Politik

Ukraine: Dem Westen gehen Waffen und Munition aus

Die Lieferungen von Waffen und Munition an die Ukraine verzehren die westlichen Vorräte an Waffen und Munition. Man war auf einen den Krieg gegen Russland nicht vorbereitet.
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02.12.2022 14:16
Aktualisiert: 02.12.2022 14:16
Lesezeit: 4 min
Ukraine: Dem Westen gehen Waffen und Munition aus
Die massiven Lieferungen von Waffen und Munition durch den Westen haben der Ukraine eine beträchtliche Feuerkraft verliehen. (Foto: dpa) Foto: Efrem Lukatsky

Bereits seit zehn Monaten unterstützt der Westen den Krieg der Ukraine gegen Russland mit massiven Lieferungen von Munition und Waffen. Dadurch gehen nun die eigenen Bestände der Verbündeten zur Neige. Denn es stellt sich als äußerst schwierig dar, die Produktion in dem Maße zu steigern, wie die Munition in der Ukraine verschossen wird.

Die fehlende Munition verringert nicht nur die Möglichkeiten des Westens, die Ukraine weiterhin Waffen und Munition zu versorgen, sondern gefährdet längst auch die Möglichkeiten der Verbündeten, den globalen Gegnern wie China zu zeigen, dass man im Westen ausreichend Waffen produzieren kann, um eine glaubwürdige Verteidigung gegen einen möglichen Angriff aufzubauen.

"Die Ukraine hat uns darauf aufmerksam gemacht, worauf es wirklich ankommt", sagte William LaPlante, der oberste Waffenkäufer des US-Verteidigungsministerium Pentagons, kürzlich auf einer Konferenz an der George Mason University. "Was zählt, ist die Produktion. Die Produktion ist wirklich wichtig", zitiert ihn die Financial Times.

Die Nato-Staaten haben schon mehr als 40 Milliarden Dollar an militärischer Unterstützung in die Ukraine geschickt, die größtenteils aus vorhandenen Beständen stammte. Doch nun stellen sie fest, dass die seit Jahren ruhende Waffenproduktion nicht von heute auf morgen in Gang gesetzt werden kann. Die Erhöhung der Kapazitäten erfordert massive Summen, die wiederum von der Sicherung langfristiger Produktionsverträge abhängen.

Die USA haben etwa ein Drittel ihres Bestands an Javelin-Panzerabwehrraketen und ein Drittel ihres Bestands an Stinger-Flugabwehrraketen in die Ukraine geliefert. Es bestehen jedoch kaum Aussichten, dass sie diese schnell ersetzen können. "Es steht außer Frage, dass die Lieferung an die Ukraine unsere Verteidigungsindustrie unter Druck gesetzt hat", sagte Colin Kahl, US-Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik, letzten Monat.

Das Vereinigte Königreich hat sich an eine Drittpartei gewandt, die es nicht nennen möchte, um seine aufgebrauchten Bestände an NLAW-Panzerabwehrraketen aufzufüllen. Dies berichtete bereits im Oktober James Heappey, der damalige Staatssekretär für die Streitkräfte .

Warum kann der Westen nicht mehr Waffen produzieren?

Die Waffenbestände in vielen anderen europäischen Ländern sind noch knapper. Als Frankreich im Oktober sechs Panzerhaubitzen des Typs Caesar in die Ukraine schickte, konnte es dies nur tun, indem es eine Bestellung für diese Hightech-Artillerie aus Dänemark umleitete.

Es gibt zwei Hauptgründe, warum westliche Länder Schwierigkeiten haben, neue Militärgüter zu beschaffen, sagten Verteidigungsbeamte und Führungskräfte aus der Wirtschaft. Der erste ist strukturell bedingt. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben diese Länder von einer Friedensdividende profitiert, indem sie die Militärausgaben gekürzt, die Rüstungsindustrie verkleinert und auf eine schlanke Just-in-time-Produktion und geringe Lagerbestände von Ausrüstungen wie Munition umgestellt haben. Denn die Bekämpfung von Aufständischen und Terroristen erfordert nicht dieselbe Art von schweren Waffen, die in hochintensiven Landkonflikten benötigt werden.

