Deutschland

Deutschland nach Corona: Wir werden in einem anderen Land aufwachen

DWN-Kolumnist Ernst Wolff redet Klartext: Dass die Pandemie bald überwunden ist, bedeutet nicht, dass wir in unser gewohntes Leben zurückkehren werden.
Autor
avtor
30.05.2021 09:51
Aktualisiert: 30.05.2021 09:51
Lesezeit: 5 min
Deutschland nach Corona: Wir werden in einem anderen Land aufwachen
Die Parkour-Kletterer, wie hier Franziska Heyn in Kiel, werden an verödeten Innenstädten ihren Spaß haben - die meisten Menschen aber nicht. (Foto: dpa)

„Das Ende der Corona-Krise naht“: So die Botschaft, die die Medien derzeit verbreiten. Schrittweise Lockerungen sollen uns nach und nach aus dem Lockdown herausführen, Kontakt- und Ausgangsverbote sowie Reiseeinschränkungen sollen bald der Vergangenheit angehören.

Doch stimmt das? Werden wir in Kürze wieder in unser altes Leben zurückkehren können? Wohl kaum, denn die angeblichen Lockerungen gehen mit erheblichen Einschränkungen einher. Die Teilhabe am öffentlichen Leben wird an Bedingungen wie Testung oder Impfung geknüpft, und unser Alltag wird von einer willkürlich von der Regierung festgelegten Größe, dem Inzidenzwert, abhängen.

Auch das Recht auf Meinungsfreiheit, so wie es bis zu Beginn der Pandemie gegolten hat, wird nicht zurückkehren. Das kann es auch gar nicht, denn es liegt seit 2020 nicht mehr in den Händen der Politik. Wie wir in den vergangenen Monaten immer deutlicher erfahren haben, wird Zensur in unseren Tagen nicht mehr von staatlichen Stellen, sondern von internationalen IT- und Medienkonzernen ausgeübt – ohne dass die Regierung etwas dagegen unternehmen würde.

Die beschriebenen Einschränkungen sind aber bei weitem nicht alles, was uns erwartet. Zum einen haben die wirtschaftlichen Maßnahmen, die im Rahmen des Lockdowns angeordnet wurden, ihre volle Wirkung noch lange nicht entfaltet. Zum anderen kommt ein Prozess hinzu, den die Politik und ein großer Teil der Medien fast vollständig verschweigen, der unser aller Leben aber nachhaltig verändern wird: der Übergang in eine umfassend digitalisierte Arbeitswelt.

Viele Folgen des Lockdowns stehen uns noch bevor

Im Rahmen des Lockdowns sind große Bereiche der Wirtschaft stillgelegt worden. Sichtbar für uns alle war die Schließung von Einzelhandelsgeschäften, Restaurants, Hotels, Fitnessstudios und Frisiersalons. Nicht zu übersehen waren auch die riesigen Einbrüche im Bahnverkehr, in der Luftfahrt, der Touristik und der Logistik zu Land und zu Wasser.

Weniger sichtbar dagegen waren die Unterbrechungen von Lieferketten. Deren Folgen haben bisher nur die Produktionsbetriebe zu spüren gekriegt, und es wird mit Sicherheit noch eine Weile dauern, bis die Auswirkungen beim Konsumenten ankommen. Dann allerdings mit aller Härte, denn man kann davon ausgehen, dass das Warenangebot in absehbarer Zeit unter erheblichen Lieferausfällen leiden und die Preise daher steigen werden.

Besonders hart werden wir alle die Knappheit an Mikrochips und Halbleitern zu spüren kommen. Ihr Ausfall sorgt bereits seit Wochen weltweit für große Probleme, unter anderem in Bereichen, in denen man sie am wenigsten vermuten würde. Wer weiß schon, dass die Landwirtschaft weltweit auf Mikrochips angewiesen ist, weil die meisten Landmaschinen nicht mehr ohne Elektronik auskommen? Im Bereich der Nahrungsmittel dürfte es im Herbst wegen der Knappheit zu ersten Engpässen und damit zu kräftigen Preiserhöhungen kommen.

Nicht anders sieht es im Bereich der Rohstoffe aus. Normalerweise steigen die Preise hier infolge hoher Nachfrage. Nicht so im Gefolge des Lockdowns: Diesmal steigen sie vor allem wegen der Stilllegung eines großen Teils der Containerschifffahrt und der Luftfracht, die dazu geführt hat, dass die Preise beim übrig gebliebenen Rest der Flotten kräftig erhöht wurden.

