Weltwirtschaft

„Peak Oil“ – Mythos oder Realität?

Lesezeit: 4 min
25.12.2022 08:52  Aktualisiert: 25.12.2022 08:52
Der Begriff „Peak Oil“ wurde vor mittlerweile rund 70 Jahren geprägt. Kommt er nun, oder nicht? Und wenn ja, wann ist damit zu rechnen?
„Peak Oil“ – Mythos oder Realität?
Peak Oil - was versteht man darunter und wann tritt er ein? (Foto: dpa)

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Der Begriff „Peak Oil“ wurde vor mittlerweile rund 70 Jahren geprägt, und gemeint war damit der Zeitpunkt, an dem das weltweite Fördermaximum von Rohöl erreicht sein würde. Die Modelle des US-amerikanischen Geologen Marion King Hubbert prognostizierten dafür die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts - wie sich herausstellte, wurde diese Vorhersage jedoch durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt.

Und ebenso, wie mit „Peak Oil“ ein Versiegen des „unerneuerbaren“ Energieträgers Rohöl gemeint sein kann, kann unter diesem Begriff in einer zweiten Bedeutung auch der Zeitpunkt des Versiegens der Nachfrage danach verstanden werden. Wie es scheint, ist die Welt jedoch sowohl angebots- wie nachfrageseitig noch lange nicht am Maximum angelangt.

Theorie und Praxis

Das Konzept des Peak Oil beruht auf der Theorie, dass die Ölförderung, wie bei anderen endlichen Ressourcen auch, irgendwann einen Höchststand erreichen wird und danach ein Rückgang der Fördermenge zu erwarten ist. Schließlich wird es zunehmend schwieriger und teurer, Öl zu fördern, da die leicht zugänglichen Vorkommen erschöpft und die verbleibenden nur noch unter immer höherem Aufwand zu erreichen und auszubeuten sind.

Einige Experten sind dabei der Meinung, dass die Welt den Peak Oil bereits erreicht hat, während andere vorhersagen, dass er in naher Zukunft eintreten wird. Unstrittig ist, dass sich Hubberts Prognose auf globaler Ebene zwar als unrichtig herausgestellt hat, es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Vorhersage des Fördermaximums auf Nordamerika bezogen mit Anfang der 1970er Jahre zunächst als richtig erwies.

Die damaligen Annahmen unterschätzten jedoch die technische Entwicklung, sowohl hinsichtlich der zukünftig nutzbaren Explorationstechnologien als auch bezüglich der zur Anwendung kommenden Fördermethoden selbst. Wenn auch historische Pferdekopfpumpen in einigen Landstrichen durchaus noch zum Landschaftsbild gehören, so ist Ölförderung mittlerweile zur Hochtechnologie geworden. Tiefseebohrungen, wie beispielsweise vor der Küste Brasiliens, wo seit 2017 aus dem riesigen Libra-Feld aus einer Tiefe von mehr als 7.000 Metern gefördert wird (wohlgemerkt: unter Wasser und Gestein), und insbesondere die Nutzbarmachung sogenannter unkonventioneller Ressourcen, wie Ölsanden und Ölschiefer, erweiterten das zur Verfügung stehende Ölangebot und schoben Peak Oil geradezu vor sich her.

Doch der Preis dafür ist hoch. Nicht nur monetär, denn selbstverständlich sind die brasilianischen Tiefseebohrungen ungleich teurer als die Förderung mittels der erwähnten Pferdekopfpumpe in der texanischen Prärie. Gleichsam wachsen auch die Umweltrisiken.

Um beim genannten Beispiel zu bleiben: 2011 verteilten sich vor der Küste Rio de Janeiros Hunderttausende Liter Öl aus einem in 2.000 Metern Tiefe leckgeschlagenen Bohrloch auf einer Fläche von mehr als 160 Quadratkilometern. Ein Jahr zuvor verpesteten 800 Millionen Liter Öl die Ufer mehrerer US-Bundesstaaten, als es an der Bohrplattform Deepwater Horizon zu einem Blowout kam.

Fördermaximum noch nicht in Sicht…

Aktuell gelten weltweit mehr als 240 Milliarden Tonnen Rohöl mit den heute zur Verfügung stehenden Technologien als wirtschaftlich förderbar. Zu diesen sogenannten Reserven kommen noch einmal etwa 500 Milliarden Tonnen Ölressourcen hinzu. Darunter versteht man nachgewiesene oder mindestens geologisch mögliche Öllagerstätten, die jedoch mit der derzeitigen Technik noch nicht genutzt werden können.

Allein die Reserven sind damit so hoch, wie nie zuvor und reichen, die Variable „Nachfrage“ als gleichbleibend vorausgesetzt, noch mehr als 50 Jahre. Global betrachtet dürfte das Fördermaximum somit noch lange nicht erreicht sein, allerdings gibt es örtliche Verschiebungen.

