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Ukraine: Wie ein wichtiger Konzern dem Krieg trotzt

Das ukrainische Unternehmen Eurogold ist der größte Hersteller von Bügelbrettern in ganz Europa. Der Konzern trotzt dem Krieg, produziert weiter und kämpft gegen unterschiedliche Hürden.
13.01.2023 15:28
Aktualisiert: 13.01.2023 15:28
Lesezeit: 4 min
Ukraine: Wie ein wichtiger Konzern dem Krieg trotzt
Die ukrainische Wirtschaftsministerin Julia Swyrydenko und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bei einem G7-Treffen im September 2022. (Foto:dpa) Foto: Kay Nietfeld

Der Krieg in der Ukraine ist durch die Sanktionen für Europas Wirtschaft eine große Herausforderung. Er führte zur Energiekrise und zu finanziellen Unsicherheiten für Unternehmen. Wie schwierig ist die Situation für ukrainische Unternehmen selbst vor Ort und wie meistern die Unternehmen die Situation in einem Land zu wirtschaften, welches sich im Krieg befindet. Der CEO von Europas größtem Hersteller von Bügelbrettern Eurogold, Mikhael Shepetko verdeutlicht die komplizierte Situation für sein Unternehmen und wie man mit der herausfordernden Situation umgeht.

Viele Kunden mussten beruhigt werden

16.000 Artikel jeden Tag bewegten sich über die Fließbänder von Eurogold bis vor dem Krieg. Der Angriff Russlands auf die Ukraine setzte das Geschäft zeitweise außer Betrieb. Shepetko ist seit Kriegsbeginn mit der Frage beschäftigt, wie man ein Unternehmen in Kriegszeiten navigiert. Gegenüber der Lebensmittelzeitung erinnert sich Shepetko an den 24. Februar 2022 zurück: „Ich habe den ganzen Tag telefoniert und versucht unsere Kunden zu beruhigen. Viele Kunden fragten sich, ob wir die Produktion jemals wieder aufnehmen würden. Das war aber für uns keine Frage. Seit 19 Jahren liefert unser Unternehmen zuverlässig und das wird sich auch nicht ändern, trotz des Krieges.“

Vom Namen her ist Eurogold wahrscheinlich den wenigsten Verbrauchern bekannt, dennoch ist der Lebensmittelzeitung zufolge davon auszugehen, dass Wäscheständer, Bügelbretter und Trittleitern aus ukrainischer Herstellung sich in hunderttausenden deutschen Wohnzimmern befinden. Das ukrainisch-österreichische Unternehmen stellt Produkte per Schiff, Lkw und Zug zu. Diese landen in den deutschen Filialen von Lidl, Kaufland, Metro, Rewe, Real, Obi, Bauhaus und Action. In den USA wird an Costco geliefert und in Frankreich an Carrefour und Auchan. Meistens stehen Eigenmarken der Händler auf dem Etikett. Auch Nonfood-Hersteller wie Vileda und Wenko befinden sich auf der Kundenliste von Eurogold. Wer bügeln, waschen und trocknen will, kommt in der Regel mit Produkten des ukrainischen Konzerns in Berührung.

Eurogold wurde im Laufe der 20 Jahre zum Global Player

Der Konzern aus Schytomyr, einer Großstadt 140 Kilometer westlich von der Hauptstadt Kiew gehört zu den wenigen international wichtigen Unternehmen in der Ukraine, deren Waren ohne weitere Raffination an den Privatverbraucher gelangen. 2002 begann mit der Gründung der Aufstieg von Eurogold zu einem der bedeutendsten Produzenten für Haushaltswaren. 2003 begann man mit der Produktion von Trittleitern und Bügelbrettern für den osteuropäischen Markt. Die Erhöhung des Stammwerks in Schytomyr auf inzwischen sieben Produktionshallen mit einer Gesamtfläche von 82.000 Quadratmetern hat den Konzern skalierbar gemacht und baute Eurogold zu einem Global-Player auf.

Supermärkte und Großhändler sind die Nutznießer der voll integrierten Produktion, die Just-in-Time-Lieferungen ermöglicht und so Lagerkosten reduziert. Weil Arbeit kosteneffizienter in der Ukraine ist als im Rest Europas, hat Eurogold im Preiswettbewerb bis jetzt einen klaren Wettbewerbsvorteil. Bügelbrett-Einsteigermodelle starten im europäischen Markt bei unter zehn Euro. Die Frage ist jedoch, ob es unabhängig des Krieges so bleibt.

