Finanzen

Droht Europa die nächste Bankenkrise?

Übers Wochenende geriet die Credit Suisse an den Märkten schwer unter Druck. Gleichzeitig geraten weitere Geldinstitute ins Visier von Spekulanten, darunter die Deutsche Bank und die französische BNP Paribas. Wie ernst ist die Lage im europäischen Bankensektor?
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04.10.2022 19:00
Aktualisiert: 04.10.2022 19:00
Lesezeit: 4 min
Droht Europa die nächste Bankenkrise?
Die Crash-Gefahr auf dem europäischen Bankensektor ist groß. Droht ein Riese zu fallen? (Foto: iStock.com/jotily) Foto: jotily

Die Schweizer Großbank Credit Suisse sah sich in den letzten Tagen mit anhaltenden Gerüchten über einen drohenden Zahlungsausfall konfrontiert. Vertreter der Bank haben daraufhin das gesamte Wochenende über verzweifelt versucht, das Vertrauen in die Bank wiederherzustellen. Doch die als Beruhigung der Investoren gedachte Aussage des Credit-Suisse-CEO Ulrich Koerner, seine Bank verfüge über eine „starke Kapital- und Liquiditätsbasis“, verpuffte zunächst wirkungslos.

Schlimmer noch: Einige Investoren erinnerte die Aussage Koerners scheinbar an die berüchtigten Beschwichtigungsversuche der amerikanischen Lehman Brothers kurz vor ihrem Kollaps im September 2008. Sie stießen daher am Montag nach Börsenstart massenweise Credit-Suisse-Aktien ab und ließen den Kurs der Bank auf historische Tiefststände von unter 3,60 Schweizer Franken (CHF) fallen. Zudem stiegen die Spreads der Kreditausfallversicherungen (CDS) am Montag nochmals um 100 auf nun mehr 350 Basispunkte – den höchsten Stand seit der Finanzkrise.

Wie bedrohlich ist die Lage für die Credit Suisse?

Am Dienstag beruhigte sich die Lage für die Credit Suisse dann wieder leicht. Der Aktienkurs stieg um fünf Prozent und auch die CDS-Spreads gingen in Richtung 300 Basispunkte zurück. Auslöser waren die Berichte einiger Bank-Analysten, die die von Koerner verkündete robuste Liquidität bestätigten. Demnach verfügt die Credit Suisse über eine Liquiditätsdeckungsquote von 191 Prozent, über liquide Mittel von rund 234 Milliarden Schweizer Franken und über 147 Milliarden Zentralbankgeldreserven.

„Ich möchte klarstellen, dass wir nicht bei Investoren um Kapital ersucht haben“, zitiert die Financial Times einen Credit-Suisse-Banker, der das Wochenende damit verbracht habe, Top-Kunden und Geschäftspartner anzurufen, um sie von der finanziellen Gesundheit der Bank zu überzeugen. „Wir werden Vermögenswerte verkaufen und veräußern, nur um diese sehr starke Neuausrichtung auf ein stabiles Geschäft finanzieren zu können.“

Doch das Misstrauen der Investoren bleibt und das hat gute Gründe, denn die Credit Suisse gilt als Sanierungsfall. Die Erträge der Bank sinken kontinuierlich. Für das Geschäftsjahr 2021 vermeldete sie einen Nettoverlust von rund 1,6 Milliarden Euro, das erste Halbjahr 2022 startete mit einem Nettoverlust von fast 2 Milliarden Euro sogar noch schlechter. Hinzu kommen Zweifel am Risikomanagement und die Verstrickung der Bank in Reihe kostspieliger Finanzskandale (Greensill, Archegos, etc.). In nur einem Jahr verlor der Aktienkurs der Credit Suisse mehr als 55 Prozent an Wert. Die Marktkapitalisierung fiel auf knapp 10 Milliarden Euro und lag damit nur noch knapp über der Commerzbank (9,2 Milliarden Euro).

Credit Suisse braucht Milliarden zur Sanierung

Ende Oktober will die Bank ihren Investoren die strategischen Pläne für die Zukunft vorstellen. Im Sommer hatte die Credit Suisse bereits angekündigt, ihre Investmentbank zu verkleinern. Durch die Entlassung tausender Mitarbeiter in diesem Bereich sollen Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Franken eingespart sowie einige risikoreiche Positionen abgeschrieben werden.

