Politik

Zeitenwende in der deutschen Haushaltspolitik

Unangenehme Überraschung bei der jüngsten Steuerschätzung: Deutschland wird weniger an Steuern einnehmen als noch im Herbst angenommen. Doch angesichts von Gesamteinnahmen von fast einer Billionen Euro meinen nicht wenige Experten: Der deutsche Staat hat nicht zu wenig Geld – er gibt nur zu viel aus.
Autor
13.05.2023 09:03
Aktualisiert: 13.05.2023 09:03
Lesezeit: 3 min

Für das nächste Jahr erwartet der Bundesfinanzminister staatliche Gesamteinnahmen in Höhe von 962 Milliarden Euro, die Bund Länder und Gemeinden zugutekommen. Diese Schätzung wird zwei Mal im Jahr vom Arbeitskreis „Steuerschätzungen“ vorgenommen. Der Arbeitskreis, der 1955 gegründet wurde, ist ein Beirat beim Bundesfinanzministerium, dem verschiedene Bundesministerien, die Finanzministerien der Länder, Wirtschaftsforschungsinstitute, das Statistische Bundesamt und die Bundesbank angehören.

Steuerschätzungen des Arbeitskreises sind die Grundlage für die Haushaltsplanungen. Insgesamt stehen demnach dem Staat insgesamt 30,8 Milliarden Euro weniger zur Verfügung als bisher angenommen. Der Schätzung zufolge werden im nächsten Jahr dem Bund 377,3 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, 13 Milliarden weniger als bisher angenommen, was die zähen Haushaltsgespräche in der Koalition nicht einfacher machen dürfte.

Tatsächlich sieht Lindner aber im Bund eine strukturelle Haushaltslücke gar von 20 Milliarden Euro, denn zu den zurückgehenden Steuereinnahmen kämen zusätzliche Ausgaben durch die jüngsten Gehaltserhöhungen im Öffentlichen Dienst und durch die gestiegenen Kosten für den Schuldendienst. Lindner bekräftigte aber, dass er sowohl an der Einhaltung der grundgesetzlichen Schuldenbremse festhalte als auch nicht daran denke, Steuern zu erhöhen.

„Absurd von einer Geldnot des Staates zu sprechen“

Der Bund der Steuerzahler sieht sich durch die jüngsten Zahlen der Steuerschätzung hingegen bestätigt. Bei Einnahmen von beinahe 1000 Milliarden Euro sei es „absurd von einer Geldnot des Staates zu sprechen“, sagt ihr Präsident Reiner Holznagel den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN). Es sei deshalb zwingend, dass der Staat der Forderung des Bundes der Steuerzahler nach einem finanzpolitischen Kurswechsel nachkomme.

„Deutschland ist bei Steuern und Abgaben weltweit einer der Spitzenreiter. Mit Einnahmen von annähernd einer Billion Euro muss doch endlich wieder eine stabilitätsorientierte Finanzpolitik gelingen – ohne Schattenhaushalte und sogenannte Sondervermögen.“ Der Bund der Steuerzahler schlägt deshalb nicht nur die strikte Einhaltung der Schuldenbremse, sondern auch die Einführung einer Belastungsgrenze für die Bürger ein. Als Anfang fordert Holznagel die komplette Abschaffung des Solidaritätszuschlages und einen konsequenten Inflationsausgleich im Steuerrecht vor.

Tatsächlich belastet kaum ein anderer Staat auf der Welt seine Bürger mit Steuern und Abgaben so sehr wie Deutschland. Im OECD-Vergleich liegt Deutschland mit einer durchschnittlichen Steuer- und Abgabequoten von 49 Prozent beim Alleinstehenden und mit 32,9 Prozent bei Ehepaaren mit zwei Kindern zusammen mit Frankreich an zweiter und dritter Stelle, nur knapp hinter dem Spitzenreiter Belgien.

Zum Vergleich: die USA haben eine Steuer- und Abgabenquote von 14 Prozent bei Alleinstehenden und von 28,3 Prozent bei Ehepaaren mit zwei Kindern. Auch das Vereinigte Königreich schröpft seine Bürger weit weniger brachial (26,4/30,8 Prozent) und selbst das frühere Sozialstaats-Paradies Schweden bürdet seinen Bürgern weniger Steuern und Abgaben auf (37,5/42,7 Prozent) auf.

Die hohe Steuer- und Abgabenlast aber entwickele sich, so Holznagel, zunehmend zu einer Wachstumsbremse. Denn eines der großen Hemmnisse für die heimische mittelständische Industrie sei der akute Fachkräftemangel. Und neben dem Sprachproblemen sind Steuern und Abgaben für viele Fachkräfte ein wichtiges Kriterium, wenn sie sich zwischen mehreren Ländern entscheiden können.