Konzern ergänzte Stahlimportmix seit 2014

Während in den Köpfen einiger Menschen der Krieg in der Ukraine später begonnen hat, erklärt Shepetko der Lebensmittelzeitung, dass der Krieg für fast alle Ukrainer seit 2014 herrscht. Damals begannen die Kämpfe in der Ostukraine und die Krim fiel weg. Shepetko verdeutlicht, dass der Angriff letztes Jahr das Unternehmen nicht vollkommen ungeplant getroffen hat: „Der 24. Februar hat uns nicht vollkommen unvorbereitet getroffen, weil wir schon in den Jahren davor versucht haben, unsere Zulieferländer zu diversifizieren. Zuvor haben wir lange auf günstigen Stahl aus dem Werk in Mariupol gesetzt, seit 2014 ergänzten wir den Importmix zunehmend um Stahl aus China, Rumänien und der Türkei. Heute, wo die Stahlproduktion in Mariupol brach liegt, zahlt sich diese frühe Weitsicht aus. Auf eine Eskalation, wie wir sie dann erlebt haben, konnten wir uns nicht annähernd vorbereiten.“

Als am 24. Februar 2022 die ersten Raketen auf die Ukraine fielen, war Shepetko zum Handeln gezwungen. Die Produktion des Konzerns wurde sofort eingestellt. Auch das Gebiet rund um Schytomyr war beschossen worden und die Demarkationslinie kam in den ersten Kriegstagen bis auf 50 Kilometer sehr nah an das Fabrikgelände heran. Minütlich war Luftalarm zu hören und Arbeitnehmer suchten Schutz im Gebäude.

Gasversorgung des Konzerns wurde von Raketen zerstört

Mit den verbliebenen Mitarbeitern, die in den ersten Kriegstagen trotzdem kommen, versuchen Shepetko und sein Team, wenigstens die auf Aufschüttung hergestellte Ware aus dem Land zu bringen, um Lieferversprechen einzuhalten. Ein erfolgloses Unterfangen, wie Shepetko erklärt: „Wir scheiterten bereits an der Ausfuhrkontrolle, weil weit und breit kein einziger Zollposten besetzt war.“ Anschließend stand 4 Wochen die Produktion still. Wochen, in denen der CEO damit zu tun hatte, unsichere Handelskunden zu beruhigen. Zudem mussten sein Team und er neue Handelswege realisieren und die Energieversorgung auf dem Betriebsgelände sicherstellen.

Die Sicherung der Energieversorgung war ein besonderes Problem. Russische Truppen hatten den nahegelegenen Chemiepark unter Raketenbeschuss genommen und trafen mit Querschlägern dabei auch die Eurogold-Fabrik. So zerstörte eine Rakete die komplette Gasversorgung des Konzerns. Shepekto reagierte bestimmt und organisierte zwei Notfallgeneratoren. Ende März 2022 ging die Produktion dann bei Eurogold weiter, allerdings sah man sich mit neuen Problemen konfrontiert. Etwa 100 Männer der 1000 Mitarbeiter wurden zum Kriegsdienst berufen und vier von Ihnen waren bereits gefallen. Weiterhin brachen Lieferketten zum Teil komplett zusammen und die Exportwege kamen zum Erliegen. Um wenigen Exportwege, die noch erschlossen waren, herrschte ein brutaler Preiskampf.

Probleme bei den Lieferketten

Weil die Häfen in der Ukraine für den Im- und Export von Militärgütern und Weizen reserviert sind, werden die Produkte, die eigentlich über den Seeweg in die USA verschifft werden, über Häfen in Rumänien und Polen umgeleitet. Dieser Umstand wurde für Eurogold zum Problem, wie Shepetko erklärt: „In den ersten Kriegstagen fanden wir aber keine LKW-Fahrer und als wir dann welche fanden, hatten sich die Logistikpreise verdreifacht. So kostete eine LKW-Ladung vor dem Krieg rund 1500 Euro, heute liegt die Frachtrate bei über 4000 Euro. Für Bügelbretter, bei denen die Logistik der größte Kostenblock ist, kratzt eine solche Inflation empfindlich an der Marge.“

Die Tatsache, dass der Konzern die Produktion der Waren weiterbetreiben konnte, hat die Firma auch ihren Kunden zu verdanken, wie Vertriebschef Yuriy Makeev verdeutlicht. Mit vielen von Ihnen hat Eurogold jahrelange Lieferbeziehungen und ein gegenseitiges Vertrauen sei da. Auf diesem Weg war es möglich, dass viele Abnehmer auf die Bitte eingingen, Rechnungen früher zu bezahlen, als eigentlich vereinbart, um die wichtig notwendige Liquidität sicherzustellen. Bis heute wurden die meisten Geschäftsbeziehungen gehalten, auch wenn es mit der Just-in-Time-Lieferung komplizierter ist als vor dem Krieg. Da manche Mitkonkurrenten die Lieferungen zu spät diversifiziert haben und als Hersteller ausfallen, konnte Eurogold sogar neue Kunden hinzugewinnen.

Für die Zukunft hat Eurogold-CEO Shepetko zwei Hoffnungen: Zunächst ist da die Hoffnung, dass die Rezession in Europa nicht zu stark ausfällt. Sollte es dazu kommen, wäre es eine zusätzliche Belastung für das ohnehin schon schwer belastete Unternehmen. Außerdem hofft er, dass die vertrauenswürdige Zusammenarbeit mit den Kunden bestehen bleibt

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