Politik

Rechnungshof warnt neuen Berliner Senat

Die Einrichtung eines milliardenschweren Sondervermögens durch den neuen Senat in Berlin stößt auf entschiedene Ablehnung des Rechnungshofes. Dieser bezweifelt die rechtliche Begründung und meldet erhebliche finanzpolitische Bedenken an.
Autor
25.07.2023 17:09
Lesezeit: 2 min

Der neue Senat aus CDU und SPD unter dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hat auf seiner Senatssitzung die Einrichtung eines sogenannten Sondervermögens beschlossen. Das Sondervermögen „Klimaschutz, Resilienz und Transformation“ soll fünf Milliarden Euro betragen und möglicherweise nach einer Überprüfung um weitere fünf Milliarden ergänzt werden.

Der Senator für Finanzen, Stefan Evers, erklärte zur Begründung, das mit diesem Sondervermögen der Senat eine Grundlage dafür schaffe, „dass Berlin schnellstmöglich unabhängig von fossilen Energieträgern“ werde. Dies sei, so der Senator in einer Erklärung, „nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern vor allem eine notwendige Reaktion auf den Ukrainekrieg und seine energiepolitischen Folgen“.

Darüber hinaus erklärte Evers, dass es mit diesem Schritt gelingen werde, „erheblichen Schaden für alle Berlinerinnen und Berliner abzuwenden“. Zudem bringe der neue Senat mit dieser Entscheidung „auch die Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutz zur Geltung“.

Zweifel des Rechnungshofes

Genau das wird aber vom unabhängigen Berliner Rechnungshof erheblich bezweifelt. In einer den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN) vorliegenden Stellungnahme erklärte die Präsidentin des Rechnungshofes, Karin Klingen, dass ihre Behörde die Begründung für die Einrichtung eines milliardenschweren Sondervermögens für wenig überzeugend hält.

Klingen verweist darauf, dass die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse eine Schuldenaufnahme nur in einer außergewöhnlichen Notsituation erlaube. Diese, so die Behörde in ihrer Einschätzung, müsse unerwartet sein und sich der Kontrolle des Staates entziehen. Die Präsidentin schlussfolgert daraus: „Der Rechnungshof hat erhebliche Zweifel, ob eine solche Notsituation gegeben ist.“ Kritisch merkt der Rechnungshof zudem an, dass über die Verwendung der Mittel der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses und nicht das Parlament insgesamt entscheiden soll.

Mit dieser Kritik steht der staatliche Rechnungshof nicht allein. Auch der Berliner Landesverband des Bundes der Steuerzahler hält die Argumentation des Finanzsenators für wenig stichhaltig. Der Klimawandel, mit dem das Sondervermögen begründet werde, komme nicht unerwartet, vielmehr sei dieser eine Realität, die seit Jahrzehnten angekündigt worden sei, so der Landesvorsitzende Alexander Kraus gegenüber den DWN.

Vielmehr befürchte der Bund der Steuerzahler mit der jetzigen Entscheidung des Senats einen simplen Etikettenschwindel: Denn unter dem Etikett „Kilmaschutz“ wolle der Senat lediglich den Sanierungsrückstau der vergangenen Jahrzehnte mit vermeintlichen Notfallkrediten bezahlen. So würden dann beispielsweise die Kosten für den Austausch von überalteten, zugigen Schulfenstern nicht mehr im Kernhaushalt abgebildet werden.

Auch in der Berliner FDP wächst das Unbehagen über den Verschuldungskurs des neuen Senats. Der Landesvorsitzende Christoph Meyer erklärte, dass die Einrichtung eines zehn Milliarden Euro schweren Sondervermögens „ein Armutszeugnis“ sei. Es dränge sich der Eindruck auf, dass „der Finanzsenator Evers den Weg des geringsten Widerstands geht, um eigene Wünsch-Dir-Was-Projekte zu finanzieren“.

Angespannte Haushaltslage

Tatsächlich ist die Finanzlage des Landes Berlin schon jetzt äußerst angespannt. Bei der Aufstellung des jüngsten Haushaltes hat der neue Senat aus CDU und SPD bereits die Rücklagen des Landes in Höhe von rund 4,6 Milliarden Euro aufgebraucht. Mit der Einrichtung eines Sondervermögens, das nichts anderes als ein neuer Schuldentopf ist, werden die Schulden des Landes noch einmal beträchtlich ausgeweitet.

Schon heute ist das Land mit mehr als 60 Milliarden Euro verschuldet – und das bei einem Haushaltsvolumen von rund 37 Milliarden Euro. Die Präsidentin des Berliner Rechnungshofes Klingen hat im letzten Jahresbericht ihrer Behörde warnend darauf hingewiesen, dass der Schuldenstand Berlins „im Vergleich der Bundesländer sowohl bezogen auf die Einwohnerzahl als auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sehr hoch“ sei. Es sei, so appelliert die Präsidentin angesichts der Risiken für den Landeshaushalt dringlich, „dass der Senat die etatisierten Mittel mit größter Sorgfalt bewirtschaftet“.

Offenkundig will der neue Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Wegner davon nichts wissen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Verbraucher mit Risiko umgehen – zwischen Finanzentscheidungen und digitaler Unterhaltung

Risiko ist ein Begleiter fast jeder wirtschaftlichen Entscheidung. Mal ist es größer, mal kleiner. Mal offensichtlich, mal schwer...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Viega: Wie ein Sauerländer Mittelständler den Weltmarkt für Pressverbindungstechnik dominiert
24.04.2026

Was niemand sieht, hält alles am Laufen. Ein Porträt über den Sauerländer Mittelständler Viega, der mit Pressverbindungstechnik...

DWN
Politik
Politik Bundestag beschließt Tankrabatt: Wie stark sinkt die Steuer?
24.04.2026

Ab 1. Mai sollen Benzin und Diesel günstiger werden - befristet für zwei Monate. Worum es geht und was es mit einer Prämie auf sich hat.

DWN
Panorama
Panorama Berliner Kultur-Beben: Senatorin Wedl-Wilson tritt nach Förder-Affäre zurück
24.04.2026

Nur fünf Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus verliert Berlin seine Kultursenatorin. Sarah Wedl-Wilson zieht damit die Konsequenz aus...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 17: Die wichtigsten Analysen der Woche
24.04.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 17 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Boom-Branche Rüstung: Rheinmetall wird von Bewerbungswelle überrollt
24.04.2026

Vom umstrittenen Waffenbauer zum begehrten Top-Arbeitgeber: Der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall erlebt einen beispiellosen Ansturm auf...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Tesla-Aktie unter Druck: Warum KI-Investitionen das Kerngeschäft belasten
24.04.2026

Teslas Quartalszahlen fallen solide aus, doch die hohen Investitionen in KI, Robotik und autonomes Fahren verschärfen den Druck auf das...

DWN
Politik
Politik FCAS-Gipfel in Zypern: Merz und Macron verordnen neue Verhandlungsrunde
24.04.2026

Trotz festgefahrener Gespräche halten Deutschland und Frankreich am milliardenschweren Luftkampfsystem der Zukunft fest. Bei einem Treffen...

DWN
Finanzen
Finanzen Strom- und Gaskunden: Verivox-Chef warnt vor deutlich steigenden Gaspreisen
24.04.2026

Wer Auto fährt, wird entlastet - doch auch für die Strom- und Gaskunden kennen die Preise derzeit nur eine Richtung: nach oben.