Finanzen

Deutsche Bank fordert EZB auf, ultralockere Geldpolitik sofort zu beenden

Die Deutsche Bank fordert die Zentralbanken angesichts der hohen Inflation zu einem raschen Umsteuern auf - und erhält breite Unterstützung aus der deutschen Finanzszene.
15.11.2021 10:56
Aktualisiert: 15.11.2021 10:56
Lesezeit: 4 min

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Christian Sewing, fordert angesichts hoher Inflationsraten ein Ende der ultralockeren Geldpolitik. „Das vermeintliche Allheilmittel in den vergangenen Jahren - niedrige Zinsen bei vermeintlich stabilen Preisen - hat seine Wirkung verloren, denn jetzt kämpfen wir mit deren Nebenwirkungen. Ich denke, dass die Geldpolitik hier gegensteuern muss – und das eher früher als später“, sagte Sewing, der auch Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) ist, am Montag zum Auftakt der „Euro Finance Week“ in Frankfurt.

Sewing betonte, die Volkswirte des größten deutschen Geldhauses teilten die Meinung der Notenbanken nicht, dass sich bei der steigenden Inflation um einen temporären Effekt handele. „Und mich persönlich macht mit Blick auf die Geldwertstabilität skeptisch, was ich in den Gesprächen mit unseren Kunden höre. Sie alle richten sich darauf ein, dass die hohen Inflationsraten länger andauern werden. Und wir wissen, was das heißt: Steigen die Inflationserwartungen, dann steigt in der Regel irgendwann auch die Inflation - und zwar längerfristig.“ Die Folgen der ultralockeren Geldpolitik würden sich immer schwerer heilen lassen, je länger die Zentralbanken nicht gegensteuern, sagte Sewing.

Cornelius Riese, Co-Chef des genossenschaftlichen Spitzeninstituts DZ Bank, erinnerte bei der Frankfurter Konferenz daran, dass die EZB in den vergangenen Jahren angesichts seinerzeit vergleichsweise niedriger Teuerungsraten vor Deflation gewarnt hatte, also einem Verfall der Preise auf breiter Front als Risiko für die Konjunktur. „Für mich stellt sich die Frage: Wo ist eigentlich das Problembewusstsein, das kommunizierte Problembewusstsein der EZB, was analog ist, was synchron ist zum Thema Inflation?“, sagte Riese.

Doch etliche Volkswirte und Banker warnen davor, die Entwicklung zu unterschätzen. „Wir sehen auch, dass das Thema Inflation nicht ganz so temporär ist, wie es möglicherweise aus politischen Kreisen postuliert wird“, sagte der neue Chef von HSBC Deutschland, Nicolo Salsano in Frankfurt.

Bafin mit klaren Worten

Die Finanzaufsicht BaFin sieht ihrem Chef zufolge in den Dauertiefzinsen eines der größten Risiken für die Branche. Auf der finanziellen Seite drehten sich die Hauptrisiken um das anhaltende Niedrigzinsumfeld, sagte der neue Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Mark Branson, am Montag auf der Branchenveranstaltung Euro Finance Week in Frankfurt. „Bleiben die Zinsen weiter so niedrig, beschädigen sie mehr und mehr das Geschäftsmodell von Banken oder Lebensversicherungen, die auf Zinstransformationen angewiesen sind“, sagte Branson. „Steigen die Zinsen abrupt, wird es turbulent.“ Ein schneller Anstieg wäre zwangsläufig mit Verwerfungen an den Märkten verknüpft.

Das Dauerzinstief habe weitere unangenehme Nebenwirkungen, sagte der BaFin-Chef. „Es führt zu Übertreibungen an den Märkten und dazu, dass sich Klumpenrisiken bilden, zum Beispiel im Immobilienmarkt.“ Banken müssten sich daher fragen, welche Risiken sie in ihren Büchern haben, wenn ihre Kunden mit riesigen Schuldenhebeln hantierten. „Ich denke hier besonders an die Schnittstelle zum schnell wachsenden Schattenbankenbereich“, sagte Branson. Zu diesem Sektor der Finanzwirtschaft werden unteren anderem Hedge- und Geldmarktfonds, alternative Investmentfonds sowie spezielle Börsenhändler gezählt.

