Politik

Reform des Einwanderungsrechts passiert Bundestag

Der Bundestag beschloss am Freitag ein neues Einwanderungsrecht. Die Unterstützer versprechen sich Arbeitskräfte gegen den Mangel, Kritiker erwarten eine starke Zuwanderung von Geringqualifizierten aus aller Welt.
23.06.2023 13:54
Aktualisiert: 23.06.2023 13:54
Lesezeit: 2 min
Reform des Einwanderungsrechts passiert Bundestag
Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales, spricht bei der Debatte über den Gesetzentwurf zur Fachkräfteeinwanderung. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Der deutsche Arbeitsmarkt wird stärker für Einwanderer geöffnet. Der Bundestag beschloss am Freitag ein neues Einwanderungsrecht für Fach- und Arbeitskräfte aus Staaten außerhalb der EU. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach vom "modernsten Einwanderungsrecht der Welt". Die Koalition aus SPD, Grünen und FDP verspricht sich davon eine Linderung des Arbeits- und Fachkräftemangels, über den viele Branchen und Firmen klagen. Die Union als größte Oppositionsfraktion sprach indes von einer Mogelpackung. Neu ist ein Punktesystem etwa für Qualifikation, Alter und Sprachkenntnisse als Türöffner zur Jobsuche in Deutschland. Für beruflich Qualifizierte und Menschen mit Berufserfahrung mit einem Job-Angebot werden die Hürden gesenkt.

Der Bundestag beschloss die Reform mit 388 Ja- und 234 Nein-Stimmen bei 31 Enthaltungen. Union und AfD hatten ihre Ablehnung angekündigt, die Linke Enthaltung. Durch die Reform und weitere Änderungen in einer Beschäftigungsverordnung erhofft sich die Regierung 130.000 zusätzliche Fach- und Arbeitskräfte jährlich. In 200 Berufen und damit in jedem 6. Beruf herrschen in Deutschland laut Bundesagentur für Arbeit Engpässe.

Mit der Reform schafft Deutschland nach Worten von Faeser die Voraussetzungen, um die besten Kräfte nach Deutschland zu holen. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) warf der Union vor, sie verzichte "in dieser Debatte auf jede Form von ökonomischem Sachverstand". Deutschland brauche nicht nur Akademiker, sondern auch beruflich qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland. Zur Fachkräftesicherung müssten alle Register gezogen werden - sowohl bei der Einwanderung als auch bei der Qualifizierung und Weiterbildung inländischer Arbeitskräfte. Am Nachmittag wollte der Bundestag ein Aus- und Weiterbildungsgesetz beschließen. Eine Ausbildungsgarantie und ein Qualifizierungsgeld bei Weiterbildung sollen das Arbeitskräfteangebot im Inland stärken.

UNION - HÜRDEN FÜR GERINGQUALIFIZIERTE WERDEN GESENKT

Die Vizevorsitzende der Unions-Fraktion, Andrea Lindholz, räumte ein, dass Deutschland etwa in der IT-Branche und im Gesundheitswesen ausländische Fachleute benötige. Die Reform sei aber eine Mogelpackung. "Da steht zwar Fachkräfte-Einwanderung drauf", sagte die CDU-Politikerin. "Aber es ist vor allem die Zuwanderung von Geringqualifizierten aus aller Welt und ein neues Bleiberecht für Ausreisepflichtige." Der AfD-Abgeordnete Norbert Kleinwächter sagte, Deutschland benötige die Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht. "Jeder kommt rein, aber keiner fliegt raus", sagte der AfD-Politiker mit Blick auf in Deutschland lebende ausreisepflichtige Ausländer.

"Ihre Kritik ist an den Haaren herbeigezogen", entgegnete Grünen-Vizefraktionschef Konstantin von Notz auf Lindholz, der er "ideologische Verbohrtheit" vorwarf. "Die größte Wirtschaftsbremse in diesem Land lösen wir hier heute", sagte Notz mit Blick auf den Fachkräftemangel. Die Ampel-Koalition setze damit in die Tat um, was Unternehmen überall im Land immer und immer wieder gefordert hätten. Er unterstrich, dass für Asylbewerber, die zum Stichtag 29. März 2023 im Land waren, künftig ein Spurwechsel vom Asylverfahren in den Arbeitsmarkt ermöglicht werde: "Wer jetzt schon hier ist, hat jetzt die Chance, als Fachkraft in unserem Land tätig zu werden."

Mit der Reform sende Deutschland ein klares Zeichen, dass ausländische Fachkräfte herzlich eingeladen seien, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Johannes Vogel. "Genau dieses Signal brauchen wir an die Welt." Mit dem Abbau von Bürokratie etwa bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse setze die Ampel um, wozu Experten seit Jahren rieten. Zuwanderung sei wichtig für den Wohlstand in Deutschland. "Mit neuen Köpfen kommen auch neue Ideen", sagte Vogel.

Linke-Politikerin Gökay Akbulut erklärte, die Reform richte sich an den Interessen der Wirtschaft aus. Stattdessen müssten die Rechte der Migranten und ihrer Familien gestärkt werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gestiegene Betriebskosten: Wachsender Druck auf Produktionsbetriebe

Die deutsche Wirtschaft steht im Jahr 2026 vor enormen Herausforderungen, welche die Gewinnspannen der Betriebe spürbar verringern. Laut...

DWN
Politik
Politik Tiefe Gräben beim Staatsvertrauen: Wie die Bürger das politische System bewerten
24.09.2026

Während eine breite Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland nach wie vor auf die Qualität der Demokratie vertraut, offenbart eine neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Audi China-Modelle: Diese Elektroautos will Audi in Deutschland stoppen
24.09.2026

Audi entwickelt Elektroautos eigens für China, doch plötzlich stehen sie bei Händlern in Deutschland. Was wie ein Erfolg der eigenen...

DWN
Politik
Politik EuGH-Urteil zu Energiepreisen: Grundsatzentscheidung stärkt Rechte der Verbraucher und widerspricht dem BGH
24.09.2026

Jahrelang zu hohe Beträge für Wärme gezahlt? Nach einer Grundsatzentscheidung des Europäischen Gerichtshofs verjähren...

DWN
Technologie
Technologie Rückgang bei Industrierobotern: Deutschland droht im weltweiten Wettlauf den Anschluss zu verlieren
24.09.2026

Trotz seiner führenden Rolle bei der industriellen Automatisierung in Europa gerät der Standort Deutschland im globalen Vergleich ins...

DWN
Politik
Politik Atempause beim Tanken vorbei? Spritpreise steigen wieder an
24.09.2026

Autofahrer müssen nach einer kurzen Verschnaufpause an den Zapfsäulen wieder mit höheren Ausgaben rechnen. Obwohl Benzin und Diesel im...

DWN
Technologie
Technologie Experten schlagen Alarm: Forderungen nach grundlegendem Umdenken bei KI-Konzernen
24.09.2026

Angesichts potenziell unkontrollierbarer Gefahren durch Künstliche Intelligenz dringen Fachleute auf neue Regeln für die führenden...

DWN
Politik
Politik Subventionen für Europas Industrie: Deutschland und Frankreich uneins bei EU-Förderregeln
24.09.2026

Um der teuren Energie sowie dem Druck aus China und den USA zu trotzen, fordert die europäische Industrie staatliche Hilfen. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen Gute Noten mit Schwachstellen: Deutsche Banken bestehen Krisencheck
24.09.2026

Ein umfassender Belastungstest der Aufsichtsbehörden bescheinigt den kleineren und mittleren Finanzinstituten in Deutschland eine...