Finanzen

Thailändischer Baht: Die geheime Fluchtwährung

Lesezeit: 6 min
01.05.2023 09:14  Aktualisiert: 01.05.2023 09:14
Nach der großen Asienkrise wurde der Thailändische Baht zur stabilsten Währung aller Schwellenländer und global nur noch vom Schweizer Franken übertroffen. Was spricht für eine Investition in den Baht und wie kann man das als Privatanleger überhaupt umsetzen?
Thailändischer Baht: Die geheime Fluchtwährung
Der thailändische Baht war in den letzten 20 Jahren mit die stabilste Währung weltweit. (Foto: dpa)
Foto: -

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Thailändische Landeswährung Baht wird zum Fluchthafen Asiens. Der Baht hat sich in den vergangenen 25 Jahren noch vor dem Singapur-Dollar als stabilste Schwellenland-Währung herauskristallisiert und global gesehen war nur der seit jeher als Fluchthafen geschätzte Schweizer Franken noch widerstandsfähiger.

Ein Blick auf den Wechselkurs Baht-Dollar zeigt, dass die Asienkrise dem Baht schwer zugesetzt hatte. Seit Anfang der 2000er ist dann hingegen eine langfristige Aufwertung zu erkennen. Ob sich das in Zukunft so fortsetzen wird?

Die Asienkrise hat schwere Wunden hinterlassen

In der großen Asienkrise hatte die Implosion des Baht Anfang 1998 ein serielles Zusammenbrechen an den Märkten und in der Wirtschaft ausgelöst, in der ganzen Region waren Demonstranten auf den Straßen und das Chaos breitete sich aus. Ausgangspunkt der asiatischen Finanzkrise war der Finanzmarkt in Thailands Hauptstadt Bangkok.

Die thailändische Wirtschaft schrumpfte um fast 20 Prozent, die Aktien fielen um 60 Prozent und der Baht verlor mehr als die Hälfte seines Wertes gegenüber dem US-Dollar. Während sich die Staats- und Regierungschefs bemühten, die globale Ansteckung zu bremsen, waren Thailand und seine Nachbarn in eine Depression versunken. Neben Thailand waren Indonesien und Südkorea am stärksten betroffen. Auch in Malaysien, den Philippinen und Singapur war das Finanzbeben deutlich zu spüren.

Das Finanzdrama ist in die Geschichte eingegangen und die Emerging Markets werden seit dieser Zeit mit einem deutlichen Abschlag gegenüber den westlichen Kapitalmärkten gehandelt. Ob diese Bewertungs-Diskrepanz heute noch rational ist, sei dahingestellt. Thailand ist seitdem jedenfalls wie so viele asiatische Märkte auf dem globalen Radar verblasst. Der Baht aber hat sich nach der Krise als ungewöhnlich widerstandsfähig erwiesen und seinen Wert gegenüber dem Dollar besser gehalten als jede andere Schwellenländerwährung.

Zum Vergleich: In Indonesien, wo die Krise von 1998 den Diktator Suharto stürzte, wird die Rupie bei 15.000 pro Dollar gehandelt, nachdem sie vor der Krise noch bei 2.400 lag. Der Baht wird hingegen mit 34 für den Dollar gehandelt, nicht viel niedriger als die 26 vor der großen Asienkrise.

Thailand blieb trotz ständiger politischer Umwälzungen, darunter vier neue Verfassungen in den letzten 25 Jahren, finanziell stabil. Im politischen Kontext ist die Stabilität des Baht vielleicht noch beeindruckender als die des Schweizer Franken. Zugleich ist das Preisniveau erschwinglich geblieben, auch wenn es nach Jahrzehnten als Asiens Urlaubsort Nummer eins etwas höher ist als in den Nachbarstaaten. Trotz des starken Baht ist Thailand weltweit wettbewerbsfähig. Das Epizentrum der Asienkrise wurde zu einem Stabilitätsanker und zu einer Lektion für andere Schwellenländer.

Das (Südost-)Asiatische Jahrhundert

Vor der Asienkrise war der thailändische Baht an den US-Dollar gekoppelt, was es dem Land ermöglichte, in großem Umfang Kredite im Ausland aufzunehmen und dabei enorme Leistungsbilanzdefizite zu verzeichnen. Als ausländische Investoren das Vertrauen in Thailand verloren, konnte man die Bindung nicht mehr halten und musste den Baht freigeben. Es folgte ein Absturz, aber der Baht erholte sich und wurde zu einer der am wenigsten volatilen Währungen der Welt.

Seit Beginn des Jahrhunderts verzeichnet Thailand ziemlich konstant Überschüsse in der Leistungsbilanz – wenn man mal von der Coronakrise absieht, als sämtliche Schwellenländer von einer gigantischen Kapitalflucht getroffen wurden.

