Politik

Drosten: „Die Pandemie ist vorbei“

Der Virologe Christian Drosten erklärt die Pandemie für beendet. Deutschland erlebe derzeit die erste „endemische Welle“ und auch mit einer weiteren Mutation rechnet der Virologe nicht mehr. Durch die Aussagen ist eine neue Debatte über die Abschaffung aller Maßnahmen entbrannt.
Autor
27.12.2022 16:09
Aktualisiert: 27.12.2022 16:09
Lesezeit: 4 min

Der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, hat die Corona-Pandemie für beendet erklärt. Seine Ansicht nach erlebe Deutschland im aktuellen Winter die „erste endemische Welle mit dem Sars-Cov-2-Virus und nach meiner Einschätzung ist die Pandemie damit vorbei“. Drosten, der während der Pandemie als einer der wichtigsten Berater der Bundesregierung fungierte, tätigte die Aussagen im Interview mit dem Tagesspiegel.

Drosten und DIVI-Chef erklären Pandemie für beendet

Laut Drosten werde die Immunität in der Bevölkerung nach diesem Winter so breit und belastbar sein, dass das Virus im Sommer kaum noch durchkommen könne. Einzige Ausnahme wäre eine weitere Mutation. „Aber auch das erwarte ich im Moment nicht mehr“, so Drosten weiter. Ähnlich äußerte sich Christian Karagiannidis, Intensivmediziner und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin (DIVI), die auch die freien Intensivkapazitäten im Land erfasst.

„Ich rechne fest damit, dass die Pandemie jetzt zunehmend ausläuft“, sagte Karagiannidis gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Das ist wie ein Stein, den man ins Wasser wirft und der am Anfang eine sehr hohe Welle erzeugt, die dann immer kleiner wird. So ähnlich ist es im Moment auch mit der Pandemie. Sicherlich werden wir noch die eine oder andere kleine Welle erleben. Aber wir merken, dass die Immunitätslage der Bevölkerung solide ist und wir auf den Intensivstationen deutlich weniger Covid-Patienten haben. Da ist die Influenza jetzt das größere Problem.“

Karagiannidis räumte auch mit der lange Zeit vorherrschenden Meinung auf, die Intensivbetten in Deutschland würden durch zunehmende Covid- oder Grippe-Fälle knapp. „Wir haben in den letzten zwei Jahren noch einmal 25 Prozent der High-Care Intensivbetten verloren, weil wir einfach kein Personal haben. Die Betten stehen leer in den Räumen, aber es fehlen die Pflegekräfte und regionale auch Ärzte“, sagte der DIVI-Vorstand gegenüber den RND. Es sei eine Illusion zu glauben, dass diese Betten jemals wieder eingesetzt würden. „Wir haben diese Kapazitäten für immer verloren. Das ist die neue Realität, für die wir eine Lösung finden müssen.“

FDP fordert erneut Ende aller Maßnahmen

Die jüngsten Aussagen Drostens führten umgehend zu einer politischen Debatte über ein Ende aller Corona-Maßnahmen. Aktuell gilt etwa in vielen Bundesländern noch eine Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr. So sagte etwas der Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) auf Twitter: „Christian Drosten gehörte in der Pandemie zu den vorsichtigsten Wissenschaftlern. Nun lautet sein Befund: Die Pandemie ist vorbei. Wir sind im endemischen Zustand. Als politische Konsequenz sollten wir die letzten Corona-Schutzmaßnahmen beenden.“

Buschmann hatte allerdings schon einmal angekündigt, alle Maßnahmen würden zum Frühling auslaufen, nur um sich dann von Gesundheitsminister Lauterbach (SPD) wieder einfangen zu lassen. Am Ende stimmte einer Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes ebenso zu wie einer Verlängerung der Corona-Maßnahmen. Unterstützung erhielt Buschmann von Bundestagesvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP).

„Mit dieser Erklärung von Christian Drosten, auf dessen Expertise Karl Lauterbach immer gebaut hat, wird jeglicher Grundrechtseinschränkung zur Eindämmung des Corona-Virus die Grundlage entzogen“, sagte Kubicki dem Tagesspiegel. Er erwarte, dass die Koalitionspartner im Bund so schnell wie möglich zusammenkämen und eine entsprechende gesetzliche Änderung des Infektionsschutzgesetzes angingen.

