Wirtschaft

Der weltweite Öl-Schwarzmarkt boomt

Als Beiprodukt westlicher Sanktionen ist ein lukrativer Schwarzmarkt für Rohöl entstanden.
18.12.2022 10:00
Lesezeit: 3 min

Die von westlichen Staaten erlassenen Sanktionen gegen Ölexporte Venezuelas, Irans und nun auch Russlands haben einen lukrativen Ölhandel im Verborgenen entstehen lassen, bei dem Schiffseigner, Reedereien und Händler weiterhin sanktioniertes Öl an diejenigen verkaufen, die bereit sind, politische Risiken einzugehen.

Das EU-Embargo gegen russische Rohölimporte und die seit dem 5. Dezember geltende Preisobergrenze für russisches Rohöl werden die Öllieferungen in Länder außerhalb der EU und der G7, die sich nicht der so genannten Price Cap Coalition angeschlossen haben, weiter erhöhen. Schon im Juni 2022 war bekannt geworden, wie Russland, aber auch der Iran, Schmuggelrouten nutzen, um die Sanktionen zu umgehen.

Russland baut „dunkle Flotte“ auf

Das Magazin Oilprice vermutet, dass Russland bereits eine „dunkle Flotte“ von Tankern aufgebaut hat, um sein Öl außerhalb der Preisobergrenzen zu verschiffen und dass Moskau sich dabei von den Strategien des Iran und Venezuelas zur Umgehung von Sanktionen inspirieren ließ. Russland könnte Oilprice zufolge auf die bewährte Taktik zurückgreifen, das Öl als aus anderen Quellen stammend zu kennzeichnen, die Transponder der Tanker abzuschalten und sogar die Positionen der Tanker über die Daten des automatischen Identifizierungssystems (AIS) zu fälschen, um Standorte zu verbergen, die Hunderte von Meilen von den richtigen Positionsdaten entfernt sind.

Lesen Sie dazu: Russland hat heimlich riesige Öl-Tanker-Flotte aufgebaut

Durch den Einsatz verschiedener Spoofing-Taktiken gelingt es den Produzenten und Verkäufern von sanktioniertem Öl immer noch, ihre Produkte bei Käufern zu platzieren, die froh sind, stark verbilligtes Rohöl zu erhalten. Aber nicht alle Käufer, vor allem diejenigen in Ländern mit strengen Kontrollen und Überprüfungen wie den USA, sind versucht, die Risiken einzugehen.

China kauft falsch etikettiertes Öl

Andere Käufer, insbesondere unabhängige chinesische Raffinerien, lassen sich davon nicht beirren, da ihre Priorität darin besteht, preisgünstiges Rohöl zu kaufen und mit dessen Raffination gute Gewinne zu erzielen. China, der weltweit größte Ölimporteur, kauft nach wie vor iranisches und venezolanisches Rohöl, oft getarnt als Rohöl aus Malaysia oder Oman, wie verschiedene Analysen und Untersuchungsberichte - etwa von The Foreign Desk - gezeigt haben. Außerhalb Chinas sind die Käufer vorsichtiger, weil sie von US-amerikanischen Sanktionen betroffen sein könnten, und sie versuchen im Allgemeinen, Rohöle verdächtiger Herkunft zu meiden.

Ein solcher Fall war kürzlich ein Angebot an Käufer in der Gegend von Houston, dem Herzen der US-Golfküstenraffinerie. Der Händler Jonathan Plemel von der Vertriebsgesellschaft Sidewalks Holdings bot schweres Rohöl an, das laut Etikett aus Mexiko stammte, jedoch mit einem massiven Abschlag von 30 Dollar pro Barrel auf den US-Referenzpreis angeboten wurde.

Potenzielle Käufer lehnten das Angebot ab, weil sie, so billig und verlockend es auch aussah, Bedenken hinsichtlich der Herkunft hatten und bezweifelten, dass es wirklich aus Mexiko stammte, berichtete Bloomberg unter Berufung auf andere Händler im Raum Houston, die im vergangenen Jahr mit ähnlich attraktiven Angeboten angesprochen worden waren. Plemel erklärte gegenüber Bloomberg, dass er sich der Herkunft des Rohöls nicht sicher sein könne und viele Fragen von Kaufinteressenten nicht beantworten könne.

Malaysias Gewässer ein Zentrum des Öl-Schwarzmarkts

Venezuela nutzt falsche Dokumente und Tanker, die mit dem Iran in Verbindung stehen, und dafür bekannt sind, dass sie in der Vergangenheit sanktioniertes iranisches Rohöl transportiert haben, wie eine kürzlich durchgeführte Untersuchung von Reuters ergab. Demzufolge verkauft das von massiven US-Sanktionen belastete südamerikanische Land angeblich Öl an chinesische Raffinerien und gibt es in den Dokumenten als malaysisches Rohöl aus.

