Wirtschaft

Londoner Metallbörse LME sitzt auf Bergen russischen Aluminiums

An der Londoner Metallbörse LME erhöht sich der Anteil von Aluminium aus russischer Produktion dramatisch, denn Abnehmer verlangen zunehmend Metall anderen Ursprungs. Das Risiko signifikanter Marktverzerrungen wächst.
01.07.2023 09:02
Aktualisiert: 01.07.2023 09:02
Lesezeit: 3 min
Londoner Metallbörse LME sitzt auf Bergen russischen Aluminiums
An der Londoner Metallbörse LME erhöht sich der Anteil von Aluminium aus russischer Produktion dramatisch. (Foto: dpa)

Der März des vergangenen Jahres ist den Rohstoffakteuren, welche mit dem Industriemetallsektor befasst sind, noch gut in Erinnerung. Seinerzeit geriet die traditionsreiche London Metal Exchange (LME) in die Schlagzeilen, als sie mit ihrem mehr als unkonventionellem agieren den vollkommen aus den Fugen geratenen Nickelmarkt zu beruhigen versuchte.

Nicht wenige der kleineren Marktteilnehmer gerieten in arge Bedrängnis als die Börse, immerhin ältester und neben New York (COMEX) und Singapur (SIMEX) zudem weltgrößter Markt für Kassa- und Termingeschäfte im Metallsektor, in einer beispiellosen Aktion Transaktionen im Umfang von gut 4 Mrd. Dollar rückabwickelte und den Nickelhandel dann für eine Woche komplett schloss. Ein bekannter Hedgefonds verklagte die Börse kurz darauf auf fast eine halbe Milliarde Dollar Schadenersatz.

Immerhin, und das muss man zugutehalten, blieb der Welt damit wohl ein neuerlicher „Lehman-Moment“ erspart, denn eigentlich ging es darum, im Hintergrund in Bedrängnis geratenen, durchaus namhaften, Investmentbanken den Rettungsring zuzuwerfen. Und kaum war Gras über diese Sache gewachsen, schockte die Börse die Rohstoffbranche erneut: statt Nickel belieferte sie Anfang diesen Jahres die Käufer des hochwertigen Metalls mit lackierten Steinen.

Die LME war Opfer eines groß angelegten Betruges geworden und sah sich zurecht mit der Frage konfrontiert, ob sie überhaupt in der Lage sei, die von ihr lizensierten Lagerhäuser zu überwachen und eine ordnungsgemäße Belieferung sicherzustellen. Aktuell brauen sich abermals dunkle Wolken über der Themse zusammen, allerdings ist der LME selbst in diesem Fall kaum ein Vorwurf zu machen.

„Made in Russia“ - auch an der Börse Ladenhüter

Wenn auch der Ruf der geschichtsträchtigen Börse unter den chaotischen Geschehnissen der jüngeren Vergangenheit gelitten hat, für Metalle, wie zum Beispiel Zinn, Zink, Blei, Stahl oder Aluminium setzt sie nach wie vor die Benchmark-Preise und ist damit für den Welthandel unersetzlich. Jedoch bei letzterem, Aluminium, drohen nun Marktverwerfungen.

Anders als bei beispielsweise Erdöl, gibt es für Basismetalle aus russischer Produktion keine wesentlichen Sanktionen, die deren Einfuhr und Weiterverarbeitung für den Rest der Welt reglementieren würden. Dennoch haben sich nicht wenige Marktteilnehmer freiwillig Beschränkungen auferlegt und lehnen auch den Kauf russischer Mineralien ab. Dies wohl aus der Sorge heraus, später selbst keine Abnehmer mehr für das aus Russland importierte Metall finden zu können.

Da die Londoner Metallbörse den Handel und die Lagerung dieser Waren auf Grund fehlender Sanktionen auch nach Kriegsbeginn unvermindert zuließ, gelangte auch weiterhin russisches Aluminium in die Lagerhäuser - allerdings nicht mehr hinaus, dessen Lieferung wird von den Käufern zunehmend abgelehnt. Die Zunahme des russischen Anteils in den von der LME zertifizierten Depots liegt also nicht daran, dass auf einmal unverhältnismäßig mehr russisches Aluminium eingelagert werden würde, sondern, dass mehr Aluminium anderen Ursprungs ausgelagert wird und sich somit die Relation verschiebt.

Den jüngsten Daten der LME zufolge stieg der Anteil von russischem Aluminium an den dort registrierten Lagerbeständen im Mai auf bemerkenswerte 68 Prozent und hat sich damit im Monatsvergleich um 16 Prozentpunkte auf mehr als 263.000 Tonnen erhöht. Gleichzeitig wurde vor allem indisches Metall abgefragt, der Anteil in Indien produzierten Aluminiums nahm im gleichen Zeitraum von 46,5 Prozent auf 30 Prozent ab.

