Politik

Polen mahnt: Kriegsgefahr in Europa, Russland sagt: Gespräche mit dem Westen erfolglos – nun „andere Maßnahmen“

Nach den Gesprächen mit den USA und der Nato über die Sicherheitslage in Europa hat Russland eine negative Bilanz gezogen. Polen hält wegen der Spannungen mit Russland die Kriegsgefahr in Europa derzeit für so groß wie seit 30 Jahren nicht mehr.
13.01.2022 13:21
Aktualisiert: 13.01.2022 13:21
Lesezeit: 2 min
Polen mahnt: Kriegsgefahr in Europa, Russland sagt: Gespräche mit dem Westen erfolglos – nun „andere Maßnahmen“
Ein ukrainischer Panzer während einer Übung. (Foto: dpa) Foto: Roman Pilipey

Nach den Gesprächen mit den USA und der Nato über die Sicherheitslage in Europa hat Russland eine negative Bilanz gezogen. Vize-Außenminister Sergej Rjabkow warnte am Donnerstag in Moskau laut russischer Nachrichtenagenturen vor einer Sackgasse. Er begründete dies damit, dass die US-Regierung und deren Verbündete den Forderungen nach Sicherheitsgarantien Russlands nicht nachkommen wollten. Daher sehe er auch keinen Grund für weitere Gespräche. Russland werde stattdessen „andere Maßnahmen und Techniken“ im Verhältnis zum Westen anwenden. Die Agentur Tass zitierte Rjybkow mit den Worten, Militärexperten würden Präsident Wladimir Putin Optionen für den Fall aufzeigen, dass sich die Lage beim Thema Ukraine verschlechtere. Der Diplomatie müsse aber eine Chance gegeben werden.

Auch der Sprecher des Präsidialamtes in Moskau, Dmitry Peskow, nannte die jüngsten Gespräche „erfolglos“. Es bestehe Uneinigkeit in fundamentalen Fragen. So könne die Nato Russland nicht diktieren, wo seine Truppen innerhalb der Landesgrenzen stationiert sein sollten. Peskow kritisierte zudem einen Entwurf der US-Demokraten im Senat zu neuen Sanktionen gegen Russland, von denen auch Präsident Putin direkt betroffen wäre, als „extrem negativ“, Dies würde die bilateralen Beziehungen zwischen Russland und den USA schwer belasten, sagte Peskow.

Am Montag hatte Rjabkow mit der stellvertretenden US-Außenministerin Wendy Sherman in Genf beraten, ohne dass es dabei nennenswerte Fortschritte gegeben hätte. Nach einem Treffen des Nato-Russlands-Rats am Mittwoch sprach der Generalsekretär der Allianz, Jens Stoltenberg, von „signifikanten Differenzen“. Im Zentrum der Spannungen steht die Ukraine. Russland hat an der Grenze rund 100.000 Soldaten zusammengezogen. Der Westen befürchtet eine Invasion, was die Regierung in Moskau zurückweist. Russland fordert von der Nato aber Sicherheitsgarantien und dabei unter anderem die Zusage, dass die Ukraine nicht in das transatlantische Militärbündnis aufgenommen wird. Dies lehnt die Allianz kategorisch ab.

Aus einer DWN-Analyse gehen zwei militärische Szenarien für die Ukraine hervor, die sich auf die Rolle des Dnepr-Flusses erstrecken. „Einem denkbaren Szenario zufolge könnten die pro-russischen Söldner und Separatisten versuchen, eine Landverbindung zwischen den ,Volksrepubliken Donezk und Lugansk‘ und der Krim zu schaffen, indem sie entlang des 47. Breitengrads vom Osten im Donbass-Gebiet nach Westen vorrücken, bis sie den Dnepr erreichen. Von dort aus müssten die Söldner etwa 251 Kilometer entlang der östlichen Seite des Dneprs bis nach Nowa Kachowka vordringen – und zwar über die Europastraße 105 (E 105)“, heißt es in der Analyse.