Ein Traumszenario wäre für die Finanzbranche dagegen aus Sicht des BaFin-Chefs, wenn die Zinsen langsam und stetig steigen würden. Die Banken sollten sich aber auf alle Möglichkeiten vorbereiten. Sie müssten an ihrer Profitabilität arbeiten, denn dies sei die erste Verteidigungslinie. Der frühere Chef der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma war im August nach Bonn zur BaFin gewechselt.

Die Teuerungsraten in Deutschland und im Euroraum klettern seit Monaten deutlich. Die EZB erklärt den Anstieg der Verbraucherpreise zum Großteil mit Sonderfaktoren wie der Erholung der Ölpreise nach dem Corona-Schock sowie Lieferengpässen infolge der deutlich gestiegenen Nachfrage. Die Inflation im Euro-Raum lag im Oktober so hoch wie seit über 13 Jahren nicht mehr. Angetrieben von einem kräftigen Kostenanstieg bei Energie erhöhten sich die Verbraucherpreise binnen Jahresfrist um 4,1 Prozent. In Deutschland war die Jahresteuerung im Oktober um 4,5 Prozent gestiegen.

Lagarde: Geldpolitik wird auf unabsehbare Zeit locker bleiben

Trotz rasant steigender Preise hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde Forderungen nach einer strafferen Geldpolitik eine deutliche Absage erteilt. Bei einer Anhörung im Europaparlament räumte sie am Montag zwar ein, dass der kräftige Inflationsschub länger anhalten dürfte als ursprünglich gedacht. Doch sei derzeit keine Abkehr von der Politik des billigen Geldes angezeigt: „Falls wir jetzt Straffungsmaßnahmen einleiten sollten, würde das wesentlich mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken“, behauptete Lagarde. Selbst eine Straffung auf kurze Sicht anzudeuten, würde der Wirtschaft im Euroraum schaden. Diese sei auf dem Weg der Besserung und könne gegen Jahresende ihr Vorkrisenniveau übertreffen.

Lagarde bekräftigte erneut, 2022 sei eine Zinserhöhung sehr unwahrscheinlich. Auf eine Spekulation über den Leitzins im Jahr 2023 wolle sie sich aber nicht einlassen.

Lagarde wurde bei der Anhörung vor dem EU-Parlament von dem Abgeordneten Markus Ferber (CSU) auch mit dem Argument konfrontiert, die Bürger verlören allmählich das Vertrauen, wenn ihnen durch hohe Inflation „Monat für Monat Geldwert geraubt“ werde. Die EZB nehme die Sorgen der Menschen sehr ernst, erwiderte Lagarde. „Wir versuchen der Inflation auf den Grund zu gehen und wirklich zu verstehen, was sie antreibt.“ Allein die explodierenden Energiekosten machten die Hälfte des Preisauftriebs aus, betonte sie. Die EZB beobachte sehr aufmerksam, ob sich über das Lohnwachstum womöglich höherer Inflationsdruck aufbaue: „Bislang sehen wir jedoch keine Hinweise dafür in den Daten zu den ausgehandelten Löhnen.“

Die Phase erhöhter Inflation im Euroraum könnte der EZB-Präsidentin zufolge aber länger als erwartet andauern. Zwar gehe die Notenbank weiter davon aus, dass die Lieferkettenprobleme im Laufe des kommenden Jahres schrittweise nachließen. „Doch der Rückgang wird länger dauern als ursprünglich gedacht“, fügte sie hinzu. Falls die Energiepreise weiter anzögen und die Lieferprobleme anhielten, könnte die Inflation länger erhöht bleiben als es die EZB derzeit erwarte, warnte die Französin.

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