Unternehmen

CO2-Preismodell: USA entscheidet sich für Zuckerbrot, EU für die Peitsche

Die Kohlenstoffpreis-Ansätze zwischen der EU und den USA unterscheiden sich eklatant. Die USA haben letztes Jahr ein CO2-Bepreisungsgesetz verabschiedet. Die EU plant, ein eigenes, kontroverses Gesetz einzuführen. Welcher Ansatz ist besser?
Autor
avtor
15.07.2023 09:57
Aktualisiert: 15.07.2023 09:57
Lesezeit: 4 min

Ökonomen argumentieren seit langem, dass die zur Begrenzung des Klimawandels erforderliche Senkung der globalen Treibhausgas-Emissionen sich durch Regulierung allein nicht erreichen lässt; auch ein Preis auf Kohlenstoffemissionen sei unverzichtbar. Weltweit wurden bereits Dutzende derartiger Preissetzungsmechanismen eingeführt, die meisten davon auf Steuerbasis. Doch was die Wirksamkeit angeht, steckt der Teufel im Detail.

Der im letzten Jahr verabschiedete US Inflation Reduction Act hat gezeigt, wie kompliziert die CO2-Bepreisung sein kann. Der IRA enthielt eine wenig beachtete Subvention von 85 Dollar pro von industriellen Prozessen abgeschiedener Tonne CO2, die für jedes neue Werk zwölf Jahre lang gezahlt wird. Ob diese Bestimmung zu einer deutlichen Minderung der Emissionen führen wird, lässt sich unmöglich vorhersagen. Zu erwarten ist jedoch, dass sie die technologische Machbarkeit der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS) auf die Probe stellen wird.

Aktuelle Kohlenstoffabscheidung und Speicherung-Anlagen

Gegenwärtig existieren weltweit nur einige wenige CCS-Anlagen, und diese scheiden nur kleine Mengen CO2 ab. Während die potenziellen Kosten der CCS stark variieren, liegen sie laut vielen Schätzungen bei unter 85 Dollar pro Tonne. Die Garantie einer großzügigen Subvention, auf die Investoren langfristig zählen können, könnte dem Sektor daher einen deutlichen Schub verleihen.

Doch ob sich die CCS-Subvention als erfolgreich erweist oder nicht, ist zweitrangig. Wichtiger ist, dass sie faktisch einen CO2-Preis für die US-Industrie festlegt. Würde zum Beispiel ein Stahlwerk die CCS einführen, bekäme es pro nicht mehr freigesetzter Tonne CO2 85 Dollar.

EU hat anderes CO2-Preismodell als die USA

Die Europäische Union (EU) stützt sich auf ein deutlich anderes CO2-Preismodell. Das europäische Emissionshandelssystem - der weltweit erste und größte Kohlenstoffmarkt - nutzt einen Mengensteuerungsansatz. Das System schafft faktisch einen Kohlenstoffpreis, indem es die Unternehmen zwingt, eine ausreichende Anzahl von Zertifikaten zu kaufen, um ihre CO2-Emissionen abzudecken. Eine bestimmte Menge an Zertifikaten wird kostenlos ausgegeben; zusätzliche Zertifikate müssen die Unternehmen dann am Markt zukaufen.

Man stelle sich zwei identische Stahlwerke vor: Eins in den USA und das andere in der EU. Beide hätten im Prinzip denselben marginalen Anreiz zur Senkung ihrer Emissionen. Das europäische Stahlwerk, das seine Emissionen senkt, bräuchte weniger Zertifikate und könnte nicht benötigte Zertifikate zum Marktpreis an andere weiterverkaufen, die mehr CO2 freisetzen. Dieser Marktpreis liegt derzeit bei 80 Euro (86 Dollar) pro Tonne und ist damit fast genauso hoch wie der, der durch die amerikanische CCS-Subvention geschaffen wurde.

Erhielte das EU-Werk seine Zertifikate kostenlos, wäre die finanzielle Situation auf beiden Seiten des Atlantiks genau gleich. Das zusätzliche Geld käme bloß aus verschiedenen Quellen: von der US-Regierung (für das US-Werk) oder von den Käufern der überschüssigen Zertifikate (für das EU-Werk).

Das heißt nicht, dass wir damit transatlantische Harmonie bei den CO2-Preisen geschaffen hätten - was daran liegt, wie der EU-Ansatz in der Realität funktioniert. Ein zentrales Merkmal des Emissionshandelssystems besteht darin, dass es Stromsektor und Industrie völlig unterschiedlich behandelt. Kraftwerke erhalten kaum kostenlose Zertifikate und müssen den Rest am Markt zukaufen. Die Industrie dagegen erhält alle benötigten Zertifikate kostenlos. Ein Stahlwerk, dass seine Produktion herunterfährt und dadurch seine CO2-Emissionen verringert, verliert seine kostenlosen Zertifikate, was den Anreiz zur Emissionssenkung zunichtemacht. Es sollte nicht überraschen, dass die Industrie-Emissionen in Europa seit Einführung des Emissionshandelssystems vor fast zwei Jahrzehnten kaum gesunken sind.

Während die US-Industrie also jetzt eine Art Kohlenstoffpreis hat, gilt dies für die Industrie in der EU weiterhin nicht. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern: Die EU plant, der Industrie den größten Teil der Zertifikate bis 2030 weiterhin kostenlos zur Verfügung zu stellen. Trotzdem wirbt Europa weiterhin lautstark für sein Emissionshandelssystem mit seinem vorgegaukelten Kohlenstoffpreis. Das liegt auch daran, dass es eine politisch heikle Situation zu vermeiden sucht: Würde die EU ihre kostenlosen Emissionszertifikate nicht an Bedingungen knüpfen, würden die Unternehmen ihre Fabriken schließen und ihre Zertifikate mit dickem Gewinn verkaufen.

