Politik

Die Ringparabel aus "Nathan der Weise": Warum Joe Biden einmal Lessing lesen sollte

Lesezeit: 3 min
23.09.2021 11:08  Aktualisiert: 23.09.2021 11:08
DWN-Autor Rüdiger Tessmann hat einen meinungsstarken Artikel verfasst, mit dessen Aussagen nicht jeder Leser konform gehen wird - der aber gewiss zu Diskussionen Anlass gibt.
Die Ringparabel aus
Ein goldener Ring. (Foto: dpa)
Foto: Hendrik Schmidt

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Am Dienstag, also kurz nach Beendigung des amerikanischen Desasters in Afghanistan, hat Joe Biden vor der UN-Generalversammlung in New York eine Rede gehalten, in der er hervorragende politische Ideen vorstellte. Die großen Probleme dieser Welt wie die drohende Klimaveränderung, die weltweite Covid-Pandemie, die ungleiche Verteilung von Armut und Reichtum sowie die Bedrohung durch Atom-Kriege könnten wir nur in gemeinsamer Anstrengung bewältigen, so der US-Präsident. Unter seiner Regierung befinde sich Amerika nach langer Zeit nicht mehr in einem Krieg; er richte seinen Fokus stattdessen auf die Verbesserung der Infrastruktur im eigenen Lande.

Nachdem die USA bisher ihre weltweite Macht primär durch gewaltsame Regime-Changes, Wirtschafts-Sanktionen, militärische Interventionen, tausendfache Tötungen durch den Einsatz von Drohnen sowie durch die Duldung von brutalen Militärdiktaturen durchzusetzen versuchte, betont Biden nun, dass die oben genannten Probleme allein durch Bomben und Raketen nicht zu lösen seien.

Welch eine hervorragende Idee!

Die beiden Kontrahenten im großen globalen Schachspiel, China und Russland, erwähnte er in seiner Rede nicht – zumindest nicht namentlich. Zum Schluss hob er dann aber zu dem nur allzu bekannten Lobgesang auf die amerikanische Demokratie als die einzig vorbildliche Staatsform, als das einzig brauchbare Gesellschaftsmodell ab. Menschen aus wohlhabenden Staaten oder aus reichen Bevölkerungsschichten ärmerer Länder, die es sich leisten können, ihre Söhne und Töchter auf amerikanischen Universitäten zu schicken oder zum Shoppen nach Miami zu fliegen, werden diesen Lobgesang auch durchaus richtig finden. Die landlosen Campesinos in Lateinamerika, für deren Kinder es nicht einmal Schulen gibt, wo sie Lesen und Schreiben lernen, und die von nur ein paar Mais-Fladen am Tag leben müssen, denken allerdings nicht so. Sie bevorzugen Staatsformen und Gesellschaftsmodelle, in denen alle Zugang zu Schulbildung, medizinischer Behandlung, Altersrente und Unfallversicherung haben – den Schutz von unendlich gewaltigen Vermögen, wie es sie in den USA gibt, ist für sie nicht die erste Staatspflicht.

Sie und viele andere Menschen in Lateinamerika, Afrika und in arabischen und asiatischen Staaten, erleben Amerika nicht als Hoffnungsbringer für eine bessere Zukunft, sondern als Besatzungsmacht, die die Rohstoffe ihres Landes raubt und die Menschen als billige Arbeitskräfte ausbeutet. Wenn trotz der US-Sanktionen Hilfsgüter aus Russland oder aus China zu ihnen kommen, wie zum Beispiel in Venezuela oder Kuba, empfinden sie das als Hilfe und nicht als Bedrohung.

In dem Russland Vladimir Putins sehen sie nicht nur eine Diktatur, sondern den erstaunlichen Aufstieg eines Volkes nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den räuberischen Jelzin-Jahren, in denen der Reichtum des Landes von wenigen Oligarchen verkauft wurde, die den Gewinn in die eigene Tasche steckten, um ein unglaubliches Luxusleben zu finanzieren.

