Unternehmen

Hamburger Mittelständler gründet Lithium-Joint-Venture - und macht Europa zum Weltmarktführer

Bisher fristet Europa im Weltvergleich bei der Lithium-Herstellung ein Schattendasein. Doch sind in der jüngsten Vergangenheit in Deutschland eine ganze Reihe wichtiger Projekte angestoßen worden. Das neueste davon stammt aus dem hohen Norden des Landes - und zwar mit einem britischen Partner.
11.01.2022 18:10
Aktualisiert: 11.01.2022 18:10
Lesezeit: 2 min
Hamburger Mittelständler gründet Lithium-Joint-Venture - und macht Europa zum Weltmarktführer
Ein mit Lithium durchsetztes Stück Erz. (Foto: dpa) Foto: Robert Michael

Der Zusammenschluss zweier wahrer Giganten: Die Hamburger Helm AG und Leverton Lithium aus Großbritannien haben ein Joint-Venture gegründet, um die Produktionskapazitäten für Lithiumchemikalien in Europa zu erhöhen. Der Mittelständler gehört zu den weltgrößten Vertriebsunternehmen für Chemieprodukte, und sein britischer Partner zählt bei der Produktion von Lithium zu den bedeutendsten Firmen der Welt.

Wie aus einer Erklärung hervorgeht, tritt das Gemeinschaftsunternehmen mit sofortiger Wirkung in Kraft. Es soll in einem ersten Schritt die derzeitigen Produktionsanlagen von Leverton an einem neuen Standort in Süden Englands zusammenführen. Dann wird es in einem zweiten Vorgang die bisherige Produktion auf 20.000 Tonnen erweitern.

Das traditionsreiche Haus aus Hamburg, das 1900 gegründet wurde, wird schließlich für den Verkauf sorgen. Es verfügt über ein gewaltiges Vertriebsnetz von 100 Firmen, die in mehr als 30 Ländern auf dem ganzen Erdball verteilt sind. 2020 hat HELM einen Umsatz von 4,1 Milliarden Euro generiert.

Damit bringen beide Konzerne Europa als Standort für die Produktion von Lithium entscheidend nach vorne. Zur Einordnung: 2020 hat die Welt-Herstellung wohl bei 82.000 Tonnen gelegen. Das hat der deutsche Fachdienst „Statista“ geschätzt. Gegenüber dem Vorjahr hätte es einen Rückgang um 4,7 Prozent gegeben, sollten die Experten Recht behalten. Wenn das deutsch-britische Gemeinschaftsunternehmen seine geplanten Ziele erreichen sollte, dann würde es folglich fast ein Viertel des Weltmarktes kontrollieren. Bisher führen Australien (40.000 Tonnen), Chile (18.000 Tonnen) und China (14.000 Tonnen) die Tabelle der größten Herstellerländer an.

„Die Lithiumindustrie entwickelt sich rasant, und wir freuen uns, dass HELM unser Unternehmen auf seinem Wachstumskurs begleitet. Wir freuen uns darauf, gemeinsam auf die Herausforderungen der Branche zu reagieren und unsere Fähigkeit zur großtechnischen Herstellung von Chemikalien für Batterien zu verbessern“, sagte David Hicks, der CEO von Leverton.

Neues Veredelungswerk in Brandenburg durch deutsch-kanadisches Startup

Dass sich die Lithiumindustrie tatsächlich so rasant entwickelt, wird auch an anderen Projekten deutlich, die in Deutschland in den vergangenen Monaten angestoßen worden sind. Bei einem Vorhaben geht es um die Veredelung des Lithiums. So errichtet das deutsch-kanadische Unternehmen Rock Tech Lithium (RTL) in Brandenburg in Guben in der Nähe des neuen Tesla-Werkes, von dem E-Autos vom Band rollen, einen Spezial-Betrieb. Das Investitionsvolumen liegt bei 470 Millionen Euro. Die Fabrik soll in der Lage sein, 500.000 E-Fahrzeuge mit Lithium-Ionen-Batterien auszustatten.

RTL hat bereits zuvor mit zwei Partnern, der GP Papenburg Entsorgung GmbH und mit dem Gipshersteller Knauf, das „Deutsche Lithium-Institut“ (ITEL) gegründet. Es hat seinen Sitz im Sachsen-Anhaltinischen Halle an der Saale. Das Institut hat das Ziel, Mitteldeutschland zu einem Lithium-Zentrum des Kontinents zu machen. Das hat einer der beiden Geschäftsführer, Professor Ralf B. Wehrspohn, im exklusiven Interview mit den DWN im September 2021 erklärt.

