Wirtschaft

Zeitenwende in der Weltwirtschaft: Jahrhundert-Chance für den Globalen Süden

Die Machtverschiebungen auf dem Planeten bieten für ärmere Staaten einmalige Chancen. Es winken der Aufstieg in die Liga der Industrienationen, aber auch neue Risiken.
01.05.2023 09:15
Aktualisiert: 01.05.2023 09:15
Lesezeit: 6 min
Zeitenwende in der Weltwirtschaft: Jahrhundert-Chance für den Globalen Süden
Indiens Ministerpräsident Modi: Die Zeitenwende bietet den Schwellenländern große Chancen.(Foto: dpa) Foto: Jagadeesh Nv

Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die folgenden wirtschaftlichen und politischen Umbrüche auf der Welt haben vielen Entwicklungsländern große Chancen eröffnet. Die Perspektive, mittelfristig in die Riege der reichen Industriestaaten vorzustoßen, erscheint als reale Option, welche insbesondere der Umleitung russischer Energieströme nach Asien, Afrika und Lateinamerika zu verdanken ist.

Energie: günstig versus teuer

Nach dem Einmarsch in die Ukraine verhängten die G7-Staaten und mit ihnen verbündete Regierungen weitreichende Sanktionen gegen Russland im Energiebereich. Maßnahmen wie Importverbote für Treibstoff und ein Preisdeckel für Erdöl führten dazu, dass die Europäer als Kunden für russische Energieprodukte – aber auch für Industriemetalle und andere ökonomisch relevante Rohstoffe – weitgehend ausfielen.

Moskau versucht seitdem, diese Ausfälle mit Lieferungen in andere Weltregionen auszugleichen – wobei dem asiatischen Kontinent eine wichtige Rolle zufällt. Da Russlands Verhandlungsmacht infolge der Sanktionen gesunken ist und die Einnahmen aus dem Energiegeschäft für den Staatshaushalt von überragender Bedeutung sind, bietet Russland den Neukunden beträchtliche Rabatte an. Medienberichten zufolge ist russisches Rohöl der Marke Urals 20 bis 30 US-Dollar günstiger als die Marken Brent, WTI oder Oman/Dubai, die als weltweiter Standard gelten.

Für ärmere Länder bietet sich nicht nur eine Chance, die eigene Energieversorgung zu günstigeren Bedingungen zu gewährleisten. Darüber hinaus können die eingesparten Mittel in langfristig produktive Bereiche wie Forschung und Entwicklung, Bildung oder Wirtschaftsförderung investiert werden.

Die Kostenvorteile, welche ärmere Länder ohnehin schon gegenüber den Industrienationen im industriellen Sektor genießen, werden dadurch verstärkt. Zusätzliche Schubkraft verleiht zudem der Umstand, dass viele westliche Länder zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, weil ihre Klimapolitik zu einer enormen Verteuerung ihres Energiebezuges geführt hat.

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Die Ölexporte Russland sind nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) auf den höchsten Wert seit drei Jahren gestiegen. Die Öllieferungen ins Ausland seien im März um 0,6 Millionen Barrel (Fass zu 159 Litern) pro Tag auf durchschnittlich 8,1 Millionen Barrel pro Tag gestiegen, heißt es in einem Mitte April in Paris veröffentlichten Monatsbericht des Interessenverbands führender Industriestaaten. Dies sei der höchste Wert seit April 2020.

Die IEA schätzt, dass der russische Staat aus dem Ölgeschäft im März etwa 12,7 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet hat. Damit seien die Einnahmen im Monatsvergleich zu Februar zwar um etwa eine Milliarde Dollar höher ausgefallen. Im Jahresvergleich zu März 2022 ergebe sich aber ein Rückgang um 43 Prozent – ein eindeutiges Indiz für die beträchtlichen Rabatte, welche die Russen ihren Geschäftspartnern gewähren.

Indien setzt auf russisches Öl

Wie Oilprice berichtet, belaufen sich die russischen Rohölexporte nach Asien im April auf rund 3,3 Millionen Barrel pro Tag. Bei den größten Käufern handelt es sich um China, Indien und die Türkei.