Doch das wird nicht reichen, um die Bank vollständig zu sanieren. Die Frage, die nun im Raum steht, ist: Wie groß ist der Kapitalbedarf der Bank? Analysten der Deutschen Bank gehen davon aus, dass das Schweizer Geldinstitut auch nach dem Verkauf einiger Geschäftsbereiche aufgrund der Restrukturierungskosten und des aufsichtsrechtlichen Drucks, seine Kapitalquoten zu stärken, zusätzliche 4 Milliarden Franken aufbringen muss.

Die Analysten von Keefe, Bruyette & Woods schätzten die Summe sogar auf 6 Milliarden Franken, denn neben dem unmittelbaren Kapitalbedarf sehen sie noch drohende Kosten für Rechtsstreitigkeiten sowie Befürchtungen über Kundenabgänge auf die Bank zukommen. Zudem müsse in andere Geschäftsbereiche wie die Vermögensverwaltung investiert werden, um wegbrechende Einnahmen aus dem Investmentbanking zu kompensieren.

Weitere europäische Großbanken geraten unter Druck

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten blieben jedoch nicht allein auf die Credit Suisse beschränkt. Weitere europäische Banken geraten an den Märkten zunehmend unter Druck, allen voran die Deutsche Bank und die französische BNP Paribas. Im Zuge des Kurseinbruchs bei der Credit Suisse verlor auch die Aktie der Deutschen Bank am Montag über 5 Prozent an Wert. Der Kurs fiel zwischenzeitlich auf 7,30 Euro je Aktie. Auch wenn der Kurs sich danach wieder erholte, büßte die Deutsche-Bank-Aktie in nur einer Woche knapp 7 Prozent an Wert ein (Quelle: finanzen.net, Stand: 4.10.). Dabei sind die Probleme der Deutschen Bank und der Credit Suisse jedoch nicht vergleichbar, denn das deutsche Geldinstitut erwirtschaftet im Gegensatz zu seiner Schweizer Konkurrenz Gewinne.

Zugleich geriet die BNP Paribas ins Visier von Leerverkäufern. Die Aktie der französischen Bank hatte am Dienstag laut CNBC von allen europäischen Banken die meisten Short-Positionen gegen sich laufen. Insgesamt liefen Wetten in Höhe von rund 1,7 Milliarden Euro auf einen Kursverlust der BNP-Paribas-Aktie, was im Volumen etwa 3,6 Prozent aller gehandelten Aktien entspricht. Der französische Bankensektor steht seit langem unter Druck. Laut Financial Times verloren die französischen Großbanken Crédit Agricole (-33,4 Prozent), Sociétié Générale (-32,4) und BNP Paribas (-28,2) in einem Jahr erheblich an Wert. Noch stärker waren die Verluste nur bei der Deutschen Bank (-30,6) und der krisengeschüttelten Credit Suisse (-55).

Vor Problemen der anderen Art stehen dagegen Spaniens Großbanken, darunter Caixabank, Sabadell und Santander. Laut einem Reuters-Bericht könnte die Abkühlung der Konjunktur, steigende Inflation sowie Energiepreiserhöhungen zu vermehrten Zahlungsausfällen bei Privathaushalten und Unternehmen führen. Die spanische Regierung korrigierte bereits ihre Wachstumsprognose für 2023 von 2,7 auf 2,1 Prozent. Der Gouverneur der spanischen Zentralbank, Pablo Hernandez de Cos, forderte die Banken am Dienstag dazu auf, ihre Rückstellungen für Krisenfälle zu erhöhen.

„Die potenziellen Auswirkungen des derzeitigen unsicheren Umfelds auf den Bankensektor erfordern äußerste Vorsicht. Die Banken werden ihre Rückstellungen erhöhen müssen, um mögliche Verluste zu decken“, sagte de Cos. Der Zentralbankchef sagte, dass eine sehr komplexe makrofinanzielle Situation bereits zu einer Verlangsamung der spanischen Wirtschaftstätigkeit „im dritten Quartal und einer allgemeinen Abwärtskorrektur der Wachstumsaussichten für die folgenden Quartale“ geführt habe.

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