Benchmark-Funktion in Gefahr

Insbesondere Aluminium wird auf dem Weltmarkt immer wichtiger, handelt es sich dabei doch, neben Kupfer und Eisenerz, um das Metall mit den meisten Anwendungsfällen in Bezug auf die globalen Dekarbonisierungsbemühungen. Auch ohnedies geben die großen Mengen russischen Aluminiums in den LME-Lagern der Branche erheblichen Anlass zur Sorge, da sie die Preisbildung an der Börse, die als Benchmark für Verträge zwischen Produzenten, Händlern und Endkunden dient, verzerren könnten.

Dieses Problem wurde schon vor geraumer Zeit erkannt. Bereits im vergangenen Jahr haben eine Reihe westlicher Händler die Londoner Börse aufgefordert, die Lieferung von Metall russischen Ursprungs zu untersagen, jedoch ohne Erfolg. Dass deren Sorgen durchaus berechtigt waren, zeichnet sich nun ab. Während die Aluminiumpreise in den letzten Monaten aufgrund von globalen Rezessionssorgen gesunken sind, haben sich führende Handelshäuser einen regelrechten Kampf um die relativ knappen nicht-russischen physischen Bestände geliefert, in der Erwartung, dass sich dieser Markt schnell verengen könnte.

Wenn große Mengen unerwünschter russischer Lieferungen an der Börse stranden, besteht das Risiko, dass der Benchmark-Preis verzerrt und nicht mehr synchron mit dem Rest des Marktes gehandelt wird. Eines jener großen Handelshäuser, die zur chinesischen CMC Group gehörende IXM, hatte im Mai eine marktbeherrschende Stellung bei Aluminium aufgebaut, und nun damit begonnen, einen Teil des Metalls abzunehmen.

In Russland produzierte Lieferungen lehnt der Händler jedoch ab. Für die LME bedeutet diese Entwicklung eine zunehmende Abhängigkeit von russischem Material, welches sich als immer schwerer absetzbar zeigt. Es ist bereits absehbar, dass sich die zukünftigen Abnehmer nur noch aus einer kleine Gruppe nicht-westlicher Händler und Weiterverarbeiter bestehen wird. Damit dürfte es auch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ein in solcher Weise auseinander driftender Markt seine Benchmark-Funktion verliert.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Markus Grüne

                                                                            ***

Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: SpaceX-Aktien legen deutlich zu, während sich Tech-Werte erholen
29.06.2026

Erfahren Sie, welche entscheidenden Faktoren die Märkte jetzt bewegen und warum Anleger wieder optimistischer in die Zukunft blicken.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose: Deutsche Bank senkt Erwartungen deutlich
29.06.2026

Eine weitere Großbank hat ihre Goldpreis-Prognose nach unten korrigiert. Die Experten der Deutschen Bank haben ihre Erwartungen für den...

DWN
Finanzen
Finanzen Die schwankende Adobe-Aktie wird immer attraktiver
29.06.2026

Die Adobe-Aktie ist stark gefallen und wirkt im Vergleich zu vielen Tech-Werten günstig bewertet. Doch Anleger fragen sich, ob Adobe seine...

DWN
Panorama
Panorama Sechs Tote in Stade nach Schießerei – Was bisher über die Tat bekannt ist
29.06.2026

In einer Jugendeinrichtung im niedersächsischen Stade sind Schüsse gefallen. Es gibt mehrere Tote und Schwerverletzte und die Politik...

DWN
Finanzen
Finanzen Airbus bekommt Rekordsumme: EU-Förderbank zahlt drei Milliarden 
29.06.2026

Die Europäische Investitionsbank soll Prioritäten der EU finanzieren helfen - etwa bei Sicherheit und Verteidigung. Die Förderbank...

DWN
Politik
Politik Spitzel, Quellen und Agenten: Maaßen kritisiert Verfassungsschutz
29.06.2026

Der frühere Chef des Inlandsnachrichtendienstes Hans-Georg Maaßen kritisiert beim 1. Demokratiekongress der AfD seine ehemaligen...

DWN
Politik
Politik Europäische Fonds: Wo EU-Geld am häufigsten durch Betrug verschwindet
29.06.2026

Während Italien und Rumänien in absoluten Zahlen an der Spitze der Länder stehen, ist der geschätzte Schaden pro Einwohner durch Betrug...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenzverfahren: Deko-Kette Depot schließt 66 Filialen in Deutschland
29.06.2026

Depot betrieb vor einigen Jahren noch rund 400 Geschäfte. Jetzt macht der Einzelhändler erneut eine große Zahl an Geschäften dicht....