Es sei, so Holznagel gegenüber den DWN, nicht ohne weiteres beispielsweise einem pakistanischen Computer-Experten vermittelbar, warum er nach Deutschland statt nach Großbritannien gehen solle, wenn er in Deutschland nicht nur eine gänzlich neue Sprache lernen müsste, sondern obendrein auch noch deutlich weniger von seinem Lohn behalte. „Wir sind“, so Holznagel bündig, „im Rennen um die besten Köpfe einfach nicht wettbewerbsfähig.“

Experten warnen vor gestiegenen Haushaltsrisiken

Erhebliche Gefahren für die finanzpolitische Stabilität sieht auch der Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft. In einer Stellungnahme für die DWN legt der Verband dar, dass die Haushaltsrisiken deutlich stiegen. So werde die Zins-Steuer-Quote in diesem Jahr von sieben auf 11,1 Prozentpunkte steigen. Das heißt: Von zehn Euro gezahlten Steuern müsse der Staat mehr als einen Euro allein für die Zahlung der Zinsen ausgeben.

Zudem müssten die kommunalen Arbeitgeber mit rund 17 Milliarden Euro „den höchsten Tarifabschluss aller Zeiten schultern“, so Verbandschef Markus Jerger. Dies aber wirke sich dann auch auf die mittelständische Wirtschaft aus, denn das Geld, das die Kommunen für gestiegenen Löhne und Zinsen aufbringen müssten, fehle dann für Investitionen – und darunter leide der Mittelstand. Nach Ansicht des Verbandes steht der Mittelstand in Deutschland vor einer ganzen Reihe großer Herausforderungen. Denn zudem bremse eine „immer undurchsichtigere Regulierung und Bürokratie“ ein mögliches Wachstum des Mittelstandes.

Vor einer großen Herausforderung steht nun auch die Bundesregierung und insbesondere Bundesfinanzminister Lindner. Für den haushaltspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Otto Fricke, stehe Deutschland nun mit den zu erwartenden Mindereinnahmen vor einer „haushaltspolitischen Zeitenwende. Die Zeiten, in denen für alles und jedes Geld da war, sind endgültig vorbei.“ Ein Weiter-So gehe nun nicht mehr, erklärte der Haushaltsexperte gegenüber den DWN: Jeder müsse sich nun fragen, auf was er verzichten könne – und auf was er verzichten müsse.

Der Entwurf für den Bundeshaushalt 2024 soll, so die bisherige, Planung noch vor der Sommerpause im Kabinett beschlossen werden, so dass er dann im Parlament beraten und im November beschlossen werden kann.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Berkshire Hathaway-Aktie: Was sich unter Greg Abel im Portfolio ändern könnte
01.05.2026

Berkshire Hathaway steht vor einer Jahreshauptversammlung, die Anlegern erstmals klare Hinweise auf den Kurs unter Greg Abel geben dürfte....

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Energyfische im Rhein: Wie Schwarmkraftwerke von Energyminer Strom in Flüssen produzieren
01.05.2026

Unsichtbar unter der Wasseroberfläche könnten Energyfische eine neue Ära der Stromerzeugung einläuten. Das Konzept der...

DWN
Politik
Politik Historikerin Anne Applebaum warnt vor Trump: Europa muss eigenständiger werden
01.05.2026

Die Historikerin und Autorin Anne Applebaum warnt vor neuen Manipulationsversuchen Donald Trumps bei den kommenden US-Wahlen und vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Effizienz in der Fertigung: Wie Unternehmen Produktionskosten senken
01.05.2026

Produktionskosten entscheiden in der Industrie zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit und Margen. Doch wie können Unternehmen mithilfe...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Die Infrastruktur-Falle: Wenn der Standort Deutschland zum Geschäftsrisiko wird
01.05.2026

Deutschlands industrielle Basis verliert ihre Verlässlichkeit. Was jahrzehntelang als staatliche Standortgarantie galt – stabile Energie...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 18: Die wichtigsten Analysen der Woche
01.05.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 18 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Immobilien
Immobilien 95 Jahre Empire State Building: Eine Ikone feiert Jubiläum
01.05.2026

Seit Jahrzehnten prägt das Empire State Building die Skyline von New York. Millionen Besucher strömen jedes Jahr dorthin. Zum 95....

DWN
Politik
Politik Tankrabatt startet am 1. Mai: Das sparen Autofahrer wirklich
01.05.2026

Am 1. Mai sinken die Steuern auf Benzin und Diesel. Dann gilt der Tankrabatt, mit dem die Bundesregierung die Steuern auf Kraftstoffe...