Unternehmen

Trotz Rezession: Airlines bestellen Rekordmenge an Flugzeugen

Der Flugverkehr hat trotz der globalen Rezession stark zugenommen und die Nachfrage nach Verkehrsflugzeugen übertrifft das Angebot deutlich. "Wir können gar nicht schnell genug Flugzeuge bauen", sagte der Airbus-CEO diese Woche auf der Paris Air Show.
Autor
24.06.2023 12:44
Aktualisiert: 24.06.2023 12:44
Lesezeit: 4 min
Trotz Rezession: Airlines bestellen Rekordmenge an Flugzeugen
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Airbus-Chef Guillaume Faury auf der Paris Air Show, die alle zwei Jahre stattfindet. (Foto: dpa) Foto: Michel Euler

Trotz aller Probleme der Weltwirtschaft gibt es eine anhaltend starke Nachfrage nach Flugreisen, sagen Führungskräfte der Luftfahrtbranche, die diese Woche auf der Pariser Luftfahrtausstellung zusammenkamen, und verweisen auf die jüngsten Großaufträge. "Es gibt weiterhin eine sehr starke Nachfrage mit hohen Preisen", sagte etwa Guillaume Faury, CEO von Airbus, dem weltweit größten Hersteller von Verkehrsflugzeugen.

Das Problem besteht darin, dass die Hersteller nur über begrenzte Fähigkeiten verfügen, die Produktion von Flugzeugen schnell zu steigern. Denn Airbus und Boeing haben mit Engpässen bei der Versorgung mit Dingen wie Triebwerken, Chips und Arbeitskräften zu kämpfen. Beide haben lange Auftragsbestände. Die Fluggesellschaften haben diese Engpässe erkannt und bemühen sich, Flugzeuge zu reservieren, auch wenn sie erst in einigen Jahren ausgeliefert werden können.

"Wir können die Flugzeuge gar nicht schnell genug herstellen, um die Nachfrage zu befriedigen", sagt Faury. Eine Flugzeugbestellung ist heutzutage "eine Reservierung von Slots in der Warteschlange, und zwar für eine Ressource, die knapp ist", sagte er. Die Jets von IndiGo zum Beispiel sollen frühestens im Jahr 2030 ausgeliefert werden.

David Calhoun, CEO von Boeing, sagte auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der Luftfahrtmesse in Paris, dass er eine Stabilisierung der Lieferkette seines Unternehmens nicht vor Ende des kommenden Jahres erwartet. "Warum bestellen die Leute jetzt Flugzeuge bis in die 30er Jahre hinein? Weil sie das Gleiche sehen", zitiert ihn das Wall Street Journal.

Die Luftfahrtindustrie ist für ihre Auf- und Abschwünge berüchtigt, aber der Zyklus der letzten Jahre war außergewöhnlich. Während der Pandemie kam der Flugverkehr fast völlig zum Erliegen. Als im letzten Jahr die Reisebeschränkungen wegfielen, wurden die Airlines von der aufgestauten Nachfrage überrascht. Die Flughäfen waren im letzten Sommer überlastet. Die Fluggesellschaften hatten Mühe, wieder Personal einzustellen und Flugzeuge in Betrieb zu nehmen.

Flugzeughersteller erhalten riesige Aufträge

In den letzten Monaten haben viele Fluggesellschaften vom Erholungsmodus auf den Wachstumsmodus umgeschaltet. So gab IndiGo eine Rekordbestellung von über 500 Airbus-Flugzeugen der A320-Familie auf, um ihr Inlandsnetz auszubauen und ihre internationalen Flüge zu erweitern. Die Fluglinie Air India hielt kurzzeitig den Titel des Rekordauftrags, als sie im Februar 470 Flugzeuge bei Airbus und Boeing bestellte.

Anfang dieses Jahres gaben zwei saudi-arabische Fluggesellschaften bekannt, dass sie im Rahmen eines umfassenderen Plans zur Förderung des Reiseverkehrs in das Königreich fast 80 Boeing 787 Dreamliner kaufen würden, das größte Flugzeug des Unternehmens. Ende letzten Jahres bestellte United Airlines 100 Boeing-Großraumflugzeuge. Letzten Monat bestellte die größte europäische Fluggesellschaft, die Billigfluglinie Ryanair, bis zu 300 Boeing 737 MAX.

In diesem Jahr haben Fluggesellschaften und Flugzeug-Leasinggeber bisher 1.429 Airbus- und Boeing-Jets bestellt, einschließlich der in dieser Woche bekannt gegebenen Festaufträge. Das ist bereits mehr als der Gesamtjahresauftragsbestand von 1.377 im Jahr 2019. Nach Angaben des Luft- und Raumfahrtforschungsunternehmens Agency Partners waren die bestätigten Aufträge auf der diesjährigen Luftfahrtmesse die höchsten seit 2011.

Airbus und Boeing erhalten Konkurrenz auch China

Die 737 MAX konkurriert mit der A320 im heißesten Segment des kommerziellen Luftfahrtmarktes. Diese Schmalrumpfflugzeuge fliegen in der Regel kürzere Flüge mit weniger Passagieren. Dieser Markt hat sich schneller erholt als die Langstreckenflüge. Kurz vor der Pandemie erlitt Boeing zwei tödliche MAX-Abstürze, die ein Flugverbot und eine Untersuchung nach sich zogen, was dem Unternehmen im Wettbewerb mit seinem europäischen Rivalen schadete.