Die neugewonnene Stabilität ist kein Zufall, sondern hat durchaus System. Gezeichnet von den verheerenden Folgen der Asienkrise waren Thailand und seine südostasiatischen Nachbarn fest entschlossen, diesmal solide zu wirtschaften. Die Financial Times schreibt dazu in einem Kommentar: „Nach 1998 wurden viele aufstrebende Gesellschaften finanziell konservativ, insbesondere die am stärksten betroffenen in Südostasien. Indonesische Banken wandelten sich von undurchsichtigen Häusern der Vetternwirtschaft zu Vorbildern guten Managements. Auf den Philippinen und in Malaysien wurden die Defizite eingedämmt. Aber nirgendwo in der Region wurde eine Regierung wirtschaftlich orthodoxer als in Thailand und vermied die Exzesse, die Außenstehende abschrecken und Währungen zum Absturz bringen können.“

Das neue Jahrtausend ist auch die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs Südostasiens. Kaum eine Region wächst zurzeit so stark wie die ASEAN-Staaten (Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysien, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam). Südostasien ist ein wichtiges globales Drehkreuz für Produktion und Handel sowie einer der am schnellsten wachsenden Verbrauchermärkte der Welt.

Lesen Sie dazu: Asiens Aufstieg: Indonesien tritt der größten Freihandelszone der Welt bei

Die wirtschaftliche Nähe zu China macht sich nicht nur in hohen Investitionen chinesischer und westlicher Firmen bemerkbar, sondern zum Beispiel auch daran, dass die ASEAN-Staaten den bilateralen Handel mit China und untereinander zunehmend in lokalen Währungen abwickeln wollen. Während der Stern des Dollars sinkt, werden Yuan, Singapur-Dollar, Baht und Dong immer bedeutender.

Während der Standort Deutschland immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit verliert, sind Unternehmen und Investoren in Südostasien hochwillkommen. Die Steuerlast ist moderat und das Lohnniveau im internationalen Vergleich sehr niedrig. Die Umwelt-Standards sind deutlich lockerer bis überhaupt nicht vorhanden. Zudem locken meistens positive Realzinsen, die durch die traditionell konservative Zinspolitik ermöglicht werden, ausländisches Kapital an. Die Bank of Thailand war besonders vorsichtig, hielt die Zinssätze bis zur Coronakrise relativ hoch und ließ die Geldmenge nur um 7 Prozent pro Jahr wachsen – der drittniedrigste Wert unter den großen Schwellenländern.

Belohnt wurde man für die konservative Geldpolitik mit einer niedrigen Auslandsverschuldung und einem Devisenvorrat von aktuell über 200 Milliarden Dollar. Die Inflationsraten erreichten selten über 4 und lagen im Schnitt bei 2 Prozent. Von den anderen Schwellenländern hatten seit 1998 nur China, Taiwan und Saudi-Arabien eine niedrigere durchschnittliche Inflation als Thailand. Aktuell beträgt die Inflation 2,8 Prozent und der Leitzins 1,75 Prozent. In der globalen Hochinflationsphase erklomm die Teuerungsrate in Thailand nie die Höhen, die in Europa und den USA gemessen wurden und sank auch viel schneller wieder. Hauptfaktor für die zwischenzeitlich hohe Inflation und das größte Risiko für ein hohes Preisniveau in der Zukunft ist ein hoher Ölpreis, da Thailand in großem Stil Öl aus dem Ausland importieren muss.

Der Standort Thailand hat neben der Abhängigkeit von Energieimporten auch weitere Nachteile, darunter Korruption, die hohe Verschuldung der privaten Haushalte und eine schneller alternde Bevölkerung als die meisten seiner asiatischen Konkurrenten (Medianalter 37 Jahre versus 30 in Vietnam). Trotzdessen hat sich das Pro-Kopf-Einkommen des Landes von 3.000 Dollar vor der Krise auf fast 8.000 Dollar mehr als verdoppelt.

Die ASEAN-Staaten wirtschaften solide, ganz im Gegensatz zu den meisten Regierungen in Europa und Nordamerika. In Thailand liegt das jährliche Staatsdefizit seit 2000 bei durchschnittlich ein Prozent des BIP, was selbst unter den konservativen Schwellenländern (Durchschnitt über zwei Prozent) positiv heraussticht. Stetige Auslandseinnahmen helfen dabei. Thailand gehört zu den offensten Schwellenländern, der Anteil des Handels am BIP ist von 80 Prozent im Jahr 1998 auf heute mehr als 110 Prozent gestiegen. Thailand setzt konsequent auf seine Stärken im devisenbringenden Tourismus und in der verarbeitenden Industrie, die mittlerweile ein Viertel des BIP und damit mehr als der Reise- und Urlaubssektor (Anteil je nach Messart zwischen 10 und 20 Prozent) erwirtschaftet.

Im Laufe der Jahrzehnte sind nicht nur die Industriebasis sowie die touristischen Hotspots rund um Phuket und Koh Samui im Süden und Chiang Mai im Norden stark ausgebaut worden. Auch die medizinische Versorgung hat sich erheblich verbessert.

