Politik

Afghanistan: Stecken die USA und die Taliban unter einer Decke?

Lesezeit: 4 min
22.08.2021 14:23  Aktualisiert: 22.08.2021 14:23
Was steckt wirklich hinter dem plötzlichen Abzug der Amerikaner aus Afghanistan?
Afghanistan: Stecken die USA und die Taliban unter einer Decke?
Der damalige US-Außenminister Mike Pompeo (l) trifft Ende November 2020 den Vize-Chef der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, im Rahmen der Gespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung in Doha, Katar. (Foto: dpa)
Foto: Patrick Semansky

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Hunderttausende Afghanen sind während des 20 Jahre währenden Krieges getötet oder verletzt worden. Fast 3.600 alliierte Soldaten sind gefallen, die Kriegskosten belaufen sich auf über zwei Billionen Dollar. Wofür das alles? In einem mir noch aus der Jugend bekannten Arbeiterlied heißt es: „Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst, damit du weißt, was du machen sollst, damit du einmal besser leben wirst“. Gibt es Ziele, mit denen sich die gewaltigen Opfer rechtfertigen lassen? Gibt es Ziele, mit denen sich das Agieren der politischen Führung der westlichen Welt erklären lässt, einschließlich des kaum verständlichen Handelns der letzten Tage? Und schließlich: Ist es wirklich so, dass unsere Freiheit an Hindukusch verteidigt wurde?

Und weiter: Ist es nicht so, dass sich das Credo der Taliban durch seine Stringenz und Konsequenz gegen das Credo der westlichen Demokratien durchgesetzt hat, weil das westliche Credo von Freiheit und Menschenrechten nur das Mäntelchen ist, unter dem sich das Prinzip des Rechts des Stärkeren versteckt? Im Endeffekt ist es doch so: Der Westen verfügt über viel zu wenig ideelle Substanz, um konsequent – das heißt, unter Inkaufnahme eigener Verluste - für die Demokratie einzutreten.

Was wird die Welt von uns denken? Nicht zuletzt China, dass mit einem sehr viel substanzielleren ideologischen Fundament und noch stärkerer Stringenz in wenigen Jahrzehnten die größte zivilisatorische Leistung der Menschheit vollbracht hat und zur Weltmacht aufgestiegen ist. Den westlichen Demokratien mangelt es an einer derartigen ideologischen Spannung, aus der heraus Kräfte entwickelt und auf Ziele konzentriert werden können.

Wieso verlässt die westliche Allianz eines der reichsten Bergbauregionen der Welt – mit Bodenschätzen und seltenen Erden im Wert von geschätzten 3 Billionen US-Dollar? Seltenen Erden, die unverzichtbar sind „für Lithiumbatterien und Computerchips, die disruptive Technologien antreiben, darunter Laptops und mobile Geräte bis hin zu GPS-Systemen, präzisionsgelenkten Waffen, Drohnen, Satelliten, Tarnkappenflugzeugen und Hyperschallwaffen.“ In einem Umfang, der die Abhängigkeit des Westens bei seltenen Erden von China verringern würde.

Was wurde zwischen den USA und den Taliban in Doha vereinbart? War man so fokussiert auf einen geschichtsträchtigen Rückzug zwanzig Jahre nach dem 11. September 2001, dass man sich mit ein paar butterweichen Zusagen der Taliban und dem weiteren Betrieb der Abhöranlagen

zufriedengab? Oder sind die Taliban die neuen Partner der USA anstelle der Saudis – das heißt, sind die Taliban bereit, amerikanische Interessen in der Region gegen China, Russland und den Iran zu vertreten? Und gibt es vielleicht längst Verträge, mit denen der Westen, allen voran die USA, sich den Zugriff auf die Bodenschätze gesichert hat?

