Finanzen

Saudi-Arabien will BRICS-Bank beitreten

Saudi-Arabien will Mitglied der Neuen Entwicklungsbank werden - dem Gegenentwurf des Globalen Südens zur Weltbank. Ein Beitritt würde deren Schlagkraft deutlich erhöhen.
30.06.2023 18:03
Aktualisiert: 30.06.2023 18:03
Lesezeit: 3 min
Saudi-Arabien will BRICS-Bank beitreten
Das Bankenviertel Pudong in Schanghai. Saudi-Arabien will der dort befindlichen NDB beitreten. (Bild: istockphoto.com/XIUYUAN YAO) Foto: XIUYUAN YAO

Saudi-Arabien will der Neuen Entwicklungsbank (New Development Bank – NDB) des BRICS-Formates beitreten. „Im Mittleren Osten legen wir großen Wert auf das Königreich Saudi-Arabien und wir sind gegenwärtig in einem qualifizierten Dialog mit ihnen“, zitiert die Financial Times die Bank.

Die Neue Entwicklungsbank wurde 2014 von den BRCIS-Staaten China, Russland, Indien, Brasilien und Südafrika gegründet. Ihr Hauptsitz befindet sich in Schanghai. Neben den fünf Gründungsmitgliedern sind inzwischen auch Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, und Bangladesch der Organisation beigetreten.

Die Neue Entwicklungsbank wurde von Beginn an als Alternative zu westlich dominierten Institutionen wie der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) konzipiert und soll große Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte in den fünf BRICS-Ländern finanzieren – aber im Rahmen von Chinas Seidenstraßenprojekt auch zunehmend darüber hinaus aktiv werden.

Bislang hat die Bank seit ihrer Gründung Kredite im Volumen von rund 33 Milliarden US-Dollar für insgesamt 96 Projekte in den fünf Gründungsländern vergeben.

China steuerte den größten Teil des Gründungskapitals und einer Sonderrücklage bei. Die Anteile von Russland, Indien und Brasilien sind in etwa gleich hoch während die Einlagen Südafrikas am kleinsten sind. Trotz der unterschiedlichen Gewichtsverteilung verfügt jedes der Mitgliedsländer über eine Stimme – ein bemerkenswerter Unterschied zum Internationalen Währungsfonds, wo die Stimmanteile an die Höhe der Einlagen gekoppelt sind und den USA somit eine Veto-Mehrheit verschaffen.

Mehr finanzielle Schlagkraft

Ein Beitritt Saudi-Arabiens würde der Bank deutlich mehr finanzielle Schlagkraft verleihen. Das islamische Königreich ist der größte Erdöl-Exporteur der Welt und verfügt daher über große finanzielle Reserven und einen im internationalen Vergleich geringen Verschuldungsgrad. Gegenwärtig belaufen sich die Verbindlichkeiten der Regierung auf rund 24 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung nach Maßgabe des Bruttoinlandsprodukts, während die Ölverkäufe für einen geregelten Cashflow sorgen.

Das BRICS Information Portal zitiert einen Experten des chinesischen Research Center for Digital Economics and Financial Innovation, wonach der Beitritt Saudi-Arabiens auch die Fähigkeit der BRICS-Länder stärkt, bei möglichen Finanzkrisen mit Hilfsprogrammen gegenzusteuern, ähnlich wie es bislang der IWF tut. Saudi-Arabien befinde sich in einer stabilen finanziellen Verfassung und weise ein geringes Risikopotenzial auf, sei also ein Gewinn für die Organisation.

Ein Beitritt bietet auch für das islamische Königreich Vorteile: das Land kann dadurch seine Abhängigkeit von westlichen Finanzorganisationen ausbalancieren, seine internationalen Finanzanlagen diversifizieren und im Zweifelsfall auf Finanzierungsrunden für Infrastruktur- oder Technologieprojekte hoffen, welche die Regierung in Riad im Zuge ihres bereits eingeleiteten Umbaus der Wirtschaft anstrebt.

Sanktionen wirken

Ein Beitritt Saudi-Arabiens liegt auch deshalb im Interesse der Mitgliedsländer und des BRICS-Formats an sich, weil dieser Probleme ausbalancieren würde, die sich jüngst durch Russlands Mitgliedschaft für die Bank ergeben haben – genauer: die infolge der Verhängung von Sanktionen gegen Russland entstanden sind.

So weist die Financial Times darauf hin, dass das Leitungsgremium der Bank ihre Projekte in Russland vorerst ausgesetzt hat, um nicht zum Ziel westlicher Strafmaßnahmen zu werden. Dies wiederum zeigt, dass die Bank nach wie vor auf einen geregelten Austausch mit dem amerikanischen Finanzsystem und Zuflüssen von Dollar angewiesen ist.

„Die NDB sah sich gezwungen, ihr Russland-Geschäft im Umfang von 1,7 Milliarden Dollar beziehungsweise in Höhe von 6,7 Prozent ihrer gesamten Wertanlagen einzufrieren und die Neuvergabe von Krediten für Russland zu stoppen, um ihre Investoren davon zu überzeugen, dass sie sich an die Sanktionen des Westens gegen Russland hält“, schreibt die FT.

Russland wiederum sieht einen der Zwecke der Bank gerade darin, als Abschirmung vor Sanktionen zu fungieren und die Abkehr vom Dollar voranzutreiben.

Die US-amerikanische Ratingagentur Fitch stufte die Kreditwürdigkeit der Neuen Entwicklungsbank im vergangenen Juli herab und begründete dies damals damit, dass „Reputationsrisiken“, die aus der Aktivität der Bank in Russland erwachsen würden, den Zugang der Institution zum Dollar-Anleihemarkt erschweren könnten. Inzwischen hat die Agentur ihre Bewertung für den Ausblick von „negativ“ auf „neutral“ heraufgesetzt – wohl als Reaktion auf die eingefrorenen Projekte in Russland.

Der Globale Süden emanzipiert sich

Saudi-Arabien will nicht nur der NDB beitreten, sondern auch der BRICS-Gemeinschaft. Das Interesse Riads unterstreicht die zunehmende Abkehr vieler Länder und Regionen vom Westen und dessen Strukturen, welche nach Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine und der Verhängung weitreichender Strafmaßnahmen gegen Russland deutlich an Fahrt aufgenommen hatte.

Aus Sorge vor Sanktionen der US-Regierung sind inzwischen einige Länder dazu übergegangen, die Abhängigkeit vom Dollar in ihren Handels- und Finanzgeschäften aktiv zu verringern. Zudem registrieren alternative Strukturen zum westlichen Modell wie die NDB, das Seidenstraßenprojekt, die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit oder eben BRICS einen verstärkten Zulauf.

Saudi-Arabien stellt einen der Vorreiter dieser Bewegung dar. Das Königreich hat seine Beziehungen zu China und Russland zuletzt deutlich ausgebaut und überdies im Rahmen einer von der chinesischen Regierung vermittelten Initiative eine diplomatische Normalisierung mit dem Iran eingeleitet. Bei allen drei genannten Ländern handelt es sich in geopolitischer Hinsicht um Rivalen der USA und ihrer Verbündeten. Ein Beitritt zur Neuen Entwicklungsbank, die das Gegengewicht der aufstrebenden Länder zur Weltbank darstellt, erscheint vor diesem Hintergrund folgerichtig.

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