Immobilien

Immobilienfonds spüren Krise am deutschen Bau

Lesezeit: 2 min
19.08.2023 11:02  Aktualisiert: 19.08.2023 11:02
Bau- und Immobilienbranche sind in der Krise - das bleibt nicht ohne Folgen für Immobilienfonds. Zahlen zum Verlauf des ersten Halbjahres zeigen, wie sehr die Attraktivität dieser Anlageklasse gelitten hat.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Baukrise schlägt auf Immobilienfonds durch. Der Auftragseinbruch und mehrere Insolvenzen von Immobilienentwicklern und Bauträgern erschrecken Anleger, die in diesem Jahr bislang weniger als halb so viel Geld neu in Immobilienfonds investiert haben wie im vergleichbaren Zeitraum des vergangenen Jahres. Die Gefahr einer kurzfristigen Investorenflucht besteht nach Einschätzung der Ratingagentur Scope ebenso wie des Branchenverband BVI und des Finanzanalysten Peter Barkow aber nicht. Denn auch für die sogenannten offenen Fonds gilt eine Kündigungsfrist von einem Jahr.

«Derzeit ist zumindest eine deutliche Verlangsamung der Mittelzuflüsse zu beobachten», sagt Barkow, Gründer und Chef des Beratungsunternehmens Barkow Consulting. «Im ersten Halbjahr sind sie im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent zurückgegangen. Das sind auch die niedrigsten Zuflüsse in einem ersten Halbjahr seit 2011, und damals gab es noch keine Kündigungsfrist.»

Besorgnis hat kürzlich die Insolvenz des Nürnberger Immobilienentwicklers Project Immobilien ausgelöst. Der nicht insolvente Investmentzweig der Firmengruppe sammelte mit der Auflage von Fonds das Geld für die Bauprojekte ein: insgesamt 1,4 Milliarden Euro, gezeichnet von über 32 000 Anlegern.

Insolvenzen in diesem Geschäft können weitreichende negative Folgen haben: Anleger verlieren Geld, Käufer stehen vor unfertigen Bauten, Baufirmen bleiben auf unbezahlten Rechnungen sitzen.

In den Jahren der Tiefstzinsen waren Immobilienfonds beliebt, weil sie nennenswerte Renditen erwirtschafteten. Dementsprechend haben Immobilien-Spezialfonds für institutionelle Investoren von 2012 bis Ende Juni dieses Jahres den Nettowert des angelegten Vermögens um 371 Prozent auf 176 Milliarden Euro vermehrt, wie Barkow unter Verweis auf Rohdaten der Bundesbank sagt.

Publikumsfonds - an denen sich jedermann mit ausreichenden Finanzmitteln beteiligen kann - wuchsen innerhalb dieser elfeinhalb Jahre um 58 Prozent auf 132 Milliarden.

Unterschieden wird zwischen offenen und geschlossenen Fonds. Geschlossen bedeutet nicht, dass der jeweilige Fonds die Tätigkeit eingestellt und seine Türen geschlossen hätte, sondern dass die Investoren einmal erworbene Anteile nicht zurückgeben können.

Bei «offenen» Fonds hingegen können die Anleger aussteigen, aber erst nach der einjährigen Kündigungsfrist. Zuvor müssen sie die Anteile nach dem Kauf mindestens zwei Jahre halten, wie ein Sprecher des Fonds-Bundesverbands BVI erläutert.

«Der Regulator hatte mit diesen Regelungen auf die Auswirkungen der Finanzkrise reagiert, um einen stabilisierenden Effekt zu erzielen», sagt Hosna Houbani, Analystin bei der auf Immobilienfonds spezialisierten Ratingagentur Scope. Denn während der internationalen Finanzkrise hatte es tatsächlich Fluchtbewegungen von Investoren gegeben, im Anschluss wurde die Regulierung verschärft.

«Medienwirksame Insolvenzen führen zumindest nicht zu höheren Mittelzuflüssen in Immobilienfonds», meint Finanzfachmann Barkow. «Aber wenn Anleger ihre Anteile zurückgeben wollen, sehen wir das erst in zwölf Monaten.»

