Unternehmen

Deutsche Wirtschaft: Katar mischt kräftig mit

Wenn in deutschen Konzernen Investitionsentscheidungen getroffen werden, ist Katar oftmals dabei. Das Land hat starken Einfluss auf die deutsche Wirtschaft.
29.10.2022 09:09
Aktualisiert: 29.10.2022 09:09
Lesezeit: 3 min
Deutsche Wirtschaft: Katar mischt kräftig mit
Bundeskanzler Olaf Scholz und der Emir von Katar, Tamim bin Hamad al Thani. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Drei Wochen vor dem Start der Fußballweltmeisterschaft in Katar wird die Kritik an dem Land immer stärker. Was bei der Kritik um Menschenrechte und Religionsfreiheit häufig vergessen wird ist der Einfluss, den das Land auf die deutsche Wirtschaft hat. Der Staatsfonds des Emirats, Die Qatar Investment Authority (QIA), investiert seit Jahren massiv in Deutschland und erkauft sich auf diesem Weg jede Menge Macht. So hat die QIA laut dem Handelsblatt mehr als 25 Milliarden Euro in Deutschland gesteckt.

Strategisches Vorgehen

Bei den Investitionsentscheidungen geht die QIA sehr strategisch vor. Ex-Siemens Chef Joe Kaeser beschreibt es in der ARD-Doku „Geldmacht Katar“ wie folgt: „Typischerweise habe ich diese Staatsfonds aus dem Mittleren Osten als sehr strategische Investoren kennengelernt, die nicht nur den Gewinn, also die Dividenden oder die Kurssteigerung haben, sondern auch daran denken: „Was sind denn die Schlüsselindustrien, in denen ich vielleicht später einmal eine Rolle spielen kann?“

Ein Beispiel für solche strategische Entscheidungen ist die Investition in den Energieversorgungskonzern RWE Anfang Oktober. Die Qatar Holding - eine Tochtergesellschaft der QIA - stieg mit 2,43 Milliarden Euro in den Konzern ein und konnte so mit neun Prozent zum größten Einzelaktionär des Konzerns aufsteigen. Im Gegenzug bekam RWE neues Geld, um den US-Solarkonzern Con Edison Clean Energy Business zu übernehmen und kann so laut Handelsblatt 2030 aus der Kohle aussteigen. Die Investition der QIA in Verbindung mit den Investitionen von RWE sind ein Beleg für die Schilderung von Katar-Experten, dass erneuerbare Technologien und Speichertechnologien ganz besonders hoch im Kurs bei den Kataris sind.

Anteile auch bei VW und Hapag Lloyd

RWE ist nicht der einzige deutsche Konzern, in den Katar über die Qatar Investment Authority investiert. Im Oktober wurde auch bekannt, dass sich Katar über die QIA am Börsengang von Porsche beteiligte. Die QIA ist bereits mit 17 Prozent Anteilen Großinvestor beim Porschemutterkonzern VW. Beim Börsengang von Porsche schnappte man sich fünf Prozent der Anteile und dürfte mit VW und der Holding Porsche SE zu den größten Anteilseignern gehören.

Auch bei der Deutschen Bank mischt Katar kräftig mit 6,1 Prozent der Anteile mit. Und auch beim Mischkonzern Siemens hält die QIA einen Anteil von 3 Prozent und investierte eifrig in das Siemens Joint-Venture Fluence. Bei der größten deutschen Container Reederei Hapag Lloyd halten die Kataris einen Anteil von 12,3 Prozent.

Investitionen auch in Start-Ups

Auch Start-ups haben das Interesse Katars auf sich gezogen. Die QIA investierte in das Berliner Start-Up-Unternehmen Infarm und im Gegenzug wird Infarm im Jahr 2023 eine vertikale Megafarm mit ökologisch erzeugten Kräutern in Katar aufbauen. Seit Mitte August ist die QIA auch beim Software-Unternehmen Celonis als Investor dabei. Die Beispiele zeigen – der kleine und früher unbedeutende Golfstaat Katar baut sich über die Jahre immer mehr Einfluss in der Welt und in Deutschland auf.