Während der Pandemie hatte Airbus enorme Schwierigkeiten, Flugzeuge an seine Kunden auszuliefern. Das Unternehmen arbeitete eng mit seinen Zulieferern zusammen, um die Fließbänder am Laufen zu halten, da es auf eine Erholung der Nachfrage setzte. Diese Wette zahlt sich nun aus. Airbus liegt weiterhin deutlich vor Boeing sowohl bei den jährlichen Auslieferungen als auch beim Gesamtauftragsbestand.

Jahrelang teilten sich Boeing und Airbus die weltweiten Aufträge für Flugzeuge mit nur einem Kabinengang etwa zu gleichen Zeilen. Diese Schmalrumpfflugzeuge sind die profitabelsten Maschinen der beiden Hersteller. Heute hat Airbus einen Marktanteil von etwa 62 Prozent. Dies geht aus einer Analyse der Aufträge und Auftragsbestände beider Unternehmen durch das Wall Street Journal hervor, einschließlich der Ankündigungen auf der Messe diese Woche in Paris.

Faury sagte, dass die Dominanz von Airbus auf dem Markt für Schmalrumpfflugzeuge "wahrscheinlich noch lange anhalten wird". Er geht davon aus, dass der Markt für Flugzeuge mit nur einem Kabinengang auf absehbare Zeit von Airbus und Boeing beherrscht wird, sagte aber, dass er die Comac C919 ernst nimmt, das erste Passagierflugzeug, das vollständig in China entwickelt wurde und dort seit 2015 gebaut wird.

Calhoun von Boeing, der nicht an der diesjährigen Luftfahrtmesse teilnahm, betonte die Notwendigkeit, dass sich das Unternehmen von seinen Produktionsproblemen erholt. "Die meisten Anteilsverluste der letzten vier Jahre, die wirklich messbar sind, sind darauf zurückzuführen, dass wir keine Flugzeuge ausliefern konnten", sagte er vor der Pariser Messe auf einer Pressekonferenz in South Carolina, wo Boeing den 787 Dreamliner produziert.

Schon vor dem Auftrag von IndiGo war Airbus mit seiner A320 bis zum Beginn des nächsten Jahrzehnts weitgehend ausverkauft. Airbus strebt bis 2026 eine monatliche Produktionsrate von 75 Flugzeugen der A320-Familie an, nachdem die Produktion während der Pandemie auf etwa 40 Flugzeuge pro Monat reduziert wurde. Das Unternehmen hat seine Produktionsziele mehrmals nach hinten verschoben, da es mit Problemen in der Lieferkette zu kämpfen hat.

Boeing hat sich unterdessen das Ziel gesetzt, die monatliche Produktionsrate für seine konkurrierenden 737 MAX-Jets von 31 auf 38 zu erhöhen. Dieses Ziel sollte "ziemlich bald" erreicht werden, sagte Boeing-Vertriebschef Stan Deal. Das Unternehmen plant eine weitere Steigerung der Produktion, hat sich aber noch kein konkretes Ziel gesetzt. Boeing hat auf dem Markt für größere Jets, wo die Auftragsbestände kürzer sind, immer noch die Nase vorn.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

DWN
Politik
Politik Geht uns der Sprit aus? Deutsche Top-Ökonomin plädiert für Verzicht auf Autofahrten
01.04.2026

Nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer sollten Verbraucher und Wirtschaft mit Verzicht auf knapperes Öl reagieren:...

DWN
Finanzen
Finanzen Trotz steigender Steuereinnahmen: Kommunen mit Rekordausgaben von 31,9 Milliarden Euro
01.04.2026

Trotz steigender Steuereinnahmen wachsen die Ausgaben der Gemeinden noch schneller. Wofür besonders viel Geld ausgegeben wurde und wie die...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg spitzt sich zu: Erwägt Trump einen Rückzug?
01.04.2026

Die Zustimmungswerte von Präsident Donald Trump sind so niedrig wie seit Beginn seiner zweiten Amtszeit nicht mehr. Das wirkt sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Prognose Wirtschaftsinstitute für 2026: Iran-Krieg halbiert Wachstum und treibt Inflation
01.04.2026

Höhere Spritpreise, höhere Inflation: Ifo und DIW sprechen von einem Energiepreisschock - ausgelöst durch den Iran-Krieg. Sie erwarten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmer Wolfgang Grupp: Was die Biografie über den Ex-Trigema-Chef verrät
01.04.2026

Wolfgang Grupp spricht in einer Biografie offen über Machtkämpfe in der Familie und den Kampf gegen die Altersdepression. Was das neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Bauprojekte im Belastungstest: Wie Investoren und Projektentwickler Verzögerungen und Mehrkosten aktiv vermeiden
01.04.2026

Viele Bauprojekte geraten schleichend unter Termin- und Kostendruck, obwohl Controlling und Statusberichte zunächst Stabilität...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stimmungsökonomie in Krisenzeiten: Emotionen prägen zunehmend Konsum
01.04.2026

Nostalgie als Stabilitätsanker: In Krisenzeiten suchen Menschen nach kleinen Glücksmomenten, Vertrautem und Wohlbefinden. Die...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg vor Wendepunkt: Welche Chancen hat eine Deeskalation?
01.04.2026

Neue Signale aus Teheran und Washington sorgen für Bewegung an den Märkten und setzen den Ölpreis unter Druck. Steht der Iran-Krieg vor...