Wirtschaft

Rohstoff-Preise steigen auf neues Rekordhoch: Kommt die Stagflation?

Der Bloomberg Commodity Spot Index, der 21 Rohstoffe von Getreide über Erdgas bis Kupfer abbildet, steht so hoch wie niemals zuvor. Vieles deutet auf eine Stagflation, wo Rohstoffe in der Vergangenheit eine gute Geldanlage darstellten.
06.10.2021 08:20
Aktualisiert: 06.10.2021 08:20
Lesezeit: 3 min

Der Bloomberg Commodity Spot Index, der die Kurse von 21 Rohstoffen aus den Sektoren Energie, Landwirtschaft, Industriemetalle und Edelmetalle abbildet, hat am Montag 1,1 Prozent im Plus geschlossen. Damit übertraf der Index seinen bisherigen Rekordstand aus dem Jahr 2011 und erreichte ein neues Allzeithoch. Seit seinem Vierjahrestief vom März 2020 hat der Index um mehr als 90 Prozent zugelegt. Im Verlauf der letzten zwölf Monate ist der Index um 48 Prozent angestiegen, seit Jahresbeginn um 30 Prozent.

Zu den größten Gewinnern in dem Index gehören Energierohstoffe wie Erdgas, das angesichts von Engpässen in Europa und China, die auf andere Teile der Welt überzugreifen drohen, stark zugelegt hat. Die Ölpreise stiegen am Montag auf den höchsten Stand seit fast sieben Jahren, nachdem die OPEC+ beschlossen hatte, das Angebot schrittweise zu erhöhen, obwohl die anhaltende Erdgaskrise die Nachfrage nach Rohöl zur Energieerzeugung ankurbeln dürfte.

Die wirtschaftliche Erholung vom Corona-Schock in den großen Volkswirtschaften hat einen Nachholbedarf an Rohstoffen ausgelöst, die in der Produktion benötigt werden. Während die Nachfrage nach Rohstoffen wieder ansteigt, ist zugleich die Erschließung neuer Bergbau- und Erdölvorkommen ins Stocken geraten, China füllt seine Erntelager auf, und die wichtigsten Agrarexporteure können infolge schlechten Wetters nur geringere Mengen liefern, wie Bloomberg berichtet.

Auch die Preise für Aluminium, Kupfer und Siliziummetall sind aufgrund der weltweiten Angebotsknappheit in die Höhe geschnellt, und eine Dürre in Brasilien hat die Kosten für Kaffee und Zucker in die Höhe getrieben. In der vergangenen Woche stiegen die Terminpreise für Baumwolle aufgrund des schlechten Wetters und der Engpässe bei der Verschiffung auf den höchsten Stand seit zehn Jahren, was in der Folge die Kosten für Kleidung weltweit in die Höhe treibt. Auch alle anderen Produkte von Benzin und Neubauten bis hin zu Fleisch und Autos verteuern sich.

Die explodierenden Haushaltsdefizite der Staaten und die anhaltend niedrigen Zinssätze haben Rohstoffe auch für Anleger attraktiver gemacht, die eine Absicherung gegen die sich ausbreitende Inflation suchen, was die Rohstoffpreise zusätzlich anheizt. Die aktuellen Preisanstiege erinnern bereits an die Ölkrise der 1970-er Jahre, als gleichzeitig wirtschaftliche Stagnation und hohe Inflation auftraten, was auch als Stagflation bezeichnet wurde. In dieser Phase waren Rohstoffe eine gute Geldanlage.

Unter Rohstoffexperten gibt es widersprüchliche Ansichten darüber, wie weit die Rallye noch gehen kann. Einige Banken, darunter JPMorgan Chase, haben die Idee geäußert, dass die Rohstoffe in einen Superzyklus eintreten - einen langfristigen Aufwärtstrend. Einige Bullen verweisen auf die Energiewende, die massive Investitionen in neue Infrastruktur mit sich bringen und insbesondere die Nachfrage nach Metallen für Batterien, nach Solarpaneelen und Windturbinen erhöhen könnte.

Doch der Rohstoffboom hat bereits Investitionen in neue Produktion ausgelöst. So erhöht beispielsweise Century Aluminum die Produktionskapazität für das Metall in einer Hütte in South Carolina, während die Demokratische Republik Kongo im Juni Gespräche über die Wiedereröffnung einer Kobaltmine im Lande bekannt gab. Zudem verhindern Corona-Maßnahmen in weiten Teilen der Welt weiterhin eine vollständige Rückkehr zur normalen Wirtschaftstätigkeit, was die Energienachfrage bremsen könnte.

Bei einigen Rohstoffen ist der Preissprung bereits wieder verpufft, da die Sorgen im Hinblick auf Versorgungsengpässe sich als übertrieben erwiesen haben. Sojaschrot und Schnittholz, die zu Beginn des Jahres 2021 in die Höhe geschossen waren, haben ihre Gewinne für dieses Jahr wieder eingebüßt. Der Goldpreis ist gefallen, da die Zentralbanken signalisieren, dass sie ihre Stimulierungsmaßnahmen reduzieren werden, und der Dollar stärker wird, was die Attraktivität des Goldes als sicherer Hafen verringert hat.

Die diesjährigen Preissteigerungen hatten China im Juni dazu veranlasst, eine Kampagne zur Eindämmung der Rohstoffpreise zu starten, indem staatliche Unternehmen angewiesen wurden, ihre Wetten auf ausländischen Rohstoffmärkten einzuschränken. Zudem wurden erstmals seit mehreren Jahren wieder Metalle wie Kupfer, Aluminium und Zink aus staatlichen Lagerbeständen verkauft. Im Kampf gegen die Inflation setzte China im Juni sogar auf Preiskontrollen.

Infolge der Energiekrise und der Beschränkungen der Umweltverschmutzung ist die chinesische Stahlproduktion stark zurückgegangen, was die Nachfrage nach Eisenerz verringert hat. Die Goldman Sachs Group hat jedoch bereits im Mai erklärt, dass die chinesischen Bemühungen um niedrigere Rohstoffpreise wahrscheinlich vergeblich sein werden, da China angesichts der starken Nachfrage aus den USA und Europa die Rohstoffpreise nicht mehr diktieren könne.

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