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Schmutzige Waffengeschäfte führten zur WM-Vergabe an Katar

Lesezeit: 4 min
15.11.2022 11:10  Aktualisiert: 15.11.2022 11:10
Kurz vor Beginn der WM beschuldigt Ex-FIFA-Chef Blatter in einem Interview Frankreich der Korruption. War ein Waffendeal ausschlaggebend für die skandalöse Vergabe?
Schmutzige Waffengeschäfte führten zur WM-Vergabe an Katar
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte stets gute Beziehungen mit der Königsfamilie Katars, hier Hamad Bin Khalifa Al Thani im Jahr 2009, dem Vater des heutigen Scheichs. (Foto: dpa)
Foto: epa Horacio Villalobos

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Die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft an Katar erfolgte im Dezember 2010. Ein kleines Emirat ohne Fußballhistorie setzte sich gegen die USA, Japan, Südkorea und Australien durch. Katar benötigte am 2. Dezember 2010 auf dem FIFA-Kongress vier Wahldurchgänge, um als Sieger festzustehen. Pikant dabei: Beim letzten Wahlgang entschieden vier Stimmen die Vergabe.

Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter erhob nun am 7. November in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger schwere Vorwürfe gegen Frankreich.

WM-Plan kippte eine Woche vor dem Kongress

Nach Darstellung von Blatter war die Angelegenheit bezüglich der WM-Vergaben für 2018 und 2022 klar gewesen: „Wir waren uns damals im Exekutivkomitee eigentlich einig, dass Russland die WM von 2018 erhalten soll, die USA die von 2022. Es wäre eine Geste des Friedens gewesen, wenn die beiden langjährigen politischen Kontrahenten nacheinander die WM ausgetragen hätten.“ Die USA waren als Kandidat für die WM-Austragung 2022 auch der Favorit von Blatter selbst. Gegenüber dem Tagesanzeiger verdeutlichte Blatter auch das Problem bei Katar: „Es ist ein zu kleines Land. Der Fußball und die WM sind dafür zu groß.“

Der komplette Plan kippte dann eine Woche vor dem FIFA-Kongress. Der damalige Präsident des europäischen Fußballverbandes UEFA, Michel Platini, rief, wie Blatter im Interview erzählt, ihn an und sagte: „Sepp, ça ne va plus jouer. Er meinte damit, dass unser Plan nicht mehr aufgehen werde.“ Auf die Frage wie es zum Sinneswandel bei Platini kam, erklärte Blatter, dass dieser am Telefon sagte, er sei vom damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy in den Élysée-Palast eingeladen worden, wo der französische Präsident mit dem damaligen Kronprinzen und heutigen Emir von Katar, Scheich Tamim Bin Hamad Al-Thani, zu Mittag gegessen hatte.

Der französische Präsident soll zu Platini gesagt haben: „Schau was du und deine Kollegen von der UEFA bei der Vergabe für Katar machen können.“ Platini sagte zu Blatter am Telefon: „Sepp was würdest du machen, wenn dich dein Staatspräsident um etwas bittet.“ Blatter antwortete Platini, diese Frage stelle sich für ihn nicht, da es in der Schweiz keinen Staatspräsidenten gibt. Laut Blatter haben die vier Stimmen Platinis mit seinen Leuten dafür gesorgt, dass die Fußball-WM nach Katar ging.

Katar wollte Kampfflugzeuge

Ein Beitrag von ZDF-Frontal bestätigt Blatters Darstellung inklusive des Mittagessens. Das Mittagessen zwischen Sarkozy und den Kataris bestand offenbar aus zwei Teilen. Der erste Teil drehte sich um Fußball, den Verein Paris St.-Germain und die WM-Vergabe. Der zweite Teil ging um einen Militärdeal. Eine interne Notiz des Élysée-Palastes bestätigt dies. Es ging um bilaterale Schwerpunktthemen: Den Verkauf eines Raketenabwehrsystems und den Verkauf von Kampfflugzeugen.

Bei den Kampfflugzeugen handelt es sich um den Typ Rafale vom Hersteller Dassault Aviation. Dieses Kampfflugzeug wurde fast vollständig im nationalen Alleingang Frankreichs entwickelt. Problem: Das Flugzeug verkauft sich 2010 schlecht im Ausland. Sarkozy machte Druck, wie die französische Wirtschaftsjournalistin Bérengère Bonte von France Infor erklärt: „Für Nicolas Sarkozy war der Verkauf der Rafale das wichtigste. Wie die Champions League für einen Fußballer. In Europa, Brasilien und Asien kam Frankreich damit aber nicht an.“

Laut ZDF Frontal signalisierten die Kataris plötzlich drei Wochen vor besagtem Mittagessen Interesse am Kauf von Rafale-Flugzeugen. Dazu passt, dass laut Bérengère Bonte ein Vertreter der katarischen Luftwaffe im November 2010 eine Pressekonferenz gab und dort erklärte, dass er die in die Jahre gekommene Mirage ersetzen wolle und an die USA oder an die Rafale aus Frankreich denke. Er betonte, dass er den Deal abschließen wolle, bevor Sarkozys Amtszeit 2012 enden würde.

