Deutschland

Eon-Chef warnt vor kontrollierten Stromabschaltungen

Der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers Eon warnt, dass künftig ganzen Städten kurzerhand der Strom abgestellt werden könnte.
22.02.2022 13:56
Aktualisiert: 22.02.2022 13:56
Lesezeit: 3 min

Der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers Eon, Leonhard Birnbaum, warnt davor, dass es bald notwendig sein könnte, ganze Städte bewusst vom Stromnetz zu trennen, um einen Kollaps des gesamten Systems zu vermeiden.

„Bevor die Lichter überall ausgehen, schalten wir sie nur in einer Stadt aus“, sagte Birnbaum im November im Rahmen eines Gesprächs mit dem Handelsblatt. Der Grund für die Warnungen: der beschleunigte Zuwachs an alternativen Stromquellen wie Windrädern und Solarpaneelen hat zu einer verstärkten Schwankungsanfälligkeit des Stromnetzes in Deutschland geführt. Denn im Gegensatz zu herkömmlichen Erzeugern wie Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerken sind die Technologien der Wind- und Sonnenkraft natürlichen Schwankungen unterworfen. Weht demnach kein Wind oder scheint die Sonne nicht, liefern diese Anlagen schlichtweg keinen Strom - egal, wie viele man davon aufgebaut hat.

In solchen Fällen müssen dann schnell ausreichend steuerbare Kapazitäten aktiviert werden - durch den Ausstieg aus der Atom- und Kohleverstromung stehen dafür aber in den kommenden Jahren immer weniger Möglichkeiten zur Verfügung.

„An der Leistungsgrenze“

Birnbaum skizziert die im Zuge der Energiewende erwachsenden Risiken mit deutlichen Worten: „Es gibt praktisch keine Reserven mehr im Netz.“ In den vergangenen zehn Jahren habe das Netz den Zuwachs von Erneuerbaren noch verkraften können. „Aber jetzt sind wir einfach an der Leistungsgrenze.“

Verstärkt würden die auf der Angebotsseite herrschenden Energie-Probleme durch den insgesamt stark steigenden Strombedarf hierzulande, also eine deutliche Ausweitung der Nachfrage, die eine Folge des politisch vorgegebenen Schwenks hin zu Elektromobilität und der Elektrifizierung der Heizsysteme (elektrisch betriebene Wärmepumpenheizungen) sei. Hinzu komme eine anziehende Nachfrage aus der Wirtschaft, zum Beispiel durch Batterie- oder Chipfabriken und Rechenzentren.

Birnbaum warnt weiterhin vor einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft als Folge der im Zuge der Energewiende rasant gestiegenen Strompreise. „Wir werden die Energiewende hinbekommen. Die Frage ist nur, zu welchen Preis. Es ist existenziell für die deutsche Wirtschaft, dass Energie auch künftig noch zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar ist. Wir dürfen die Industrie nicht mit hohen Energiepreisen aus dem Land jagen.“

Zuletzt hatten mehrere Branchenverbände vor den Folgen der extrem hohen Strom- und Energiepreise gewarnt.

Ohne Gaskraftwerke geht es nicht

Der Eon-Chef plädiert vor diesem Hintergrund für den massiven Einsatz von Erdgaskraftwerken zur Stromerzeugung. Die Bedingungen dafür sind theoretisch günstig, nachdem die EU-Kommission sowohl Erdgas- als auch Atomkraft vor einigen Wochen als „nachhaltig“ im Sinne des „Klimaschutzes“ eingestuft hatte: „Wir müssen aber auch technologieoffen bleiben – das gilt besonders für Erdgas… In der vorletzten Woche hatte Deutschland beispielsweise 27 Prozent erneuerbaren Strom im Netz und 72 Prozent konventionell erzeugten. Selbst wenn in unserem Land dreimal mehr Windkraft installiert wäre, wüsste ich nicht, wie wir in einer solchen Woche ohne Kohle, Kernenergie und Erdgas auskommen würden. Wenn Kohle- und Atomenergie komplett vom Netz gehen, entsteht eine gigantische Lücke, die gefüllt werden muss. Und zwar aus einer Quelle, die zuverlässig liefert. Wir brauchen nicht nur im Durchschnitt eines Jahres genug Strom, sondern an jedem einzelnen Tag. Das ist die große Herausforderung, die von vielen unterschätzt wird.“

Birnbaum geht davon aus, dass Deutschland auch weiterhin russisches Erdgas benötigt. „Wir glauben, wir brauchen russisches Gas. Punkt. Insbesondere, wenn wir jetzt auch noch mehr auf Gas setzen, weil wir die Kohle abschalten wollen. Dann sollten wir nicht darüber nachdenken, wie wir das ohne russisches Gas machen“, sagte der Vorstandschef von Deutschlands größtem Energieversorger. Zur Frage, ob Deutschland die umstrittene Gas-Pipeline Nord Stream 2 brauche, sagte Birnbaum: „Energiewirtschaftlich ist Nord Stream 2 hilfreich. Politisch kann die Bewertung anders ausfallen. Das muss in der Politik dann diskutiert werden.“

Grundsätzlich sei Pipelinegas günstiger als verflüssigtes Erdgas (LNG). „Wenn wir auf LNG angewiesen sind, werden die Gaspreise in Europa deutlich höher sein als in der Vergangenheit. Wenn die Preise sinken sollen, dann muss dazu mehr Pipelinegas nach Europa kommen“, sagte der Manager weiter. „Das erfordert auch natürlich Importe aus Russland, ganz klar. Ich hoffe, dass sich trotz der momentanen Spannungen am Ende ein vernünftiger Ausgang ergibt.“

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