Das Verhältnis zu Russland ist auch Gegenstand von Beratungen der EU-Außenminister und -Verteidigungsminister in Brest. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock mahnte vor dem Treffen bei der Lösung der Ukraine-Krise eine starke Rolle Europas an. Dies sei „besonders wichtig, weil ureigene Interessen der EU berührt sind“, erklärte die Grünen-Politikerin. Zugleich brauche die EU gerade im Umgang mit autokratischen Staaten wie Russland einen „strategischen Kompass“. „Wenn Europa einen gemeinsamen Kurs fährt und geschlossen auftritt, ist es ein Schwergewicht – agiert es dagegen gespalten, kämpft es unter seiner Gewichtsklasse.“

Polen hält wegen der Spannungen mit Russland die Kriegsgefahr in Europa derzeit für so groß wie seit 30 Jahren nicht mehr. Außenminister Zbigniew Rau sagte bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), seit mehreren Wochen sei Europa mit der Möglichkeit einer großen militärische Eskalation im Osten konfrontiert. „Wir sollten uns auf eine friedliche Lösung des Konflikts in und um die Ukraine konzentrieren“, mahnte Rau, dessen Land den Vorsitz der Wiener Organisation mit insgesamt 57 Mitgliedsstaaten übernahm. Zu den OSZE-Mitgliedern gehören auch Russland und die Ukraine.

Die DWN führen in einer weiteren Spezial-Analyse aus: „Die aktuellen Konfliktzonen in Osteuropa weisen klare Konturen auf. Durch die Hintertür wird das Intermarium-Konzept umgesetzt, das sich wie eine geographische Bruchlinie durch Europa zieht. Als Big Player auf dem europäischen Schachbrett sind eindeutig die USA und Russland zu erkennen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Erholung bei Chip-Aktien stützt Nasdaq – Anleger warten auf Midterm-Ergebnisse
03.11.2026

Blick auf die Wall Street: Welche Dynamiken jetzt bei Tech-Riesen und Leitindizes die Richtung vorgeben.

DWN
Finanzen
Finanzen 21 Millionen Rentner: Gesetzliche Rente steigt 2027 um mehr als vier Prozent?
03.11.2026

Eine Erhöhung von mehr als vier Prozent steht voraussichtlich für Deutschlands Rentner an. Von 2028 an müssen sich Arbeitnehmer und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schaeffler-Aktie rutscht ab: Werke und Jobs werden Opfer der Sparmaßnahmen
03.11.2026

Die Krise in der deutschen Industrie setzt sich fort: Der fränkische Autozulieferer Schaeffler will vier deutsche Standorte schließen und...

DWN
Politik
Politik Analyse: Trumps Korruption und Kleptokratie haben ihn eingeholt
03.11.2026

Kurz vor den Zwischenwahlen rückt ein Thema überraschend an die Spitze der Sorgen amerikanischer Wähler: Korruption. Donald Trumps...

DWN
Finanzen
Finanzen Nationale Reserven: Goldkäufe der Notenbanken steigen deutlich
03.11.2026

Notenbanken haben ihre Goldkäufe im dritten Quartal deutlich ausgeweitet, während Anleger weniger Barren und Münzen kauften. Welche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lebensmittelhersteller Völpel insolvent: Hohe Energiekosten belasten Familienunternehmen
03.11.2026

Die Völpel GmbH aus Königsmoos in Bayern ist auf die Herstellung von Trockenkräutern, Tees, Trockengemüse und Kräutersalz...

DWN
Politik
Politik Ehemaliger US-Diplomat: Trumps Regierung wird von persönlichen Interessen angetrieben
03.11.2026

Der frühere US-Diplomat George Kent erwartet auch nach den Zwischenwahlen keinen Kurswechsel von Donald Trump. Er wirft der Regierung vor,...

DWN
Technologie
Technologie Energiefresser Rechenzentren: KI-Boom lässt Strombedarf drastisch steigen
03.11.2026

Schon 2026 verbrauchen deutsche Rechenzentren so viel Strom wie rund 6,5 Millionen Haushalte. Bis 2035 könnte der Bedarf nochmals stark...