Die Ukraine hat diese Annahme auf den Kopf gestellt. Während der heftigen Kämpfe in der Donbass-Region in diesem Sommer verbrauchte Russland in zwei Tagen mehr Munition als das britische Militär vorrätig hat. Beim ukrainischen Artillerieverbrauch könnten die britischen Vorräte für eine Woche reichen, und den europäischen Verbündeten des Vereinigten Königreichs geht es nicht besser, so ein Bericht des Londoner Think-Tanks Royal United Services Institute.

"Der Westen hat ein Problem mit eingeschränkten Kapazitäten in der Verteidigungsindustrie", sagte Mick Ryan, ein ehemaliger Generalmajor der australischen Armee. "Ein großes industrielles Expansionsprogramm wird erforderlich sein, wenn die westlichen Nationen die Fähigkeit wieder aufbauen wollen, große Mengen an Munition zu entwickeln, herzustellen und zu lagern."

Der zweite Faktor ist die unsichere wirtschaftliche und finanzielle Ungewissheit in den Staaten des Westens. Die Regierungen sagen, dass sie sich zu höheren Verteidigungsbudgets verpflichtet haben. Doch sie zögern, die mehrjährigen Beschaffungsverträge abzuschließen, welche die Rüstungskonzerne benötigen, um die Produktion hochfahren zu können.

"Es ist ein Problem der Unternehmensfinanzierung", sagte ein hochrangiger europäischer Verteidigungsbeamter. "Kein Unternehmen will in eine zweite Fabriklinie investieren, um die Produktion zu steigern, wenn keine langfristige vertragliche Sicherheit besteht. Wird Russland in fünf Jahren immer noch eine Bedrohung darstellen, und wenn nicht, werden die Regierungen dann immer noch Waffen von den Unternehmen kaufen?"

Saab, das schwedische Verteidigungs- und Luft- und Raumfahrtunternehmen, das NLAW und Gripen-Kampfjets herstellt, hat nach eigenen Angaben mit mehreren Regierungen Gespräche über neue Aufträge geführt, aber die Unterzeichnung von Verträgen kommt nur langsam voran. "Wenn es um Auftragseingänge geht, die direkt mit der Ukraine in Verbindung stehen, hat sich nur sehr wenig getan", sagte Saab-Chef Micael Johansson. Die Vertragsvergabeverfahren seien immer noch recht langsam.

Auch das britische Unternehmen BAE Systems befindet sich nach eigenen Angaben in Gesprächen mit der britischen Regierung, um die Produktion einer Reihe von Rüstungsgütern zu erhöhen, während sich die US-Rüstungsunternehmen in ähnlicher Weise über das Fehlen eines klaren Nachfragesignals aus Washington beklagen. "Die Rüstungsunternehmen befürchten, dass sie ihre Kapazitäten ausbauen, der Krieg dann zu Ende geht und das Verteidigungsministerium die Verträge kürzt", sagte Mark Cancian, leitender Berater am Center for Strategic and International Studies in Washington.

Kathy Warden, Vorstandsvorsitzende von Northrop Grumman, sagte, dass die Beschaffungsverfahren des Pentagons - die ein "sehr abgehacktes Nachfragesignal" geben, um Vorräte aufzubauen, die aber erst nach einem Konflikt schnell aufgebraucht sind - kein Modell sind, das "Sinn macht", wenn das Ziel nachhaltige Investitionen in die Produktion sind.

Einige Hersteller von Rüstungsgütern produzieren bereits mit voller Kapazität, und zwar in Schichten, die 24 Stunden am Tag laufen. "Wenn wir eine klare Vorstellung davon haben, wie das Nachfragesignal aussehen wird, sind wir bereit, eine Kapazitätserweiterung zu finanzieren", sagte Frank St John, Chief Operating Officer von Lockheed Martin, einem Hersteller von Himar-Artillerie-Raketensystemen und Javelins.

Obwohl sich die Nato und insbesondere ihre europäischen Mitglieder nahezu einig sind, dass ihre Streitkräfte und Verteidigungsindustrien aufgestockt werden müssen, können die Unternehmen erst dann tätig werden, wenn sie mehr Vertragssicherheit haben. "Verträge sind wichtig, Geld ist wichtig", sagte LaPlante vom Pentagon. "Sobald die Rüstungsunternehmen sehen, dass wir Geld in die Aufträge stecken, werden sie es hinbekommen, das ist ihr Job."

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