Hatten die Nachrichtendienste tatsächlich keine Lagebilder zur Verfügung, die ihnen reale Lageeinschätzungen und Prognosen ermöglichten, aus denen sich die gegenwärtigen Entwicklungen hätten ableiten lassen? Hatten die deutschen Dienste dort überhaupt noch eigene Kräfte oder haben sie

sich blind auf die Amerikaner verlassen – weil die deutschen Soldaten raus waren? Die USA unterhalten in Afghanistan Abhöranlagen, mit denen sich lückenlos die Kommunikation zwischen Moskau, Teheran, Peking und Karatschi abhören lässt. Gab es da keine freien Kapazitäten mehr für die regionale Kommunikation – während man sich in anderen Regionen primär um die regionale Kommunikation kümmert und dadurch äußere Bedrohungen vernachlässigt? Oder ist ihr (Nicht-) Wirken der Nachrichtendienste Teil eines Redesigns? Wäre damit das massive Vorrücken der Taliban erklärbar: Weil es mit Zustimmung der Amerikaner erfolgte?

Wieso beschuldigt der amerikanische Präsident Joe Biden die Afghanen, nicht hart genug zu kämpfen und deren Anführer, weil sie geflohen sind? Wofür sollten welche Afghanen kämpfen? Für ihre Anführer – wie dem mit Koffern voller Bargeld und Angst vor Vergeltung geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani? Woher hatte er all das Bargeld? Entschleierung, Verwaltungsstrukturen und Wasserleitungen für das Volk, Milliarden für die Kollaborateure, Rohstoffe, Absatzmärkte und Einfluss für den Westen? Lief das mal irgendwo erfolgreich anders?

Wie werden sich die Bilder aus Kabul – dem neuen Saigon – auf die Lage im Irak auswirken? Und in Mali? Werden sich die den Westen unterstützenden lokalen Kräfte, die von ihren Landsleuten als Kollaborateure wahrgenommen werden, nicht fragen, ob sie auf der richtigen Seite kämpfen? Werden sich nicht selbst viele Menschen in Deutschland fragen, was amerikanische Truppen auf deutschem Boden machen – außer, als Wirtschaftsfaktor zu dienen?

Warum ist die Bundesregierung sehenden Auges in diese Lage geschlittert? Meinten die Regierungsparteien, sie könnten die Verhandlungen der Bundesregierung mit den Taliban bis nach der Bundestagswahl verzögern, um Diskussionen über neue Flüchtlinge aus dem Wahlkampf heraushalten zu können? Haben die Russen vielleicht die Taliban motiviert, um der deutschen Bevölkerung die Hilflosigkeit und das wertfreie Aufeinander draufhauen der politischen Eliten vor Augen zu führen?

Seit dem 16. August Afghanistan auf allen Kanälen. An dem Tag allein 14 Artikel auf t-online. Ich habe nicht alle gelesen. Möchte mich jemand auf einen einzigen Artikel aufmerksam machen, der sich mit dem auch in Afghanistan zum Ausdruck kommenden systemischen Versagen der Demokratie sowie damit beschäftigt, wie man davon wegkommt? Afghanistan als Geschäft um Klicks und Auflage, das in einem solchen Nachdenken keinen Sinn sieht – Afghanistan als verderbliche Ware, die nach ein paar Tagen keinen Wert mehr hat. Als Ware, für die 150.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten im Einsatz waren, für die 59 deutsche Soldaten ihr Leben hergeben mussten und für die sich die politische Elite nicht verantwortlich sieht. Selbst wenn jetzt Bundeskanzlerin Angela Merkel Fehleinschätzungen zum Ausdruck bringt - ein Ende der Verdrängung ist nicht in Sicht.

Bernd Liske (Jg. 1956 / studierter Mathematiker) ist Inhaber von "Bernd Liske Informationsmanagementsysteme". In seinen Büchern und Artikeln setzt er sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen unserer Gesellschaft auseinander. Unter anderem stellt er Wege zur Diskussion, wie die westlichen Demokratien eine nachhaltige Zukunft gestalten können.


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