Immobilien

Großbritannien: Turbulenzen im Hypothekenmarkt wegen explodierender Zinsen

Trotz explodierender Hypotheken-Zinsen dürften drei Faktoren britische Immobilienbesitzer erstmal vor massiven Zwangsversteigerungen schützen. Doch die Ungewissheit im Markt bleibt - hauptsächlich wegen der prekären wirtschaftlichen Aussichten.
09.07.2023 10:29
Aktualisiert: 09.07.2023 10:29
Lesezeit: 2 min
Großbritannien: Turbulenzen im Hypothekenmarkt wegen explodierender Zinsen
Explodierender Hypotheken-Zinsen setzen den britischen Immobilienmarkt unter Druck. (Foto: iStock.com/fazon1) Foto: fazon1

Britische Hypothekenkreditnehmer werden höchstwahrscheinlich nicht so extrem wie in früheren Wirtschaftskrisen von massenhaften Immobilien-Zwangsversteigerungen betroffen sein. Markt-Experten zufolge werden höheres Eigenkapital, feste Bankverträge und Regulierungsreformen viele Eigentümern dieses Jahr vor dem Risiko des Verlusts ihrer Häuser schützen.

Doch die Experten warnen, dass es noch viel Raum für Unsicherheit im Immobilienmarkt gibt angesichts der prekären wirtschaftlichen Aussichten in Großbritannien. Rund 1,4 Millionen Haushalte werden ihre Festzinshypotheken im Laufe des Jahres 2023 ablösen. Die meisten wurden vor zwei oder fünf Jahren zu deutlich niedrigeren Zinssätzen als den aktuellen abgeschlossen, so die Financial Times. Viele Haushalte leiden unter Druck von steigenden Anleiherückzahlungen, einer Lebenshaltungskostenkrise und düsteren Inflationsaussichten.

Anstieg ja, aber keine explodierenden Zwangsversteigerungen

Die Aussicht auf höhere Hypothekenzinsen für Immobilien-Kreditnehmer, die eine Neufinanzierung abschließen müssen, haben noch nicht zu massenhaften Zwangsversteigerungen geführt.

Nach Angaben der Branchengruppe UK Finance wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres nur 1.250 Immobilien von Banken wieder in Besitz genommen. „Das sind 50 Prozent mehr als im vorherigen Quartal aber, verglichen mit der Zahl der Hausbesitzer, die während der 1990 Rezession - dem historischen Höhepunkt der Zwangsversteigerungen - ihr Zuhause verloren haben, ist das kaum der Rede wert“, so die Branchengruppe.

Zwischen 1991 und 1993 wurden laut UK Finance rund 188.600 Häuser von Kreditgebern wieder in Besitz genommen.

Neal Hudson, Gründer der Wohnungsmarkt- Forschungsgruppe BuiltPlace, sagte gegenüber der Financial Times: „Für Kreditgeber und Regulierungsbehörden sollten Zwangsversteigerungen der allerletzte Schritt sein. Das heißt aber nicht, dass sie nicht steigen werden. Wir werden einen Aufstieg sehen“.

Maßnahmen zum Schutz von Kreditnehmern

Der offizielle Zinssatz der Bank of England liegt derzeit bei 4,5 Prozent. Zwischen 1988 und 1991 lagen Zinsen im zweistelligen Bereich. Infolgedessen entschieden sich die meisten Kreditnehmer damals für eine Hypothek mit variablem Zinssatz, doch dies bedeutete, dass sich die Leitzins-Änderungen schneller auf die monatlichen Rückzahlungen auswirkten.

Der Financial Times zufolge sind feste Zinssätze heute die Norm in Großbritannien. Eine feste Zinsbindung schützt zwar nur so lange vor Zinsänderungen, wie die Bindung andauert, gibt Kreditnehmern aber Zeit zur Planung ihrer Finanzierung.

Im März legte die britische Finanzaufsichtsbehörde (Financial Conduct Authority) Maßnahmen fest, um Kreditnehmer in Schwierigkeiten zu unterstützen. Dazu gehören:

  • Banken und Bausparkassen müssen bestehenden Kunden ein Hypothekenangebot machen, auch wenn Klienten die Erschwinglichkeitsprüfung anderer Kreditgeber nicht bestehen
  • Banken müssen Kunden in Schwierigkeiten helfen, ihre monatlichen Zahlungen zu senken, indem sie die Hypothek beispielsweise von einer Tilgungshypothek auf ein reines Zinsdarlehen umstellen
  • Eine weitere Möglichkeit für Banken, um Kunden-Rückzahlungen zu reduzieren, wäre die Laufzeit einer Hypothek zu verlängern

Ein Bankangestellter erklärte gegenüber der Financial Times, man habe noch keine wesentliche Veränderung bei der Zahl der Kunden feststellen können, die ihre monatlichen Hypothekenraten nicht bezahlen konnten. Die Bank sei aber gut darauf vorbereitet. „Es ist in niemandes Interesse, dass ein Haus zwangsversteigert wird“, so der Angestellte.

In Deutschland fallen inzwischen die Preise für deutsche Wohnimmobilien im Rekordtempo. Hauspreise sanken um durchschnittlich 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) vor Kurzem mitteilte. Dies war der stärkste Rückgang gegenüber einem Vorjahresquartal seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2000.

Im Vergleich zum 4. Quartal 2022 waren Wohnimmobilien im ersten Quartal durchschnittlich 3,1 Prozent günstiger. „Ausschlaggebend für den Rückgang der Kaufpreise dürfte weiterhin eine gesunkene Nachfrage infolge gestiegener Finanzierungskosten und der anhaltend hohen Inflation sein“, erklärten die Wiesbadener Statistiker.

Die größten Rückgänge im Vergleich zum Vorjahresquartal waren laut Destatis in Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und Düsseldorf zu beobachten. Hier verbilligten sich Ein- und Zweifamilienhäuser um 10,4 Prozent, für Wohnungen wurde 6,4 Prozent weniger gezahlt.

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Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

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