Kurzfristig rosige Aussichten für Thailands Wirtschaft und Währung

In letzter Zeit trugen niedrigere Ölpreise (hier unser jüngstes Magazin zum Thema Energiepreise), die boomende Tourismusbranche und eine Steigerung der Warenexporte zu einer Erholung des Wirtschaftswachstums bei, welches 2022 insgesamt nur bei 2,6 Prozent lag. Für 2023 erwartet das Wirtschaftsministerium ein Wachstum von 4 Prozent.

Das könnte machbar sein. Die Stimmungslage in der thailändischen Wirtschaft ist zurzeit sehr positiv, das Industrievertrauen so hoch wie zuletzt vor 10 Jahren. Zusammen mit Indien und Vietnam zählt Thailand nach Lesart des „Economist Intelligence Unit Index“ (EIU) zu den asiatischen Ländern, in denen sich das Geschäftsklima im letzten Jahr am meisten verbessert hat.

Das dürfte den Baht stützen, der laut Bloomberg im ersten Quartal 2023 zu den am stärksten nachgefragten Währungen Asiens zählte. Goldman Sachs bezeichnet den Baht schon als Fluchthafen. In einem Interview mit CNBC bekräftigte die Analysten Leon Lin Jing von der Vermögensverwaltung „Columbia Threadneedle Investment“ ihre positive Meinung zur thailändischen Währung, in die man vor allem „aus strukturellen Gründen“ investiert sei. Zugleich wies sie aber auch auf politische Risiken im Zuge der im Mai anstehenden Wahlen hin.

Wer selbst in den Bath investieren möchte, kann das bei bestimmten Brokern über den Kauf von thailändischen Staatsanleihen tun. Nur beim Kauf von in Baht denominierten Anleihen würde man von einer Aufwertung auch profitieren, deshalb ist darauf zu achten, nicht versehentlich auf Dollar laufende Anleihen zu kaufen. Aufgrund des Zinsänderungsrisikos sind kurzlaufende Papiere zu bevorzugen. Darüber hinaus bieten solche Broker und einige Fintechs (Stichwort: Multiwährungskonto) den direkten Umtausch von Währungen an.

                                                                            ***

Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

Haftungsausschluss: Bei diesem Beitrag handelt es sich um keine Form der Finanzberatung. Es werden lediglich die subjektiven Einschätzung des Autors dargelegt. Jeder Anleger sollte sich selbstständig informieren und Entscheidungen über den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren, Währungen, Rohstoffen, Derivaten und sonstigen Vermögenswerten oder Finanzinstrumenten nur auf Grundlage individueller Chance-Risiko-Abwägungen treffen.

Mehr zum Thema:  

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Technologie
Technologie E-Helikopter vor der Serienreife? Bei Olympia sind deutsche Flugtaxis über Paris im Test
25.07.2024

Die deutschen Tüftler und Ingenieure scheinen mal wieder sehr weit vorne zu sein: bei der Entwicklung von umweltfreundlichen Hubschraubern...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktienmarkt: Wie lange hält der KI-Hype noch an - Risiko Trump?
25.07.2024

Bis Anfang Juli sah es an den US-Börsen und auch am deutschen Aktienmarkt noch ziemlich gut aus. Allmählich verfliegt die Euphorie wieder...

DWN
Politik
Politik Baden-Württemberg setzt auf KI-System in der Verwaltung
25.07.2024

Vielleicht kann Künstliche Intelligenz ein Befreiungsschlag für die vielerorts heillos überforderten und unterbesetzten deutschen Ämter...

DWN
Immobilien
Immobilien Zukunft der deutschen Shopping-Center: „New Look“ Hotspots mit Palette von Angeboten 
25.07.2024

Digitalisierung und verändertes Einkaufsverhalten rütteln schon seit einiger Zeit an den Grundlagen der traditionellen deutschen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Werbeblocker: BGH wartet bei Urheberrechtsklage von Axel Springer auf ein Urteil des EuGH
25.07.2024

Greifen Werbeblocker unzulässig in Computerprogramme ein? Das Medienunternehmen Axel Springer sieht sein Urheberrecht verletzt und klagte...

DWN
Politik
Politik Flugausfälle nach erneuter Klimakleber-Attacke am Flughafen Frankfurt
25.07.2024

Wegen einer erneuten Störung von Klimademonstranten ging am Frankfurter Flughafen für Stunden nichts mehr. Bei vielen Urlaubern dürften...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Crowdstrike-Panne und Kaspersky-Kontroverse: Die große Cyber(un)sicherheit im deutschen Mittelstand
25.07.2024

Nach der Crowdstrike-Panne dürfte die Diskussion um das Verbot der russischen Antivirensoftware Kaspersky wieder aufflammen. In den USA...

DWN
Politik
Politik Friedensverhandlungen: Ukraine signalisiert Gesprächsbereitschaft mit Russland
25.07.2024

Der ukrainische Außenminister ist in Peking auf der Suche nach einer diplomatischen Lösung des Krieges. China spielt eine wichtige Rolle...