Die russische Regierung will im laufenden Jahr zudem die Erdgas-Ausfuhren nach China um 50 Prozent steigern. Dies gab der stellvertretende Premierminister Alexander Nowak bekannt, wie Azernews berichtet. Der Gasdurchfluss durch Pipelines wie „Kraft Sibiriens“ solle auf 22 Milliarden Kubikmeter angehoben werden. Im vergangenen Jahr umfassten die gesamten Gaslieferungen 15,5 Milliarden Kubikmeter.

Peking und Moskau haben vereinbart, den bilateralen Gashandel bis zum Jahr 2027 auf 38 Milliarden Kubikmeter auszuweiten. Unter Hinzuziehung der geplanten Pipeline „Kraft Sibiriens 2“ könnte die Handelsmenge in einigen Jahren theoretisch auf knapp 100 Milliarden Kubikmeter steigen.

Zum Vergleich: im Rekordjahr 2018 importierten die Länder Europas 177 Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland.

Noch auffallender ist der russische Schwenk nach Osten im Fall Indiens. Der Subkontinent hat die Einfuhren russischer Energieprodukte seit Februar 2022 vervielfacht und profitiert dabei ebenfalls von vergleichsweise günstigen Preisen. Vizeregierungschef Nowak sagte der Nachrichtenagentur Interfax Ende März, die Ölexporte nach Indien seien 2022 im Vergleich zum Vorjahr um das 22-Fache gestiegen.

Daten von Visual Capitalist zufolge zahlte Indien zu Beginn des Krieges etwa drei Millionen US-Dollar täglich für Öl, Gas und Kohle aus Russland. Ein Jahr später lag dieser Wert bei 81 Millionen Dollar.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Pakistan künftig 100.000 Barrel Rohöl pro Tag sowie Dieselkraftstoff und Benzin aus Russland beziehen wird. Das Land wird seit Monaten von einer schweren Energie- und Finanzkrise heimgesucht und ist auf günstiges Öl angewiesen.

Bloomberg berichtete im vergangenen August, dass Myanmars Militärregierung Heizöl aus Russland beziehen werde. Medienberichten zufolge verhandelt zudem die Regierung des krisengeschüttelten Sri Lanka derzeit mit Moskau um den Bezug von Rohöl, wie der Verkehrsminister des Landes Anfang April sagte. Auch für russische Düngemittel interessiert sich die Regierung demnach.

Weitere Länder, die sich angeblich für russische Energieprodukte interessieren, sind Indonesien und die Philippinen.

Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind inzwischen dazu übergegangen, in großem Umfang russisches Heizöl zu kaufen, um es zur Stromerzeugung einzusetzen. Das dadurch eingesparte Rohöl wird exportiert und erlaubt beiden Ländern, ihre Einnahmen zu steigern, berichtet Reuters.

Nicht nur Entwicklungsländer interessieren sich für russische Energie. So bezieht Japan weiterhin in beträchtlichem Umfang Erdgas und in geringen Mengen auch Erdöl aus dem fernöstlichen Sachalin-Projekt, um seine Energieversorgung zu sichern.

Der Schwarzmarkt boomt

Zu beachten ist, dass der Handel mit Rohstoffen ohnehin schon äußerst intransparent ist. Die geopolitische Konfrontation des Westens mit Russland hat diese Intransparenz noch deutlich verstärkt.

Wer genau welche Rohstoffe aus Russland kauft, kann alleine schon deshalb nicht nachvollzogen werden, weil Moskau inzwischen über eine „Schattenflotte“ bestehend aus mehreren hundert Tank- und Frachtschiffen verfügt, die faktisch unter „falscher Flagge“ oder mit unbekanntem Bestimmungsort fahren, um westliche Sanktionen auszuweichen.

Auch gelangt viel russische Energie auf indirektem Wege zum Kunden – etwa, weil ein Land raffinierte Öl-Produkte aus einem Drittland kauft, die auf Basis russischer Rohöle hergestellt wurden.

The New Arab berichtete Ende März, dass Marokko und Tunesien im Verdacht stünden, ein wichtiger Umschlagplatz für russische Treibstoffe zu sein. Demnach würden in Häfen dieser Länder russischer Diesel und Benzin mit Treibstoffen anderer Herkunft gemischt und dann nach Europa exportiert.

