Finanzen

US-Geldmenge sprengt alle Kategorien – Vorboten eines inflationären Jahrzehnts?

Die in den Vereinigten Staaten zirkulierende Geldmenge explodiert. Die Preise im Dollar-Raum dürften merklich anziehen, die Währung unter Druck geraten.
23.04.2021 15:00
Aktualisiert: 23.04.2021 15:46
Lesezeit: 4 min
US-Geldmenge sprengt alle Kategorien – Vorboten eines inflationären Jahrzehnts?
Dollar-Scheine. (Foto: dpa)

In den Vereinigten Staaten und dem Dollar-Raum insgesamt ist das Volumen der zirkulierenden Geldmenge seit Beginn der Corona-Pandemie vor etwa einem Jahr sprichwörtlich explodiert. Daten der Federal Reserve Bank of Saint Louis zufolge schwoll das Volumen der liquiden Geldmenge M1 (Banknoten, Münzen, Guthaben auf Tagesgeldkonten sowie Reisechecks) zwischen März 2020 und Februar 2021 von rund 4,3 Billionen US-Dollar auf 18,4 Billionen Dollar an und hat sich damit innerhalb von nur 11 Monaten mehr als vervierfacht.

Der im langfristigen Vergleich drastische Anstieg der Geldmenge M1 und der daraus resultierende Strukturbruch geht aus folgender Grafik der Federal Reserve Bank of Saint Louis deutlich hervor:

Auch die Geldmenge M2 – zu der neben den unter M1 subsummierten Geldmengen noch auf Sparkonten festverzinste Guthaben, Anlagefonds und Geldmarktpapiere gehören – ist seit Ausbruch der Pandemie kräftig gewachsen, und zwar von rund 15,5 Billionen US-Dollar im Februar 2020 auf rund 20 Billionen US-Dollar im Februar des laufenden Jahres.

Nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnung der Geldmengenentwicklung durch die US-amerikanische Zentralbank im Jahr 1959 wuchs die Geldmenge so extrem wie in den zurückliegenden Monaten.

Mehr noch: Die etwa 25-prozentige Ausweitung der M2-Geldmenge im Jahr 2020 ist in etwa doppelt so stark wie jene Anstiege zu Anfang und in der Mitte der 1970er Jahre (10 bis 13 Prozent), welche rückblickend zu einer Phase hoher Inflation in den USA führte. Diese gipfelte im Jahr 1980 in einer Jahresinflation von 14 Prozent und einer bedeutenden Abwertung des Dollars gegenüber anderen wichtigen Währungen an den Devisenmärkten.

Dieser historische Rückblick lässt selbstverständlich keine belastbaren Schlüsse auf eine möglicherweise kurz bevorstehende inflationäre Ära zu, weil solch komplexe Vorgänge wie die Preisentwicklung einer ganzen Volkswirtschaft und – wie im Fall der USA – in einem Weltleitwährungssystem – durch eine ganze Reihe gewichtiger Faktoren beeinflusst werden und sich deshalb nicht eins zu eins wiederholen. Dennoch stellt das enorme Geldmengenwachstum eine wichtige Vorbedingung für auf breiter Front steigende Preise dar.

Die inflationäre Phase, welche das Amerika der 1970er und 1980er Jahre kennzeichnete, konnte übrigens nur durch eine radikale Straffung der Geldpolitik überwunden werden, zu der auch eine Anhebung des US-Leitzinses auf bis zu 22 Prozent gehörte. Angesichts der aus dem Ruder gelaufenen Schuldenstände von Staaten, Unternehmen und Haushalten auf der ganzen Welt sind solche restriktiven geldpolitischen Manöver heute nicht mehr gangbar. Im Gegenteil: die hohe Verschuldung von heute bedarf noch tieferer Zinsen morgen.

Die Entwicklung der Geldmenge in den USA selbst korrespondiert mit einem deutlichen Anstieg der weltweit zirkulierenden Dollar-Bargelder. Die starke Nachfrage nach Dollar-Scheinen auf allen Kontinenten im Pandemiejahr 2020 und darüber hinaus hatte die Federal Reserve erst Anfang des laufenden Jahres dazu gezwungen, so viele 100-Dolllar-Scheine zu produzieren wie noch nie zuvor.

Die Inflation wirft ihre Schatten voraus

Die extreme Ausweitung der Geldmenge innerhalb nur eines Jahres könnte schon auf kurze Sicht zu einem deutlichen Anstieg der Preise auf breiter Front führen und die Geldentwertung im Dollar-Raum antreiben. Dies hat vornehmlich zwei Gründe:

Zum einen stellt ein Anstieg der Geldmenge eine zentrale Vorbedingung für das Entstehen inflationärer Phasen dar. Je stärker sich das in einer Volkswirtschaft zirkulierende Geld-Volumen in einem bestimmten Zeitraum aufbläht, umso mehr Geldeinheiten stehen den in diesem Zeitraum insgesamt produzierten Gütern und Dienstleistungen gegenüber – die Folge ist ein grundlegender Preisauftrieb, weil die Kaufkraft der betroffenen Währung abnimmt.