In China unter seinem Präsidenten Xi Jinping sehen sie nicht nur eine kommunistische Einparteien-Herrschaft, sondern einen erstaunlichen wirtschaftlichen Erfolg unter einer klugen Führung von Fachministern, deren Ziel nicht persönliche Bereicherung ist, sondern eine Harmonisierung der Gesellschaft durch planvolle Umgestaltung nach einem Vorbild, das mehr an Konfuzius als an Karl Marx oder Lenin erinnert.

Die Rede von Joe Biden dürfte zu weiten Teilen weltweite Zustimmung finden, und sie ist im Gegensatz zu den bisher gehörten Gedanken neokonservativer Wirtschaftsplaner der USA tatsächlich geradezu erstaunlich erfrischend und innovativ. Das lobpreisende Hohelied auf die amerikanische Demokratie als Schlussgesang der Rede wird dagegen nicht alle Zuhörer der diversen Staaten aus Afrika, Lateinamerika und Asien, deren Vertreter im Saale saßen, überzeugt haben.

Bei der Entscheidung darüber, ob USA, Russland oder China ihnen als Hilfsgarant oder als Vorbild gelten könnte, werden sie nicht alle die USA nennen.

Bei diesem Bild drängt sich mir der Gedanke an Lessings Ringparabel aus dem Drama „Nathan der Weise“ auf, in dem der Araber Saladin den Juden Nathan fragt, welche von den drei Religionen: Judentum, Christentum oder Islam, die einzig wahre sei.

Der weise Nathan antwortet in Form einer Geschichte, in der ein Vater seinem Sohn einen Ring zum Erbe gibt, der die Eigenschaft hat, den Träger in aller Welt beliebt zu machen. Dieser Ring soll von Sohn zu Sohn weitervererbt werden und gelangt auf diese Weise schließlich in die Hände eines Vaters von drei Söhnen. Um keinen von ihnen zu enttäuschen, lässt der Mann von einem Goldschmied zwei weitere Ringe anfertigen, die vom echten nicht zu unterscheiden sind. Nach dem Tod des Vaters bemerken die Söhne, dass sie alle drei den Ring bekommen haben und fühlen sich betrogen. Deshalb gehen sie zu einem Richter, der entscheiden möge, wer von ihnen den wahren Ring besitze. In Lessings Drama heißt es:

Der Richter sprach: „Ich höre ja, der rechte Ring

besitzt die zauberhafte Kraft, beliebt zu machen,

vor Gott und Menschen angenehm.

Das muss entscheiden! Denn die falschen Ringe werden doch das nicht können.

Nun, wen lieben zwei von euch am meisten? - Ihr schweigt?

Jeder liebt sich selber nur am meisten?

Oh, ihr seid alle drei betrogene Betrüger!

Der echte Ring vermutlich ging verloren. Den Verlust zu bergen, zu ersetzen,

ließ der Vater die drei für einen machen.

Es eifre jeder von euch um die Wette,

die Kraft des Steines in seinem Ring an den Tag zu legen.

Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun zu Hilf.“

Im Laufe der Zeit werde sich dann zeigen, wer von den Dreien am meisten Ansehen und Beliebtheit erreicht habe, so der Richter weiter. Ein anderer, weiser Richter werde dann zu späterer Zeit die dementsprechende Entscheidung fällen.

Hätten Joe Biden oder seine Redenschreiber Lessings Ringparabel gekannt, wäre der Schluss der Rede vielleicht etwas anders ausgefallen. Welches der drei Systeme bei den armen Staaten des Südens als Vorbild und Helfer empfunden wird - USA, China oder Russland -, wird die Zukunft zeigen. Fest steht: Dass einer von den dreien die anderen beiden in die Knie zwingt und dann als einzige Weltmacht übrigbleibt, das kann nicht das erwünschte Ziel sein.


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