Malaysische Gewässer sind auch berüchtigt für den Öl-Transfer von Schiff zu Schiff und die Vermischung von Rohöl, um die wahre Herkunft von iranischem und venezolanischem Öl zu verschleiern. In diesem Jahr wiesen die chinesischen Zolldaten zeitweise so viele Importe aus Malaysia aus, dass Analysten und Beobachter Energy Intelligence zufolge glauben, dass China weiterhin vom Westen sanktioniertes Öl importiert, das als aus Oman oder Malaysia stammend ausgegeben wird, wie aus den von Reuters zitierten Daten der Tankerüberwachung Vortexa hervorgeht.

Tanker aus Russland und Venezuela fälschten Positionen

Auch Russland wird zunehmend auf Praktiken zur Umgehung von Sanktionen zurückgreifen, wie beispielsweise die Verschleierung seines Rohöls oder die Täuschung von Positionsdaten, sagen Analysten. Oilprice zufolge hat Russland eine „Schattenflotte“ von Tankern aufgebaut, um sein Rohöl außerhalb der Preisobergrenze zu verschiffen, und kopiert einige der Techniken, die der Iran und Venezuela anwenden, die auf der Liste der "befreundeten" Länder Moskaus stehen.

Tanker, die venezolanisches Rohöl transportierten, wurden im vergangenen Jahr dabei erwischt, ihre Positionen zu fälschen. Im vergangenen Sommer soll ein unter russischer Flagge fahrender Tanker im Mittelmeer sein Positionssystem manipuliert haben, wie Recherchen von Global Fishing Watch und SkyTruth Anfang Dezember ergaben.

Die Untersuchung der Bewegungen des russischen Tankers Kapitan Schemilkin ergab, dass das Schiff sein Signal so veränderte, dass es - fälschlicherweise - anzeigte, dass es vor der griechischen Küste kreiste, während das Schiff in Wirklichkeit Orte in der Nähe von Malta und Zypern ansteuerte. „Es wäre die erste Entdeckung eines unter russischer Flagge fahrenden Tankers, der falsche Koordinaten sendet und es könnte die erste von vielen sein“, so SkyTruth.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldgedeckte Digitalwährungen als Brücke zwischen Sachwerten und Finanztechnologie

Steigende Inflation, geopolitische Unsicherheiten und die fortschreitende Digitalisierung verändern die Anforderungen an moderne Formen...

DWN
Panorama
Panorama EU einigt sich auf Fluggastrechte-Reform: Das ändert sich für Reisende
20.06.2026

Die EU hat sich auf neue Regeln für Flugreisende verständigt. Künftig sollen Passagiere bei Gepäck, Sitzplätzen und Informationen...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutsche Börse: Deutschland strebt eine Ausnahmeregelung von der gemeinsamen Aufsicht an
20.06.2026

Deutschland fordert mehr europäische Kapitalmarktintegration, will der Deutschen Börse aber offenbar eine Ausnahme sichern. Der Fall...

DWN
Politik
Politik Rotstift beim Wohngeld: Bundesregierung plant Sparhammer für Wohngeldempfänger
19.06.2026

Das Spardiktat der Bundesregierung trifft Haushalte mit geringem Einkommen hart: Bauministerin Verena Hubertz plant drastische Kürzungen...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Preis Sevnica: 60 Tonnen Stahl für die Elektrifizierung Europas
19.06.2026

Das Unternehmen Preis Sevnica aus Slowenien fertigt hochkomplexe Transformatorgehäuse, baut im Zuge der Elektrifizierung Europas seine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Elektroautos greifen Deutschlands Autoelite an
19.06.2026

Wer Chinas Autobauer noch für Nachahmer hält, unterschätzt den eigentlichen Umbruch der Branche. Chinesische Elektroautos setzen längst...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
19.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...

DWN
Politik
Politik Druck aus Berlin: Kanzler Merz will EU-Haushalt eindampfen und Tempo machen
19.06.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz erhöht beim EU-Gipfel in Brüssel den Druck auf die europäischen Partner. Er wies den aktuellen Entwurf für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Revolte bei den Jusos: Philipp Türmer droht SPD-Spitze mit Personaldebatte
19.06.2026

Die anhaltende Umfragekrise der SPD sorgt für heftigen parteiinternen Zoff. Juso-Chef Philipp Türmer geht die Parteispitze frontal an und...