Wer vor Ablauf der einjährigen Kündigungsfrist sein Geld braucht, «kann Anteile der offenen Immobilien-Publikumsfonds über die Börse verkaufen», sagt der BVI-Sprecher. «Der Verkauf über die Börse ist aber gebührenpflichtig. «Und der Preis des Anteils ist – im Gegensatz zur Rückgabe an die Fondsgesellschaft – abhängig von Angebot und Nachfrage.»

Auch in der ersten Jahreshälfte haben die Anleger demnach im Saldo zusätzliches Geld in offenen Immobilienfonds angelegt: «Das Netto-Mittelaufkommen ist seit 2019 zurückgegangen, doch auch im laufenden Jahr übersteigen die Zuflüsse die Abflüsse zum Stichtag 30. Juni um 1,2 Milliarden Euro», sagt Analystin Houbani. Das liegt aber weit unter den Spitzenwerten der jüngeren Vergangenheit: Der Rekord wurde nach Scope-Daten im Jahr 2019 mit einem Nettozufluss von 10,1 Milliarden Euro aufgestellt, 2022 waren es noch 4,5 Milliarden.

Derzeit gibt es wenig Anzeichen für einen Aufschwung auf dem Immobilienmarkt. Das Geschäftsmodell der insolventen Project Immobilien war jedoch eine Ausnahme: Die Finanzierung von Wohnungsbauten über Fonds ist eher unüblich. Nach Daten des Branchenverbands BVI legen offene Immobilienfonds das Geld ihrer Anleger überwiegend in gewerblich genutzten Gebäuden an: 55 Prozent in Büros und Praxen, 22 Prozent in Handel und Gastronomie, der Rest entfällt unter anderem auf Hotels und Lagerhallen. Wohngebäude machen laut BVI nur einen Anteil von vier Prozent aus. (dpa)


Mehr zum Thema:  

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Politik
Politik Neuer Schlagabtausch zwischen Giorgia Melonis Regierung und deutschen Seenotrettern
18.07.2024

Seit geraumer Zeit gibt es zwischen zivilen Seenotrettern und Melonis Regierung in Italien Streit über die Migration übers Mittelmeer....

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Neuwagen-Preise für Stromer und Verbrenner nähern sich an
18.07.2024

Der Siegeszug chinesischer E-Auto-Hersteller in Europa basiert auf Wunschdenken. Das sagt Auto-Papst Ferdinand Dudenhöffer vom...

DWN
Finanzen
Finanzen Gehaltsvergleich Deutschland: Angestellter, freier Mitarbeiter, öffentlicher Dienst - so viel verdienen sie!
18.07.2024

In Deutschland haben die Arbeitskosten bedeutend zugenommen. Im Jahr 2023 stiegen die Kosten um 5 Prozent an. Dies wirft wichtige Fragen...

DWN
Politik
Politik Baustart verzögert sich: Zukunftszentrum in Halle an der Saale erst 2030
18.07.2024

Umbrüche verlangen den Menschen viel ab – in Halle an der Saale soll eine neue Institution die Leistungen der deutschen Vereinigung...

DWN
Politik
Politik Konnte mit Rede überzeugen: Europaparlament stimmt zweiter Amtszeit Ursula von der Leyens zu
18.07.2024

Ursula von der Leyen hat es geschafft. Die CDU-Politikerin hat die Rückendeckung des Europaparlaments für weitere fünf Jahre an der...

DWN
Politik
Politik Nach Trunkenheitsfahrt: CDU gibt Rückendeckung für Landeschef Jan Redmann
18.07.2024

Der Brandenburger CDU-Spitzenkandidat fährt betrunken E-Scooter und wird von der Plizei kontrolliert. Nach scharfer Kritik von seinen...

DWN
Immobilien
Immobilien Unesco-Sitzung in Neu-Delhi: Deutschland hofft auf Welterbe in Schwerin und Herrnhut
18.07.2024

Die Entscheidungen über neue Welterbetitel stehen an. Auch zwei deutsche Orte hoffen auf die Auszeichnung der Unesco.

DWN
Technologie
Technologie Automobil-Industrie: Mehr als jede zweite Firma plant Stellenabbau
18.07.2024

Der Umbruch in der deutschen Automobil-Industrie ist in vollem Schwange. Jetzt geht es allmählich an den Jobabbau in den deutschen...