Ein weiterer Prozess, der von der breiten Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen wird, ist der Todeskampf vieler mittelständischer Unternehmen. Zwar hat die Wiedereinsetzung der Insolvenzantragspflicht zum 1. Mai nicht zu der befürchteten Welle an Anträgen geführt, doch ist das bei weitem kein Zeichen dafür, dass sich die Situation in diesem Bereich entspannt hätte.

Im Gegenteil: Viele Kleinunternehmen sind einen leisen Tod gestorben, haben ihre Tätigkeit bereits eingestellt und stellen daher keinen Insolvenzantrag mehr. Viele mittelgroße Unternehmen dagegen sind zur Zielscheibe von Übernahmen geworden. Zurzeit sind ganze Scharen ausländischer - vor allem chinesischer - Scouts in Deutschland unterwegs, um nach günstigen Übernahmekandidaten Ausschau zu halten.

Folgenschwere Kettenreaktion

Aber auch viele Mittelständler, die bisher mit einem blauen Auge davongekommen sind, konnten die vergangenen Monate zu einem großen Teil nicht ohne zusätzliche Kreditaufnahme bewältigen. Diese Kredite zu bedienen und abzuzahlen, wird angesichts der zögerlichen Wirtschaftsentwicklung und der Inzidenz-Unsicherheit schwierig werden.

Besonders hart wird es den Einzelhandel treffen. Er hat bereits extrem unter den einschränkenden Maßnahmen gelitten und muss nun mit einem neuen Problem fertig werden: Viele Kunden haben sich in der Zeit des Lockdowns an Online-Bestellungen gewöhnt und werden diese Angewohnheit wohl aus purer Bequemlichkeit beibehalten.

Die Zunahme der Verschuldung und der Rückgang der Kundenzahlen werden aber nicht nur unzählige Einzelhändler in den Bankrott treiben. Die Schließung ihrer Läden wird auch ihre Vermieter schwer treffen. Und nicht nur das: Die Einführung des Homeoffice wird zur endgültigen Schließung von tausenden von Büros führen und riesige Löcher in die Kassen gewerblicher Vermieter reißen.

Selbst diejenigen, die heute glauben, nicht von den Folgen des Lockdowns betroffen zu sein, werden in absehbarer Zeit eines Besseren belehrt werden. Ein großer Teil der Folgen des Lockdowns ist ja von staatlicher Seite abgemildert worden. Es wurden zum einen riesige „Rettungsgelder“ gezahlt, zum anderen Milliarden in Form von Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen vergeben.

Diese Sonderausgaben haben gewaltige Löcher in die Staatskasse gerissen, und um sie zu stopfen, gibt es nur zwei Mittel: Steuererhöhungen und Kürzungen bei den Sozialleistungen. Sieht man sich das Ausmaß der Neuverschuldung an, so kann man wohl davon ausgehen, dass uns allen eine Austeritätspolitik droht, die das, was wir im Rahmen der Eurokrise in Griechenland gesehen haben, in den Schatten stellen wird.

Das mit Abstand größte Problem: Die Digitalisierung der Arbeitswelt

Lassen diese Entwicklungen bereits nichts Gutes erwarten, so droht im Hintergrund ein Problem, das alles Erwähnte bei Weitem übertreffen wird: Der „Great Reset“, bei dem es sich keinesfalls um eine Verschwörungstheorie, sondern um den Übergang unserer bisherigen Arbeitswelt in das digitale Zeitalter handelt.

Dieser Übergang vollzieht sich seit einiger Zeit und ist durch den Lockdown extrem beschleunigt worden. Ob Online-Bestellung, Online-Banking, Home-Office oder Home-Schooling, ob Click-and-buy oder Ticketing, ob Zoom-Konferenz oder private Treffen im virtuellen Raum – all das sind Dinge, die uns von den Digitalkonzernen im Lockdown schleichend aufgezwungen wurden und die unser Leben von Grund auf verändern werden.

Sie bedeuten nämlich den Wegfall von Millionen von Arbeitsplätzen. Die Online-Bestellungen haben ja bereits hunderttausende von Verkäuferinnen und Verkäufern arbeitslos gemacht. Das Online-Banking hat zur Schließung von tausenden Bankfilialen geführt, doch all das ist erst der Anfang: Die Digitalisierung wird zum größten Job-Kahlschlag in der gesamten Geschichte der Wirtschaft führen.

Die Arbeiterschaft wird durch die Einführung von Robotern, 3-D-Druckern und autonomen Fahrzeugen weitgehend überflüssig gemacht werden, im Bereich der Verwaltung wird man hunderttausende Arbeitsplätze einsparen, das Homeschooling wird ganze Armeen von Lehrern in die Arbeitslosigkeit schicken. Ob Reinigungskraft, Sachbearbeiter, LKW-Fahrer oder Steuerberater – kein einziger Beruf wird von der Digitalisierung verschont werden.