Sämtliche Angaben zur Neuorientierung Russlands in der Energiepolitik sind deshalb mit Vorsicht zu behandeln. Als sicher gilt, dass russische Energieprodukte unter den durchschnittlichen Weltmarktpreisen zu haben sind – auch, weil der vom Westen beschlossene Preisdeckel dahingehend wirkt.

Viele Länder schrecken davor zurück, Energieprodukte aus Russland zu beziehen, um nicht gegen Sanktionen der USA oder der EU zu verstoßen. Diese Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen führte beispielsweise jüngst in Indonesien dazu, dass Jakarta vorerst von gewissen Plänen Abstand nahm. Länder, die dennoch Energie aus Russland beziehen, werden versuchen, dies zu vertuschen.

Asien wächst

Die Chancen, welche sich vielen Schwellenländern nun bieten, fallen wie bereits angedeutet mit einer ökonomischen Schwächeperiode des Westens zusammen. Die USA – und noch deutlicher die EU-Länder – steuern Beobachtern zufolge auf eine Rezession in ihren Volkswirtschaften zu.

Zeitgleich scheint sich die chinesische Wirtschaft nach den harten Corona-Lockdowns wieder nachhaltig zu erholen und großen Teilen Asiens Wachstumsimpulse zu bescheren. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit Blick auf das laufende Jahr in China mit einem Wirtschaftswachstum von 5,2 Prozent gegenüber 1,6 Prozent in Amerika und 0,8 Prozent in der Eurozone.

Viel wichtiger als solche ungewissen Prognosen ist die Tatsache, dass sich insbesondere asiatische Länder wirtschaftlich und finanzpolitisch in einer besseren Verfassung befinden als Amerika und Europa.

Wichtige Faktoren wie Staatsverschuldung, demografische Entwicklung, Handelsbilanz und Devisenreserven sind in Ostasien günstiger als im Westen, allerdings auf einem niedrigeren Wohlstandsniveau, wie aus einer Auflistung der Netfonds Gruppe zwischen den erfolgreichsten asiatischen Ländern einerseits und Europa und den USA andererseits hervorgeht:

Diese Ungleichgewichte spiegeln sich auch in der Geldpolitik wider. So weist das Wall Street Journal darauf hin, dass die Zentralbanken von Indien, Indonesien, den Philippinen und Malaysia eine lockere Geldpolitik betreiben, weil die Inflationsraten dies erlauben. Auch in China, Japan und anderen entwickelten Ländern der Region liegt die Rate der Geldentwertung deutlich unter jener in der EU, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten.

Diese müssen mit Leitzinserhöhungen gegensteuern – Leitzinserhöhungen, welche die hochverschuldeten westlichen Finanzsysteme in akute Schieflage bringen können, wie zuletzt die von US-Regionalbanken ausgehenden Schockwellen im Bankensystem demonstrierten.

Großbanken wie Goldman Sachs oder die australische ANZ-Bank rechnen damit, dass eine Rezession im Westen nur periphere Schäden in Ostasien verursachen würde. Die sinkende Nachfrage aus den USA werde in einem solchen Szenario von der expandierenden chinesischen Volkswirtschaft kompensiert. Ein Risiko bleiben jedoch Ansteckungseffekte im Finanzsystem.

In makroökonomischer Hinsicht ist außerdem bedeutsam, dass die ostasiatischen Länder mit dem weltgrößten Freihandelsabkommen RCEP über ein Anreizsystem für den regionalen Handelsverkehr verfügen. In globaler Hinsicht nimmt diese Funktion für viele ärmere Länder Chinas Infrastrukturprojekt der „Neuen Seidenstraße“ ein, auf die der Westen bislang noch keine schlagkräftige Antwort gefunden hat.

Fazit

Die „Zeitenwende“ in Weltwirtschaft und Geopolitik führt zu strukturellen Machtverschiebungen auf dem Planeten, die für ärmere Staaten große Entwicklungsmöglichkeiten beinhalten. Neben der Umleitung russischer Energieströme ist in diesem Zusammenhang insbesondere auf den Aufstieg Chinas sowie auf Tendenzen einer Abkopplung vom US-Dollar und einer De-Globalisierung zu verweisen.

Ob die damit verbundenen Chancen – aber auch die dadurch entstehenden neuen Risiken – von den entsprechenden Regierungen richtig eingeschätzt und ergriffen werden, werden die kommenden Jahre zeigen.

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