Unternehmen

Im Preiskampf mit der Industrie: Die Doppelmoral der Einzelhändler

Die Lebensmittelhändler und die Hersteller-Industrie liefern sich erbittere Preiskämpfe und bezichtigen sich gegenseitig der Preistreiberei. Allerdings: Ohne sich selbst zu hinterfragen.
Autor
21.08.2022 08:19
Lesezeit: 3 min
Im Preiskampf mit der Industrie: Die Doppelmoral der Einzelhändler
Ein Bild aus vergangenen Tagen: Derzeit kämpft der Lebensmittel-Einzelhandel mit Preiserhöhungen gegen die Krise an. (Foto: dpa) Foto: Fredrik v.Erichsen

Grabenkämpfe zwischen Industrie und Handel: Die Lebensmittelhersteller und die Einzelhändler liefern sich bittere Preisschlachten. Und: Ein Ende ist nicht in Sicht. Der Grund: Beide - Industrie wie Handel - stehen gleichermaßen unter Druck. Auffällig dabei ist aber, dass die jeweilige Branche mit zweierlei Maß misst, wenn es um die Gewinnoptimierung der jeweiligen Branche geht. Als hätte die Moral zwei Seiten, zumindest aber zwei verschieden geltende Grundsätze.

Es stimmt zwar, dass die Regalpreise von Markenartiklern im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel seit geraumer Zeit steigen. Allerdings: Noch stärker erhöhen Edeka, Rewe, Aldi und andere Konsorten die Preise ihrer Eigenmarken.

Die Doppelmoral

So hat die Lebensmittelzeitung LZ einen Blick in den Datenpool der Preis-App Smhaggle geworfen und aus den ausgewerteten Kassenbons der App-Nutzer zufolge festgestellt, dass zum Beispiel bei Edeka und Rewe von Januar bis August die Markenartikel um etwa zwölf Prozent gestiegen sind, während die Preise ihrer Eigenmarken „Gut & Günstig“ und „Ja“ im selben Zeitraum um rund 24 Prozent nach oben schossen.

Trotzdem: Erst kürzlich hat Hans-Jürgen Moog, Einkaufschef der REWE Group den Lieferanten vorgeworfen, mit ihren Preissteigerungen die aktuelle Situation auszunutzen, um ihre Gewinne zu maximieren. Richtig ist, dass viele Lebensmittelhersteller in Deutschland derzeit eine ganze Reihe von Preiserhöhungen auf den Tisch legen, die es international nicht gibt, und damit die Händler in die Defensive drängen. Sie wiederum greifen zu immer härteren Praktiken, um sich Gehör zu verschaffen.

Die Einwände des Handels

Eine Hauptrolle spielt dabei der größte deutsche Lebensmittel-Einzelhändler Edeka. Zwar hält sich das Unternehmen bedeckt und lässt dazu gegenüber den DWN nicht mehr verlauten als „haben Sie Verständnis, dass wir uns zu Details unserer Lieferantenbeziehungen nicht äußern möchten.“ Trotzdem sickerte durch, dass sie von den Herstellern eine Rückkehr zu Lieferquoten auf Vorkrisenniveau verlangten oder andernfalls Strafzahlungen fordern. Auch zofft sich der Einzelhändler mit dem US-amerikanischen Lebensmittel-Konzern und Milka-Lieferanten Mondelez.

So beklagt Edeka angesichts der Tatsache, dass eine Tafel Milka im Ausland im Verkauf bis zu 42 Prozent günstiger ist als in Deutschland, die Einkaufspreise der Schokolade.

Wie hoch die Einkaufspreise im Ausland sind, kann nicht hundertprozentig rückverfolgt werden, Fakt ist jedoch, dass in den Niederlanden eine Tafel Milka-Schokolade bei Aldi in den Regalen nur 74 Cent kostet, hingegen bei Edeka, Netto und Aldi in Deutschland mit dem Preisschild von 1,29 Euro in den Regalen steht. Nur bei Lidl ist sie billiger zu haben.

Und auch die Edeka-Tochter Netto-Marken-Disccount ist nicht gut auf die Süßwarenindustrie zu sprechen. Vor allem nicht auf den ebenfalls in den USA angesiedelten Nahrungsmittelkonzern Mars. Dabei geht der Discounter den Hersteller sogar in den sozialen Medien frontal an, und wirft Mars unverhohlen vor, Mondpreise zu verlangen, und empfiehlt dem Endverbraucher den Griff zur Eigenmarke.