Das aber schafft das größte aller Probleme: Diejenigen, die auf Grund dieser Entwicklung ihre Arbeit verlieren, werden keinen Job mehr finden und nicht nur auf Dauer arbeitslos werden, sondern in unserer konsumgetriebenen Wirtschaft als Konsumenten ausfallen.

Die nächste Geldschwemme kommt bestimmt

Um sie wieder in das System einzugliedern und dieses zu stabilisieren, muss also der Staat eingreifen. Da er aber bereits jetzt finanziell überfordert ist, bleibt ihm nur ein Mittel: Er wird auf die Zentralbank zurückgreifen und sie veranlassen müssen, die ausgefallenen Konsumenten Monat für Monat mit frisch geschöpftem Geld zu versorgen, um so den Wirtschaftskreislauf in Gang zu halten.

Wie das geschehen soll, zeichnet sich bereits ab: Die Zahlungen werden höchstwahrscheinlich in Form des „universellen Grundeinkommens“ erfolgen. Das wird möglicherweise sogar von vielen Empfängern begrüßt werden, aber es wird mit Sicherheit nicht ohne Bedingungen ausgehändigt werden.

So wird man dafür sorgen, dass das Geld nicht gespart, sondern zur Ankurbelung der Wirtschaft möglichst rasch wieder ausgegeben wird - sehr wahrscheinlich, indem man das universelle Grundeinkommen in Form von digitalem Zentralbankgeld ausgibt und es mit einem Ablaufdatum versieht oder mit einem negativen Zins belegt.

Die Folgen dieser Maßnahme lassen sich bereits voraussehen, denn eine Geldschwemme, die auf ein weitgehend stagnierendes Warengebot trifft, schafft den idealen Nährboden für die Inflation. Um seine Rolle als Wirtschaftstreiber zu erfüllen, wird das universelle Grundeinkommen konstant erhöht werden müssen. Damit wird die Inflation, die in den vergangenen Jahren nur an den Finanz- und Immobilienmärkten zu sehen war, unwiderruflich in unseren Alltag einkehren.

Der Bankrott weiter Teile des Mittelstands, die Explosion der Arbeitslosigkeit und das Anziehen der Inflation werden zeigen: Corona war nichts anderes als ein Brandbeschleuniger in einem systemischen Verfallsprozess, der weiter andauern und uns in eine überaus unsichere Zukunft führen wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Ernst Wolff

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Nach tiefstem Stand seit sechs Monaten stabilisiert sich der Goldkurs leicht
11.06.2026

Der Goldpreis zeigt sich am Donnerstagmorgen nach den deutlichen Verlusten der vergangenen Tage nur verhalten erholt. Zwar notiert das...

DWN
Technologie
Technologie Porsche-Chef: 911er wird es nicht elektrisch geben
11.06.2026

Der Porsche 911 genießt Kultstatus unter Sportwagenfans. Aber wird es ihn künftig auch elektrisch geben? Der Porsche-Chef macht eine...

DWN
Politik
Politik Emiratische Ölgesellschaft verkauft große Mengen Rohöl aus dem Persischen Golf nach Asien
11.06.2026

Die staatliche Ölgesellschaft von Abu Dhabi, Adnoc, verkauft große Mengen Rohöl aus dem Persischen Golf an Händler und Raffinerien in...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street stürzt wegen Inflationshoch ab
10.06.2026

Turbulenzen an den US-Börsen: Erfahren Sie, welche Faktoren die Anleger in Alarmbereitschaft versetzen und warum nicht alle Aktien dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvente Perlon-Gruppe: Deutscher Weltmarktführer geht an China
10.06.2026

Die deutsche Chemie ist in einer schwierigen Lage, geplagt von hohen Kosten, schwachem Weltmarkt und chinesischer Konkurrenz. Ein...

DWN
Politik
Politik Bürgerkrieg in Belfast: Tödliche Messerattacken erschüttert das Vereinigte Königreich
10.06.2026

Ein sudanesischer Asylbewerber hat in Belfast einen Mann niedergestochen. Daraufhin kommt es zu schweren Ausschreitungen. Der erneute...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Personalabbau bei Chemieriese Evonik: 1.850 Arbeitsplätze fallen weg
10.06.2026

Deutschlands Industrie baut weiter ab: Der Essener Chemiekonzern Evonik streicht 1.850 Stellen bis Ende 2026. Die Krise der deutschen...

DWN
Politik
Politik Infrastruktur-Sondertopf: Investitionen laufen nur schleppend an
10.06.2026

Mit einem 500 Milliarden Euro schweren Sondertopf will die Bundesregierung den jahrelangen Investitionsstau in der deutschen Infrastruktur...