsweise bei der Umwelt, den Arbeitsbedingungen oder bei staatlichen Beihilfen. Europa gewährt Großbritannien dabei einen gewissen Spielraum, aber wenn die Briten zu weit von den europäischen Standards abweichen, kann die EU trotzdem Zölle und Quoten verhängen.

Es liegt auf der Hand, dass sich britische Unternehmen an europäische Standards halten werden, weil sie ihre Position auf dem lukrativen Binnenmarkt nicht verspielen wollen. Mit anderen Worten: Das "freie" und "unabhängige" Großbritannien wird wahrscheinlich mit Europa im Gleichschritt bleiben, nur wird es bei den europäischen Regeln nicht länger mitreden können.“

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