Angefangen haben die Investitionen von Katar mit sogenannten Trophy Assets. Der Begriff Trophy Assets wird oft in der Immobilienbranche genutzt und beschreibt eine Immobilie, die bei Investoren besonders gefragt ist. Bei diesen Vermögenswerten handelt es sich in der Regel um ikonische Gebäude in erstklassigen Lagen mit soliden Fundamentaldaten der Immobilie. Im Fall von Katar waren es das Londoner Kaufhaus Harrods, das italienische Modehaus Valentino und der US-Juwelier Tiffanys. Inzwischen hat man seinen Einfluss auf große Unternehmen wie VW und RWE ausgebaut.

Investitionen sind Katars Überlebensstrategie

Hinter der Strategie, sich Einfluss zu erkaufen, steckt im Falle Katars auch eine politische Strategie. Das Land ist klein und hat im Nahen Osten nicht viele Freunde. Immer wieder gibt es Töne aus Saudi-Arabien, man habe großes Interesse am größten Gasfeld der Welt, welches sich Katar mit dem Iran teilt. Für Katar ist das Vorgehen, seinen Einfluss auszubauen, eine Art Lebensversicherung. Würde man nicht den Einfluss in den USA und in Europa ausbauen, dann ist die Gefahr groß, dass man zwischen den Nachbarmächten Saudi-Arabien und Iran regelrecht erdrückt wird. Dies umso mehr, als die Saudis zusammen mit weiteren Verbündeten in der Region Katar jahrelang mit einem Handelsembargo belegten.

Wie wichtig Katar für Deutschland aber auch Europa ist, zeigt sich in der Energiekrise und der Diskussion, wie man von russischem Gas unabhängig werden kann. Als größter Flüssiggas-Lieferant fällt der Name Katar bei dem Thema recht schnell. Es wird interessant sein zu beobachten, wie das Emirat seinen Einfluss in Deutschland und Europa in Zukunft weiter ausbauen wird und wie es seine Macht im Bereich der Beteiligungen stärkt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

 

DWN
Panorama
Panorama Rundfunkbeitrag: VGH-Urteil weist Kritik von Klägern zurück
21.04.2026

Immer wieder sorgt der Rundfunkbeitrag für Diskussionen über Fairness und Inhalte im ÖRR. Sieben Kläger zogen vor Gericht, um die...

DWN
Politik
Politik USA-Iran-Konflikt: Seeblockade bremst Verhandlungen
21.04.2026

Die fragile Waffenruhe zwischen Washington und Teheran wankt. Hinter den Kulissen laufen Gespräche, doch Misstrauen und harte Bedingungen...

DWN
Politik
Politik Kritik am Tankrabatt: Verbraucherschützer fordern Direktzahlungen
21.04.2026

Die Diskussion um Entlastungen bei hohen Energiepreisen spitzt sich zu: Während die Bundesregierung auf Tankrabatte setzt, sehen...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell über wichtiger Trendlinie - positive Signale stabilisieren die Börsen
21.04.2026

Der DAX-Kurs zeigt sich nach einem schwachem Wochenstart wieder stabiler. Hoffnung auf diplomatische Fortschritte im Nahost-Konflikt treibt...

DWN
Technologie
Technologie Umfrage: Atomausstieg wird kritisch bewertet - Mehrheit dennoch gegen Rückkehr zur Kernenergie
21.04.2026

Drei Jahre nach dem Ende der Kernenergie wächst die Kritik in der Bevölkerung. Viele Deutsche zweifeln am damaligen Beschluss, doch ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis aktuell uneinheitlich: Hoffnung auf Gespräche zwischen USA und Iran
21.04.2026

Die Ölpreise reagieren empfindlich auf neue Signale aus der Geopolitik. Gespräche zwischen Iran und USA könnten den Markt beruhigen –...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bruttoverdienst: Große Unterschiede zwischen Ost und West
21.04.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Einheit bleibt der Bruttoverdienst zwischen Ost und West deutlich unterschiedlich. Neue Zahlen zeigen...

DWN
Panorama
Panorama Buckelwal in der Ostsee: Timmy kämpft weiter ums Überleben - ist Nichtstun vielleicht die beste Option?
21.04.2026

Buckelwal Timmy kämpft in der Ostsee weiter ums Überleben: Nach mehreren Strandungen hoffen Helfer auf eine Wendung. Doch Fachleute...