Damit die Preise für Güter und Dienstleistungen aber tatsächlich auf breiter Front steigen, bedarf es noch eines zweiten Einflussfaktors – der Umlaufgeschwindigkeit. Wenn diese langsam ist, entfaltet die in Umlauf befindliche Liquidität weniger preistreibende Wirkung, als wenn das Geld schnell und häufig den Besitzer wechselt.

Die Tatsache, dass die schon seit der Finanzkrise von 2008 von den wichtigsten Zentralbanken betriebene Zuführung enormer Liquiditätsvolumina an den Finanzsektor zu keiner spürbaren Inflation in der Realwirtschaft führte, ist teilweise der langsamen beziehungsweise gar nicht vorhandenen Umlaufgeschwindigkeit des aus dem Nichts erschaffenen Geldes geschuldet. Die von den Zentralbanken in der Vergangenheit geschöpften Hilfsgelder in Billionenhöhe (unter anderem durch Ankaufprogramme für Staatsanleihen) wurden von den Finanzinstituten kaum als Kredite an Unternehmen ausgereicht, sondern verblieben größtenteils im Bankensystem und führten zur Aufblähung einschlägiger Anlagemärkte wie den Aktien- oder Immobilienmärkten.

Die von der Biden-Administration betriebene Hilfspolitik zur Abfederung der durch die Corona-Pandemie entstandenen wirtschaftlichen Schäden könnte dies nun ändern.

Denn Bidens Hilfspolitik beinhaltet neben den seit Jahren betriebenen – und zuletzt noch einmal massiv ausgeweiteten – Liquiditätsinjektionen in das Finanzsystem durch die Zentralbank auch eine direkte Finanzierung der amerikanischen Haushalte („Helikoptergeld“). Diese direkte Finanzierung der Bürger ist auch der Haupttreiber des Geldmengenwachstums in den vergangenen 12 Monaten gewesen.

Die Ausgabe von Konsum-Schecks und Ausschüttungen von Einmal-Zahlungen spülte schuldenfinanziertes Geld in dreistelliger Milliardenhöhe in die Taschen der Bürger, welche es in der auf Binnenkonsum ausgerichteten US-Wirtschaft in Verkehr brachten oder noch bringen werden. Auf diesen schuldenfinanzierten Nachfrageschub dürften steigende Preise folgen.

Im März markierte der Konsumentenpreisindex mit 2,6 Prozent bezogen auf März 2020 den stärksten Anstieg seit Sommer 2018. Der Produzentenpreisindex legte um 4,3 Prozent zu. Dem Wall Street Journal zufolge leiten die Produzenten die steigenden Kosten bereits an die Kunden weiter. Sichtbar wird die anziehende Inflation auch an der Tankstelle. Dort sind die Preise für Sprit im landesweiten Durchschnitt in den vergangenen Wochen um rund ein Drittel gestiegen.

Die an die Saudis gerichtete Bitte Bidens, für „bezahlbares Öl“ zu sorgen, muss vornehmlich vor diesem Anstieg der Lebenshaltungskosten verstanden werden. Denn Rohöl stellt eben nicht nur den Grundstoff für Benzin dar, sondern ist darüber hinaus in verarbeiteter Form in zehntausenden Artikeln des täglichen Bedarfs (genannt seien nur Plastik- und Kunststoffbauteile, chemische Produkte oder Kosmetika) vorhanden.

Zentralbank-Präsident Jerome Powell hatte unlängst angekündigt, Inflationszahlen über dem offiziellen Ziel von 2 Prozent per annum künftig für eine nicht exakt festgelegte Zeitspanne zu „tolerieren“. Mit Blick auf diese zur Schau gestellte Bereitschaft der Fed, die Geldentwertung für einige Zeit „überschießen“ zu lassen, erheben sich warnende Stimmen. So sagte der frühere Finanzminister Larry Summers, die von Biden aufgelegten Konjunkturpakete könnten einen „inflationären Druck aufbauen, wie wir ihn seit einer Generation nicht gesehen haben.“

Der republikanische Senator Rick Scott wird vom Magazin The Federalist mit den Worten zitiert: „Es wird jetzt Zeit für Biden, aus seinem liberalen Traum aufzuwachen und anzuerkennen, dass ausufernde Investitionen Konsequenzen haben, Inflation real ist und Amerikas Schuldenkrise an Schärfe zunimmt. Die Inflation steigt an und die Amerikaner verdienen nun Antworten.“

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