Einen Tag nach dem Mittagessen empfing der damalige Generalsekretär im Élysée-Palast, Claude Guéant, einen Vertrauten des damaligen Emir von Katar, Ghanim al Saad. Guéant bestritt gegenüber France 2 den Kauf, aber nicht das Gespräch über den Verkauf. Den Abschluss des Auftrages für die Kampfflugzeuge bringt Sarkozys Nachfolger Francois Hollande im Mai 2015 unter Dach und Fach. Katar kaufte 24 Rafale-Flugzeuge für 6,3 Milliarden Euro. Bérengère Bonte erklärt, warum Sarkozy nicht mehr zum Zug kam: „Sarkozy selbst konnte den Deal ironischerweise nicht mehr abschließen. So ein Milliarden-Deal braucht seine Zeit.“

„Nicolas Sarkozy wollte es so“

An besagtem Tag wurde laut ZDF Frontal noch ein weiterer Deal in die Wege geleitet. Sarkozy ist Fan des Fußballvereins Paris St.-Germain und eng mit dem damaligen Chef von PSG und heutigen Accor-CEO Sebastien Bazin befreundet. Bazin leitete den Investmentfonds Colony Capital, dem Eigentümer von PSG. Der Verein machte Verluste und sportlich drohte der Abstieg aus der ersten französischen Liga, der Ligue 1. Im Jahr 2011 übernahm die Katarische Investorengruppe Katar Sports Investments den Verein.

Für Bazin war der Deal laut dem Geschäftsmann Luc Dayan ein Gewinn: „Es war wie ein Geschenk des Himmels für Bazin.“ Die französische Polizei findet im Telefon von Bazin eine Nachricht, die er einem Verwandten schickte: „Nicolas Sarkozy hat mich gerade angerufen. Er isst heute mit Tamim im Élysée zu Mittag. Ich habe die Hauptpunkte übermittelt. Sebastien.“ Darauf folgt noch eine klarere Nachricht von Bazin: „Nicolas Sarkozy hat mich angerufen. Tamim bestätigt: Der Deal kommt nach dem 2. Dezember zustande.“

Das Datum des 2. Dezembers 2010 war genau der Tag, an dem die Wahl auf dem FIFA-Kongress für die Ausrichtung der WM 2022 stattfand. Michel Platini wurde 2019 von der französischen Polizei kurzzeitig festgenommen, in einem Protokoll erklärte er damals: „Ich erinnere mich. In Katar habe ich den Emir gefragt, warum sein Freund Nasser Al-Khelaifi PSG gekauft hat. Der Emir antwortete: ,Nicolas Sarkozy wollte es so'.“

Interessanterweise hat sich eine französische Hotelgruppe in Doha etabliert. Es ist Accor, die Hotelgruppe bei der Sebastien Bazin CEO ist. Die Kataris halten zehn Prozent der Unternehmensaktien und sind der zweitgrößte Anteilseigner. Accor und das Emirat schlossen einen Deal über tausende Zimmer für die WM-Besucher.

FIFA-Präsident mit Hauptwohnsitz in Katar

Passend zum Vorwurf von Blatter an Frankreich ist, dass Michel Platini in einem Interview mit seiner Stimme für Katar prahlte: „Ich dachte Frankreich würde sich freuen, wenn ich für Katar stimme, aber niemand hat mich darum gebeten, auch Sarkozy nicht. Vielleicht hat er meine Stimme nach Katar verkauft, weil er wusste, dass ich für Katar stimmen würde, oder er hat sie im Namen Frankreichs verkauft, um alles Mögliche dafür zu bekommen.“

Sarkozy und Platini sind nicht die Einzigen, die sehr eng mit dem Emirat Katar verbunden sind. Auch der amtierende FIFA-Präsident Gianni Infantino hat enge Verflechtungen mit dem Golfstaat. Seit Anfang des Jahres hat der im Oberwallis geborene Schweizer seinen Hauptwohnsitz in Katar.

Das Interview von Blatter, aber auch die Informationen von ZDF Frontal, verdeutlichen den Zustand des Weltfußballverbandes FIFA, aber auch die Dimension, wie der Fußball über Jahre immer mehr zu einem Politikum geworden ist.


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