Politik

Luxus-Gipfel in Scharm el Scheich: 45.000 fliegen zur „Klima-Rettung“ mit dem Flugzeug ein

Im letzten Winkel der ägyptischen Wüste wird der diesjährige „Klima-Gipfel“ abgehalten. 45.000 Teilnehmer aus fast 200 Ländern fliegen bequem per Flugzeug ein – und verursachen so massive Emissionen. US-Präsident Biden kommt zu einem mehrstündigen Kurztrip vorbeigejettet.
11.11.2022 15:00
Aktualisiert: 11.11.2022 15:35
Lesezeit: 3 min

Zur Klimakonferenz im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich werden etwa 45.000 Besucher erwartet. Die überwältigende Mehrheit davon dürfte per Flugzeug angereist sein, weil Scharm el Scheich weit im Süden des Landes umgeben von hunderten Kilometern Wüste am Rand des Roten Meeres liegt.

Am Freitag wird US-Präsident Biden nach einer rund 10.000 Kilometer langen Anreise per Flugzeug auf der Konferenz erwartet – und am selben Tag auch wieder abfliegen.

Dass die meisten der etwa 45.000 registrierten Teilnehmer per Flugzeug anreisen, weil der ägyptische Urlauberort kaum anders zu erreichen ist, sorgt bei Beobachtern für Kopfschütteln. Berechnungen zu den CO2-Emissionen der COP27 gibt es noch nicht. Bei den Konferenzen 22 bis 25 gingen aber 85 Prozent der Emissionen auf Reisen der Delegierten, sagt Jonathan Barnsley vom University College London. Die Umweltorganisation Greenpeace beschwerte sich bei der Vorjahreskonferenz in Glasgow angesichts vieler Privatjets über die „Verlogenheit der Eliten.“

Lesen Sie dazu: EU-Kommission: Yachten und Privatjets sollen von Klima-Steuern verschont werden

In Scharm, wo Linienflieger über das Konferenzgelände brausen, läuft es nicht anders. Die Regierungsmaschine von Bundeskanzler Olaf Scholz flog laut einem Bild-Bericht sogar 800 Kilometer zusätzlich leer, um über Nacht in Zypern geparkt zu werden. Andere Flugzeuge parkten demnach in Assuan, Hurghada und Luxor. Womöglich sollten Flugzeugstaus wie 2021 nahe Glasgow vermieden werden.

Der Gruppe von Greenpeace sei dieses Jahr geraten worden, aus Sicherheitsgründen zu fliegen, sagt eine Sprecherin. Mehrere Aktivisten, die wohl auch flogen, wollen nicht über ihre Anreise sprechen. Bundesumweltministerin Steffi Lemke, die nach eigenen Worten häufig und gern Zug fährt, sagt am Mittwoch in Berlin wohlfeil: „Ich habe keine Zugverbindung nach Scharm el Scheich gefunden.“

Dass es ohne Flieger geht, zeigt der Berliner Klimaphysik-Student Julius Mex, der im Rahmen einer Nahost-Reise eher aus Interesse nach Scharm kam: über die Türkei, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien und Israel. Er fuhr per Anhalter, Fähre und Sammeltaxi. „Das kann nicht jeder machen und man kann es nicht von jedem erwarten“, sagt der 23-Jährige. Nur wer Geld und Zeit habe, könne so reisen.

Schon in vergangenen Jahren wurde hinterfragt, ob die Konferenz - und ihre Emissionen - im Verhältnis steht zu den Ergebnissen. Der frühere deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller schlug vor, das UN-Treffen nur noch alle zwei Jahre abzuhalten. Und könnte sie nicht auch am UN-Hauptquartier in New York stattfinden, wo die Länder ohnehin eigene Botschaften und Büros unterhalten? Warum muss der vermutlich größte politische Kongress der Welt ein klimaschädlicher Wanderzirkus sein?