EU plant das „Europäisches CO₂-Grenzausgleichssystem“

Die EU weiß zudem, dass die Reduzierung der kohlenstoffintensiven lokalen Produktion allein dem Klima nicht viel nutzen würde: Dieselben Waren würden dann von außerhalb des Blocks importiert. Um diese sogenannte Emissionsverlagerung zu verhindern, plant die EU nun, ein kontroverses „Europäisches CO₂-Grenzausgleichssystem“ (CBAM) einzuführen, bei dem Importeure Emissionszertifikate in Höhe des Kohlenstoffgehalts der importierten Produkte zahlen sollen. Der aktuelle Plan sieht vor, die kostenlosen Zertifikate für die Industrie im Rahmen der allmählichen CBAM-Einführung - zwischen 2026 und 2034 - schrittweise abzuschaffen.

Da das CBAM nur für Importe aus Ländern gelten soll, die keinen Kohlenstoffpreis haben, und die USA jetzt faktisch einen Kohlenstoffpreis haben, müssten US-Produkte befreit sein. Das würde potenziell erhebliche transatlantische Spannungen vermeiden. Doch tritt dann ein weiteres Problem auf: Erhielte die EU-Industrie keine kostenlosen Zertifikate mehr, hätten die Produzenten kohlenstoffintensiver Produkte einen Anreiz, ihre Produktion in die USA zu verlagern, wo der Staat die Dekarbonierungs-Kosten übernimmt. Die EU steht also vor der politisch schwierigen Entscheidung, entweder die kostenlosen Zertifikate beizubehalten oder das CBAM trotz allem auf die USA anzuwenden.

Das CBAM lässt sich gemäß den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) rechtfertigen, da sein Zweck nicht im Schutz der heimischen Industrie besteht, sondern - durch Ausweitung des Kohlenstoffpreises der EU auf Importe - in der Förderung eines globalen Gutes. Doch würde die Anwendung des CBAM auch auf Länder wie die USA bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung kostenloser Zertifikate für die EU-Industrie eindeutig die europäische Industrie schützen. Das wäre nach WTO-Regeln sehr schwer zu rechtfertigen.

Unterschiedliche Kohlenstoffpreis-Ansätze, unterschiedliche Auswirkungen für die Industrie

Die allgemeine Lehre hieraus ist, dass unterschiedliche Ansätze beim Kohlenstoffpreis für die Industrie sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Die USA haben sich gegenwärtig für Zuckerbrot entschieden, während die EU primär auf die Peitsche setzt. Welcher Ansatz für das Klima besser ist, ist schwer zu sagen. Leicht vorhersagbar sind jedoch die erheblichen Spannungen im Bereich von Handel und Politik, die aus diesen gegenläufigen Entscheidungen resultieren.

Copyright: Project Syndicate, 2023.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie BradyPrinter i7500: Revolution im Hochpräzisionsdruck

Sie haben genug vom altmodischen Druck großer Etikettenmengen? Keine Kalibrierung, keine Formatierung, kein umständliches Hantieren mit...

 

X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

avtor1
Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trump-Zölle könnten Preiskarussell, Zinserhöhungen und Insolvenzen anheizen - die EU bereitet sich vor
02.04.2025

Die Regierungen weltweit bereiten sich auf die massive Einführung von Zöllen durch US-Präsident Donald Trump vor, die, so sein Plan,...

DWN
Finanzen
Finanzen Tesla-Aktie stürzt ab: Miese Tesla-Auslieferungen belasten - was das für Anleger bedeutet
02.04.2025

Die weltweiten Auslieferungen des US-Autobauers Tesla sind im vergangenen Quartal um 13 Prozent auf 336.681 Fahrzeuge zurückgegangen....

DWN
Panorama
Panorama Polizei: Kriminalstatistik 2024 zeigt Ausländeranteil bei Gewaltdelikten in Deutschland steigt deutlich
02.04.2025

Die Kriminalstatistik der Polizei offenbart ein besorgniserregendes Bild: Die Zahl der erfassten Gewalttaten ist 2024 um 1,5 Prozent...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz erwägt Ausstieg aus dem Billigsegment in den USA aufgrund von Trump-Zöllen
02.04.2025

Die Mercedes-Benz Group prüft derzeit, ob sie ihre günstigsten Fahrzeugmodelle in den USA aus dem Sortiment nimmt. Hintergrund sind die...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Volatile Märkte vor Trumps Zollerklärung
02.04.2025

Die US-Börsen dürften überwiegend mit Verlusten in den Mittwochshandel starten, vorbörslich stecken die Technologieindizes an der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen DWS-Aktie unter Druck: Deutsche-Bank-Tochter muss Millionenstrafe wegen Greenwashing zahlen
02.04.2025

Die DWS, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, wurde in Deutschland zu einer Millionenstrafe wegen "Greenwashing"-Vorwürfen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kurzarbeit statt Massenarbeitslosigkeit? Verlängerung des Kurzarbeitergeldes steht in der Kritik
02.04.2025

Die Wirtschaft steckt fest in einer Strukturkrise: seit 5 Jahren kein Wachstum. Die Folge: Immer mehr Unternehmen bauen Stellen ganz ab...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft: Verbände fordern dringenden Kurswechsel der Koalition
02.04.2025

Bitte kein "Weiter-so"! Mit Unmut blicken deutsche Wirtschafts- und Industrieverbände auf das, was die noch namenlose Koalition aus Union...