Finanzen

Fed glaubt nicht an Rezession und macht erneut Jumbo-Zinsschritt

Trotz heraufziehender Rezessionsgefahr in den USA treibt die Notenbank Fed den Leitzins weiter kräftig in die Höhe. Denn: „die Inflationsbekämpfung hat Priorität“. Ökonomen haben Zweifel an dem Vorgehen.
28.07.2022 08:01
Lesezeit: 2 min
Fed glaubt nicht an Rezession und macht erneut Jumbo-Zinsschritt
Jerome Powell, Präsident der Federal Reserve, hat angesichts der hohen Inflationsrate den Leitzins erneut stark um 0,75 Prozentpunkte erhöht. (Foto: dpa) Foto: Manuel Balce Ceneta

Die Fed hob den Leitzins am Mittwoch um 0,75 Prozentpunkte an – so wie bereits im Juni. Nach dem geldpolitischen Doppelschlag liegt der geldpolitische Schlüsselsatz nun bereits in einer Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent.

Laut Fed-Chef Jerome Powell könnte die Notenbank im September einen dritten großen Schritt folgen lassen. Sie würde damit zu einem Zinsniveau vorstoßen, das die Konjunktur bereits leicht bremst. Powell räumte ein, dass es nicht leicht werde, die angestrebte weiche Landung zu erreichen: „Doch ich glaube nicht, dass sich die Wirtschaft in einer Rezession befindet“, fügte der Fed-Präsident hinzu. Mit Blick auf den starken Arbeitsmarkt könne derzeit nicht von einer Konjunkturschwäche auf breiter Basis die Rede sein.

Die Währungshüter zeigten sich zugleich fest entschlossen, die weit über das Ziel der Notenbank von zwei Prozent hinausgeschossene Teuerung zu drücken. „Fed-Chef Powell hat erneut klargemacht, dass die Inflationsbekämpfung Priorität hat, selbst um den Preis einer Rezession“, meint Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner. Nach seiner Darstellung dürfte diese insgesamt massive Straffung die US-Wirtschaft Anfang 2023 in eine „richtige“ Rezession drücken, die sich dann auch deutlich am Arbeitsmarkt bemerkbar machen werde.

Wegen der stark gestiegenen Kosten für Lebensmittel, Mieten und Energie bleibt vielen US-Bürgern weniger im Portemonnaie. Die Inflationsrate lag zuletzt bei 9,1 Prozent – das höchste Niveau seit Ende 1981. Manche Experten befürchten jedoch, dass die Fed bei der Bekämpfung der Inflation zu aggressiv vorgehen und somit die Konjunktur abwürgen könnte. Die Wirtschaft war bereits zu Jahresbeginn auf Talfahrt gegangen. Für die am Donnerstag anstehenden Daten für das US-Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal erwarten Fachleute ein relativ mageres Plus von aufs Jahr hochgerechnet 0,5 Prozent.

Es sei schon außergewöhnlich, dass die Fed in so kurzer Abfolge so hart auf die Bremse trete, sagte Ökonom Bastian Hepperle von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank nach dem Zinsbeschluss. Aber alles, was für die Fed derzeit zähle, sei der Kampf gegen die immer noch zu hohe Inflation.

Dritter großer Schritt im September?

Der nächste Zinsentscheid im September werde ein weiteres Mal im Zeichen der Inflationsbekämpfung stehen, so LBBW-Analyst Elmar Völker. Denn eine echte Entspannung beim Preisdruck stehe kurzfristig trotz zuletzt rückläufiger Energiepreise nicht zu erwarten: „Wir halten daher einen dritten ,Jumbo‘-Zinsschritt um 75 Basispunkte in Folge für realistisch, welcher die Ausrichtung der US-Geldpolitik erstmals seit 2008 auf restriktives, sprich konjunktur- und inflationsdämpfendes Terrain führt.“

Fed-Chef Powell bekräftigte, dass ein Zinsniveau von drei bis 3,5 Prozent zum Jahresende ein anzustrebendes „moderat restriktives Niveau“ der Geldpolitik sei – also die Konjunktur bereits leicht bremse. Dann werde es wahrscheinlich angebracht sein, eine langsamere Gangart einzuschlagen.

Die Aussicht auf ein niedrigeres Tempo bei den Zinserhöhungen der Notenbank gab den US-Börsen Auftrieb. Die Aktienindizes Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 bauten ihre Gewinne aus und stiegen bis kurz vor Handelsschluss um bis zu knapp 4,4 Prozent.

Wie das Wall Street Journal berichtete, spekulieren allerdings viele Investoren an den US-amerikanischen Finanzmärkten damit, dass die Zentralbank im kommenden Jahr die Leitzinsen wieder drastisch senken wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Staatsanleihen unter Druck: Wie der Krieg den Preis des Geldes erhöht
31.05.2026

Lange galten Staatsanleihen als sicherer Hafen, nun werden sie selbst zum Warnsignal. Krieg, Energiepreise und Inflation treiben Renditen...

DWN
Panorama
Panorama Kimmel, Fallon, Stewart: Die wichtigsten Late-Night-Shows in den USA – und ihre Wirkung
31.05.2026

Von Johnny Carson bis Jimmy Kimmel: Late-Night-Shows gehören fest zur US-Unterhaltungskultur. Heute kämpfen die Formate jedoch mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Psychische Belastung im Beruf: Wie Beschäftigte mentale Belastung besser bewältigen
31.05.2026

Pflegekräfte, Polizisten oder Rettungssanitäter erleben täglich belastende Situationen. Viele nehmen den emotionalen Druck mit nach...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Euro: Europas Banken bauen eigene Stablecoin-Alternative
31.05.2026

Europäische Banken wollen mit einem Euro-Stablecoin die digitale Zahlungsinfrastruktur verändern. Dahinter steht die Sorge, dass der...

DWN
Panorama
Panorama Kölner Dom: Eintrittsgeld geplant – verliert ein Wahrzeichen seinen Zauber?
31.05.2026

Der Kölner Dom zieht jedes Jahr Millionen Menschen an – Gläubige, Touristen und Einheimische gleichermaßen. Ab Juli soll der Eintritt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Diagnose in Minuten: Irisches Startup will ADHS schneller erkennen
31.05.2026

Ein irisches KI-Startup will ADHS und andere Erkrankungen mit Hirnscans deutlich schneller erkennen. Die Technologie könnte Diagnosen...

DWN
Panorama
Panorama Schlafprobleme im Alltag: Welche Maßnahmen wirklich zu besserem Schlaf führen
31.05.2026

Schlafmangel entwickelt sich für viele Menschen zu einem strukturellen Problem des modernen Alltags. Welche Faktoren spielen dabei eine...

DWN
Technologie
Technologie Wasserstofffabrik auf Rädern: Kleine Anlage soll Generatoren und Drohnen versorgen
30.05.2026

In Nord-Tallinn, in der Laevastiku-Straße, steht ein Gebäude aus roten Ziegeln. Von außen wirkt der Ort verlassen, doch im Inneren wird...