So erreichte beispielsweise die Ölförderung in der Nordsee bereits Mitte der 90er Jahre ihren Höhepunkt, damals lag der Anteil von Nordseeöl an der weltweiten Produktion bei knapp acht Prozent. Seitdem gingen die dortigen Fördermengen kontinuierlich zurück und liegen derzeit bei beinahe bedeutungslosen rund 2,5 Prozent der Weltproduktion.

Zwar läuft die Suche nach neuen Ölfeldern auch vor unserer Haustür auf Hochtouren, größere Neufunde werden allerdings nicht mehr erwartet. Ganz anders entwickelt sich die Situation in anderen Regionen dieser Welt. In Südamerika sitzt das kleine und bislang bettelarme Guyana nach neuesten Erkenntnissen auf mehr als zehn Milliarden Barrel Öl. Dieses riesige Ölfeld übertrifft die Kapazität zum Beispiel Norwegens deutlich, aufgespürt wurde es erst 2015.

… und ebenfalls kein Nachfrage-Peak

Die zweite Bedeutung des Begriffs „Peak Oil“ bezieht sich auf die Nachfrageseite. Natürlich ist diese Sichtweise jünger, und wurde erst mit dem Streben nach dem möglichst umfänglichen Ersatz fossiler durch erneuerbare Energieträger wirklich relevant.

Es ist zwar wahrscheinlich, dass der Höhepunkt des Ölverbrauchs in den nächsten zehn Jahren erreicht werden wird, aber es ist schwierig, anhand der aktuellen Daten und der kurz- und mittelfristigen Prognosen vorherzusagen, wann dies konkret der Fall sein wird. Lediglich die sehr langfristigen Modelle deuten darauf hin, dass es zu einem Peak kommen könnte, sämtliche Voraussagen mit weniger weitem Horizont sehen bestenfalls eine Nachfragestagnation, meist jedoch noch weitere Steigerungen.

Der Ölmarktbericht der Internationalen Energieagentur (IEA), als eine dieser Veröffentlichungen mit kurzfristigem Zeithorizont, prognostiziert, dass die Nachfrage nach dem „schwarzen Gold“ bis Ende des kommenden Jahres auf fast 104 Millionen Barrel pro Tag ansteigen wird, und das, obwohl sich die Pendlerströme, die eine der entscheidenden Quellen für die Nachfrage nach Benzin und Diesel sowohl in den USA als auch in Europa sind, bereits erheblich verändert haben und viele Arbeitnehmer auch weiterhin aus der Ferne arbeiten werden.

Damit läge die weltweite Ölnachfrage im nächsten Jahr um fast zwei Millionen Barrel pro Tag über dem bisherigen, Mitte 2019 markierten, Höchststand von 102 Millionen Barrel. Und das trotz hoher Preise, steigender Zinsen, eines sich verlangsamenden Wirtschaftswachstums und der anhaltenden Auswirkungen von Covid-19, vor allem in Asien.

Für wirtschaftliche Prosperität ist stets verfügbare und günstige Energie notwendig. Die aktuelle Energiekrise in Europa zeigt, wie groß die Abhängigkeit davon selbst der sogenannten „Ersten Welt“ ist, und für Wachstumsstaaten gilt dies umso mehr. Wenn sich auch die Interpretation des Begriffes angesichts einer, zumindest in unserer Wahrnehmung, immer weiter ergrünenden Welt mit politisch wie moralisch möglichst korrekter Lebensweise in Richtung des Nachfrage-Peaks verschiebt, so dürfte sich die Realität möglicherweise doch anders entwickeln. Nicht jeder kann sich diesen Luxus erlauben, und insbesondere wirtschaftlich aufstrebende Schwellenländer sorgen durch ihren Energiehunger für einen weiteren globalen Nachfrageanstieg.

Von Peak Oil wohl noch ein gutes Stück entfernt

Die Debatte über Peak Oil ist komplex und dauert an, und unter den Experten besteht kein Konsens darüber, wann er eintreten und welche Auswirkungen er haben wird.

Seit der erstmaligen Veröffentlichung von Hubbarts Theorie Ende der 50er Jahre haben sich die weltweiten Erdölreserven mehr als versechsfacht, zum einen durch Neuentdeckungen, zum anderen durch wachsende technische Möglichkeiten. Auch Anzeichen für einen Nachfrage-Zenit sind schwer auszumachen, dazu müsste die Welt zunächst eine deutliche Verlangsamung des Verbrauchswachstums zeigen, und das ist bisher nicht der Fall.

Nichtsdestotrotz ist es sehr vernünftig, wenn sich die Förderländer auf ein Ende des, von welcher der beiden Seiten auch immer initiierten, Ölzeitalters vorbereiten. Bestes Beispiel ist Saudi-Arabien, das mit seiner „Vision 2030“ genannten Strategie schon frühzeitig die Weichen dafür stellte, seine Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern und die eigene Wirtschaft zu diversifizieren. Inwieweit, und wann, dies Verbraucherstaaten gelingen kann, ist jedoch kaum abzuschätzen.

Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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