Sündenbock Coca Cola

Die mit dem Flugverkehr der zehntausenden Gäste verbundenen Emissionen spielen vor Ort keine große Rolle - vielmehr werden jetzt andere Sündenböcke gesucht. So empören sich Gesundheitsorganisationen und Umweltschützer, dass Coca-Cola bei der UN-Klimakonferenz in Ägypten einer der Hauptsponsoren ist. In einem offenen Brief von 60 Gesundheitsorganisationen an die Vereinten Nationen heißt es: „Coca-Cola ist der größte Plastik-Verschmutzer der Welt, dessen Produkte in Verbindung gebracht werden mit Fettleibigkeit, schlechter Zahngesundheit und nicht-übertragbaren Krankheiten wie Krebs und Diabetes.“

Weiter hieß es in dem Schreiben vom Freitag, künftig müsse das Klimasekretariat UNFCC den Einfluss aller Unternehmen auf Klimakonferenzen begrenzen, die der Umwelt und der Gesundheit schadeten. „Es ist unvereinbar mit den Zielen der Klimaschutz-Verhandlungen, wenn Unternehmensvertreter eine solch herausgehobene Plattform erhalten für das Greenwashing ihrer Reputation.“ Mit Greenwashing sind Strategien gemeint, mit denen sich Unternehmen oder Staaten wahrheitswidrig als besonders umweltfreundlich darstellen.

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem die Welt-Adipositas-Gesellschaft, das Health Climate Network und das George Institute für Globale Gesundheit.

Die Umweltschützer der Environmental Justice Foundation schrieben auf Twitter: „Coca-Colas Plastik-Verschmutzung zieht sich an Stränden entlang, bedeckt das Meer und erstickt einzigartige Wildnis. Sie haben keinen Platz auf der COP27.“ Es sei Zeit, „Verschmutzer“ von den Klimaverhandlungen auszuschließen.

Empört reagierten Umweltschützer bereits am Vortag auf einen Datenreport, dass bei dem Mammuttreffen 636 Lobbyisten für Öl, Gas und Kohle registriert sind - 25 Prozent mehr als vergangenes Jahr in Schottland. Die Umweltorganisation Global Witness und das Corporate Europe Observatory rechneten vor, dass die fossile Industrie mit Lobbyisten stärker in Ägypten vertreten ist als die zehn am meisten von der drohenden Klimakatastrophe betroffenen Staaten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue EU-Regeln und wie sie den europäischen Online-Unterhaltungsmarkt verändern

Die europäische Glücksspielbranche steht vor einer der größten Umbruchphasen ihrer Geschichte. Neue gesetzliche Regelungen innerhalb...

DWN
Politik
Politik Unser neues Magazin ist da: Weltmacht Europa? Was der Kontinent jetzt wagen muss
22.05.2026

Europa steht an einem Wendepunkt: Zwischen geopolitischem Druck, wirtschaftlicher Schwäche und ungesunder Abhängigkeit stellt sich die...

DWN
Politik
Politik Nato-Treffen in Schweden: Wadephul bremst bei Mission in Straße von Hormus
22.05.2026

Die Forderung der USA nach mehr Nato-Engagement in der strategisch wichtigen Straße von Hormus stößt auf Zurückhaltung. Während...

DWN
Politik
Politik Russland-Sanktionen bröckeln, sobald Energie knapp wird
22.05.2026

Erst sollte russisches Öl vom Westen ferngehalten werden, nun öffnet London eine Ausnahme für raffinierte Kraftstoffe. Die Entscheidung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft startet mit Wachstum ins Jahr 2026 – Exporte sorgen für Auftrieb
22.05.2026

Die deutsche Wirtschaft ist mit einem überraschend positiven Signal ins Jahr 2026 gestartet. Trotz internationaler Unsicherheiten und der...

DWN
Immobilien
Immobilien Tiefpunkt beim Wohnungsbau: Fertigstellungen brechen auf Niveau von 2012 ein
22.05.2026

Der Wohnungsbau in Deutschland erlebt einen historischen Dämpfer. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, wurden im...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 21: Die wichtigsten Analysen der Woche
22.05.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 21 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Meilenstein in Den Haag: UN-Gericht bestätigt internationales Streikrecht
22.05.2026

Das höchste Gericht der Vereinten Nationen stärkt Beschäftigten weltweit den Rücken. In einem wegweisenden Rechtsgutachten stellte der...

DWN
Politik
Politik Drohnen-Vorfälle im Baltikum: Estland, Lettland und Litauen fordern Nato-Verstärkung
22.05.2026

Nach wiederholten Drohnen-Vorfällen in ihrem Luftraum fordern die baltischen Staaten ein entschlosseneres Eingreifen der Nato. Angesichts...