Weiteres Spezial-Joint-Venture mit neuer Recycling-Anlage

Doch das war bei weitem noch nicht alles: Auch das deutsch-australische Joint-Venture Primobius (PB), aus Nordrhein-Westfalen hat Ende des vergangenen Jahres die erste Anlage einer Produktionsstätte in Betrieb genommen, die Lithium-Ionen-E-Batterien wieder aufbereitet. Dabei handelte es sich um eine Zerkleinerungsanlage, die über eine Kapazität von zehn Tonnen pro Tag verfügt. Der Produktionsbeginn für die gesamte Anlage soll im März 2022 erfolgen. Dann soll kommerzielles Recycling möglich sein.Darüber hinaus hat BMW Ende Oktober 2021 über seinen ihren Venture-Capital-Fonds BMW i Ventures in ein besonderes Lithium-Verfahren investiert, das das US-Startup Lilac Solutions entwickelt hat. Die US-Amerikaner haben eine Technologie entwickelt und patentieren lassen, die den Abbau des Stoffes aus den E-Batterien wirtschaftlicher und effizienter machen soll.

Experten: Lithium-Industrie 2026 bei Gesamtwert von 19 Milliarden Euro

Damit haben die Deutschen mit ihren internationalen Partnern wichtige Meilensteine erreicht, um die Lithium-Industrie nach vorne zu treiben. Die Branche wird Experten zufolge in den kommenden Jahren weiterwachsen. Die Fachleute des internationalen Analysehauses "Absolute Reports" haben errechnet, dass die Gesamtumsätze der Industrie 2019 bei 14 Milliarden Dollar oder 12,3 Milliarden Euro gelegen hat. Die Erlöse dürften wohl bis zum Ende 2026 pro Jahr jeweils um 6,9 Prozent steigen. Unterm Strich würden die Unternehmen insgesamt Volumina von 22 Millionen Dollar oder 19,4 Milliarden Euro verbuchen, wenn die Erwartungen der Experten eintreten sollten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kurzarbeit in Deutschland: 133 Millionen Stunden verloren – ein Warnsignal
09.05.2026

Die Zahl ausgefallener Arbeitsstunden durch Kurzarbeit steigt weiter an und signalisiert eine wachsende Belastung für die deutsche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Warum Europas Unternehmen unter Regulierung leiden
09.05.2026

Zwar gilt die EU vielen als Anker für Stabilität, doch im Mittelstand wächst der Unmut. Die regulatorische Dichte aus Brüssel wird...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wenn Führungskräfte scheitern: Warum Unternehmen Ideen oft nicht umsetzen
09.05.2026

Viele Führungskräfte scheitern nicht an Strategie oder Marktbedingungen, sondern daran, wie sie ihre Ideen im Unternehmen vermitteln und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volvo EX60: Warum dieses Elektro-SUV Mercedes, BMW und Audi nervös machen dürfte
09.05.2026

Volvo baut mit dem EX60 nicht einfach ein neues Elektro-SUV, sondern eine Wette auf die Zukunft der Marke. Der Wagen soll beweisen, dass...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Streit um Obi-Orange: Warum Farben über Marken-Erfolg entscheiden
09.05.2026

Der Baumarkt Obi steht vor dem Bundesgerichtshof (BGH) im Streit um den rechtlichen Schutz seiner markanten Hausfarbe Orange. Der Fall...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardenbaustelle Deutschland: Warum Großprojekte oft scheitern – und was sich strukturell ändern muss
09.05.2026

Vom Hauptstadtflughafen bis zum Bahnknoten Stuttgart: Deutschlands Großprojekte entwickeln sich oft zu Dauerbaustellen mit Kosten in...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Investitionen: Big Tech verbrennt Milliarden und muss Rendite liefern
09.05.2026

Die großen US-Techkonzerne melden starkes Wachstum, doch die Euphorie bekommt Risse. Microsoft, Amazon, Meta und Alphabet pumpen enorme...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: S&P 500 und Nasdaq wieder auf historischen Höchstständen
08.05.2026

Ein Handelstag der extremen Kontraste: Warum an der Börse Euphorie herrscht, während die Alltagssorgen wachsen.