„Dies ist verfassungsrechtlich geboten“, so Kubicki weiter. Auch die Länder müssten jetzt ihre jeweiligen Maßnahmen beenden, forderte der FDP-Politiker. Das bedeute, der von vielen als problematisch angesehene „Flickenteppich“ finde damit ein Ende. Ähnlich sieht das Torsten Herbst, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion

„Seit dem Auftreten der Omikron-Variante ist die Gefährlichkeit der Infektionen erheblich zurückgegangen. Wir werden uns daran gewöhnen, mit Covid-19 im Alltag zu leben.“ Daher könne die Politik spätestens im kommenden Frühjahr auch die besonderen Maßnahmen des Infektionsschutzgesetzes wie die Maskenpflicht in Verkehrsmitteln aufheben.

Drosten verteidigt Maßnahmen mit Horrorszenarien

Die strikten Maßnahmen in Deutschland mit monatelangen Lockdowns bis hin zu Kontaktbeschränkungen rechtfertigte Drosten im Nachhinein dennoch als absolut gerechtfertigt. Es sei nie darum gegangen, die Pandemie aufzuhalten, so Drosten. Vielmehr sei von Anfang an klar gewesen, dass das nicht möglich sei. Dazu malte er im Tagesspiegel wieder altbekannte Horrorszenarien an die Wand.

„Hätte man gar nicht gemacht, dann wäre man in Deutschland in den Wellen bis zu Delta auf eine Million Tote oder mehr gekommen. Also musste man Kontakte reduzieren“, so der Charité-Virologe. Dabei unterschlägt er wiederholt, dass beispielsweise Schweden ohne Lockdowns durch die Pandemie kam und heute als einer der Gewinner der Krise dasteht. Dort hatte die Stockholmer Regierung trotz eines verhältnismäßig lockeren Kurses auch keine Millionen Toten zu beklagen.

Zwar schnellten in Schweden am Anfang der Pandemie die Todeszahlen in die Höhe – was dem Land viel Kritik aus dem Ausland einbrachte – doch war ein Großteil der Todesfälle auf ein schlechtes Pflegemanagement und wiederholte Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen zurückzuführen. In der breiten Bevölkerung gab es auch dort keine drastische Zunahme der Todesfälle, wie sie Drosten hier an die Wand malt.

Eine Auszählung der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist Schweden mit seinem lockeren Kurs deutlich besser durch die Pandemie gekommen als Deutschland, wie das Ärzteblatt berichtet. Deutschland bescheinigte die WHO trotz strenger Lockdowns eine höhere Übersterblichkeit als einigen Nach­barländern, unter anderem auch Schweden. Hierzulande seien pro 100.000 Einwohner 116 Menschen mehr gestorben als erwartet. In Schweden soll die Übersterblichkeit mit 56 Menschen deutlich darunter gelegen haben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Armee-Ranking 2026: Wie Staaten ihre Militärmacht wirklich messen
20.05.2026

Militärmacht bemisst sich 2026 nicht mehr allein an Truppenstärke, Waffenarsenalen und Verteidigungshaushalten. Welche Staaten können...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Tech-Aktien fallen weiter, da die Angst vor kriegsbedingter Inflation zunimmt
19.05.2026

Düstere Wolken über den Märkten: Erfahren Sie, welche Entwicklungen die Börse heute in Atem halten und worauf Anleger jetzt achten...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr-Beförderungsstopp sorgt für massive Kritik
19.05.2026

Mitten in den Reformplänen der Bundeswehr löst der Bundeswehr-Beförderungsstopp heftige Diskussionen aus. Gerichtsurteile erzwingen...

DWN
Politik
Politik Koalition sucht richtigen Zeitpunkt: Bundestag diskutiert Verzicht auf Diätenerhöhung
19.05.2026

Eigentlich war die nächste Diätenerhöhung bereits fest eingeplant. Doch die wirtschaftliche Lage und harte Sparmaßnahmen verändern die...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie: Anleger blicken auf Stellenabbau beim VW-Entwicklungsdienstleister IAV
19.05.2026

Tausende Arbeitsplätze stehen bei IAV auf dem Spiel, die Stimmung unter den Beschäftigten ist angespannt. Während die IG Metall massive...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Varta-Stellenabbau: Produktion in Nördlingen endet, über 300 Arbeitsplätze fallen weg
19.05.2026

Varta verliert einen entscheidenden Kunden und zieht drastische Konsequenzen. Die Produktion im Werk Nördlingen endet, rund 350...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schutz für Stahlindustrie: EU verschärft Zollregeln für Stahlimporte
19.05.2026

Europas Stahlhersteller kämpfen seit Jahren gegen günstige Importe aus dem Ausland. Nun zieht die EU die Reißleine und verschärft die...

DWN
Finanzen
Finanzen Cerebras-Aktie: Nvidia-Konkurrent startet mit großem Knall an der Börse
19.05.2026

Vor ein paar Tagen ging in den USA ein Chiphersteller an die Börse, der als einer der heißesten Nvidia-Konkurrenten gilt. Die...