Der Kampf mit harten Bandagen

Fest steht: Die Hersteller fordern vom Handel aufgrund erhöhter Kosten eine Erhöhung der Preise im Regal. Allerdings versteht es nicht nur Edeka oder Netto-Marken-Discount auf die Preissteigerungen der Industrie entsprechend zu reagieren und die Hersteller unter Druck zu setzen. Auch der Rest der Branche schreckt nicht vor unliebsamen Aktionen zurück, die weder bei den Herstellern noch den Endverbrauchern auf Gegenliebe stoßen.

So ärgert Aldi die Hersteller zum Beispiel mit schonungslosen und in der Öffentlichkeit ausgetragenen Preisvergleichen zwischen den eigenen Produkten und den Markenartikeln. Als wollten sie sie in ihrer Werbung öffentlich bloßstellen.

Eine etwas subtiler Form zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Branche. Und zwar die sogenannten Mogelpackungen. Wenn es in der Vergangenheit vor allem bekannte Markenartikler waren, die so arbeiteten, um Preiserhöhungen zu kaschieren, so ziehen jetzt in Krisenzeiten die großen Supermarktketten und Discounter mit ihren Eigenmarken nach.

Die Zeche zahlt der Endverbraucher

Deshalb sollte jeder Endverbraucher genauer hinsehen, wenn er nach einem ihm vertrauten Produkt im Regal greift, und verstärkt darauf achten, ob die Packung oder deren Inhalt nicht geschrumpft sind.

Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale in Hamburg spricht von einer ersten Welle solcher versteckten Preiserhöhungen „Aber ich denke, der Höhepunkt kommt erst noch“, gibt er sich wenig optimistisch.

Und auch wenn sich das Kaufverhalten der Kunden verändert hat, indem sie sich vermehrt Eigenmarken zuwenden und es sich genau überlegen, was sie einkaufen. Angesichts der Tricksereien der Lebensmittelbranche bleibt der bittere Beigeschmack, dass der Endverbraucher das schwächste Glied in der Kette ist, und ob er will oder nicht, im Preiskampf zwischen Herstellern und Händlern, die Zeche zu bezahlen hat.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Ist es sicher, auf Top-Up-Websites wie Refilled mit Kreditkarte zu bezahlen?

Jeden Tag gibt es mehr und mehr digitale Shops, die nach deinen Kredit- oder Debitkartendaten fragen. Mit Kreditkarte auf einer...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bosch kämpft mit Kostenexplosion: Gewinne brechen dramatisch ein
16.04.2026

Bosch steckt in der Krise – und schreibt erstmals seit Jahren rote Zahlen. Vor allem die enormen Kosten für den Stellenabbau belasten...

DWN
Panorama
Panorama Arag-Analyse: Konflikte bei Arbeit und Wohnen nehmen zu
16.04.2026

Steigende Kosten treiben immer mehr Menschen vor Gericht – selbst bei kleinen Beträgen. Eine neue Analyse zeigt, wie stark Konflikte um...

DWN
Technologie
Technologie AEO: Wie KI-Suchmaschinen Google den Rang ablaufen
16.04.2026

Die klassische Google-Suche verliert an Macht, während KI-Systeme Antworten direkt liefern. Unternehmen kämpfen nicht mehr um Rankings,...

DWN
Finanzen
Finanzen Iran-Krieg verschärft Risiken: Investoren senken Wachstumserwartungen
16.04.2026

Die Erwartungen globaler Investoren an das Wirtschaftswachstum geraten unter Druck, während Inflation und geopolitische Risiken wieder...

DWN
Technologie
Technologie Experte warnt: Mittelstand unterschätzt Datensouveränität
16.04.2026

Für den Mittelstand wirkt Datensouveränität oft wie ein Randthema. Tatsächlich entscheidet sie über Kontrolle und Unabhängigkeit. Wer...

DWN
Panorama
Panorama Lufthansa-Streik: Diese Rechte haben Passagiere bei einem Pilotenstreik
16.04.2026

Der Lufthansa-Streik bringt den Flugverkehr in Deutschland ins Wanken und sorgt bei Tausenden Reisenden für Unsicherheit. Flugausfälle,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 1.000 Euro steuerfrei: Wer kriegt sie?
16.04.2026

Die geplante 1.000-Euro-Prämie sorgt für neuen Streit zwischen Politik, Wirtschaft und Union. Während Arbeitgeber vor Überlastung...

DWN
Technologie
Technologie Atomausstieg: Spahns will Debatte über Rückkehr zur Kernenergie
16.04.2026

Unionsfraktionschef Jens Spahn greift die Sehnsucht in CDU und CSU nach einer Rückkehr zur Atomkraft auf und bringt die Reaktivierung...