Politik

Grünen-Chefin fordert Umgehung der Schuldenbremse

Es gibt vieles, wofür die Grünen in der Bundesregierung gern mehr Steuergeld ausgeben würden. Die Schuldenbremse könne dazu umgangen werden, sagt Parteichefin Ricarda Lang.
20.08.2023 09:08
Aktualisiert: 20.08.2023 09:08
Lesezeit: 3 min

Angesichts der engen Finanzspielräume plädiert Grünen-Chefin Ricarda Lang für eine Umgehung der Schuldenbremse. «Wir haben uns im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, dass wir nicht an die Schuldenbremse rangehen», sagte Lang der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Das darf aber nicht zur Ausrede werden, uns nicht mit anderen Finanzierungsmöglichkeiten für notwendige Zukunftsinvestitionen auseinanderzusetzen. Denn die gibt es.»

Ein im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP vorgesehenes Instrument, das noch nicht ausreichend genutzt werde, seien öffentliche Investitionsgesellschaften. Bei einer Investitionsgesellschaft würde der Bund diese mit Eigenkapital ausstatten. Sie könnte dann über Kredite weiteres Kapital aufnehmen und investieren. Der Bund würde dafür geradestehen.

«Ohne jede Auswirkung auf die Schuldenbremse können wir etwa problemlos die Bahn oder die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben so ausstatten, dass sie den Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden», erklärte Lang. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) könne dann in den sozialen Wohnungsbau investieren. «Das wäre eine Win-Win-Situation - für die vielen Menschen, die auch in Zukunft noch bezahlbaren Wohnraum suchen, und für die Baubranche, die etwas Unterstützung in der aktuellen Lage besonders gut gebrauchen kann."

Im Koalitionsvertrag steht: «Bestehende staatliche Gesellschaften wie die Deutsche Bahn AG (Infrastrukturbereich) oder die BImA werden wir stärken und ihre Finanzierungsmöglichkeiten verbessern.»

Wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) plädierte auch Lang außerdem dafür, den von ihm vorgeschlagenen subventionierten Industriestrompreis aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) zu finanzieren. Dieser in der Corona-Pandemie errichtete Fonds wurde in der Energiekrise reaktiviert, um deren Folgen abzufedern. «Im letzten Jahr haben wir uns in der Koalition darauf geeinigt, ein ohnehin bestehendes Sondervermögen, den Wirtschaftstabilisierungsfonds, erneut aufzuladen und zu nutzen - mit dem Ziel, die Wirtschaft und natürlich auch das Land in Zeiten steigender Energiepreise zu schützen», sagte Lang. «Jetzt sieht dieser Schutz vielleicht ein bisschen anders aus, er ist aber nicht weniger wichtig. Der finanzielle Spielraum ist da.» Finanzminister Christian Lindner (FDP) lehnt eine andere Verwendung dieser Mittel allerdings ab.

Lang verlangte, der Wohlstand müsse die erreichen, die ihn erarbeiteten. «Beides gehört zusammen: Um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, müssen wir Deutschland wieder auf Wachstumskurs bringen.» Dafür müsse Überregulierung abgebaut werden. «Zweitens: Ich schlage eine Investitionsagenda vor, bei der der Staat strategisch in die öffentliche Infrastruktur investiert, in ein Land, das einfach funktioniert - und damit auch private Investitionen anreizt.» Zudem müsse Staatsgeld auch nach sozialen Kriterien vergeben werden. «Wenn der Staat unterstützt oder investiert, dann muss dort nach Tarif bezahlt werden und Standortgarantie gewährleistet sein. Das könnte man zum Beispiel beim Industriestrompreis so machen.» Und schließlich brauche Deutschland genug Arbeits- und Fachkräfte. «Das bedeutet mehr Weiterbildung, mehr Erwerbsbeteiligung von Frauen - und wir müssen das Fachkräfteeinwanderungsgesetz jetzt mit Leben füllen, etwa, indem wir Berufs- und Bildungsabschlüsse einfacher und schneller anerkennen.»

Die aktuelle wirtschaftliche Lage lasse sie nicht kalt, betonte Lang. «Deutschland ist ein starkes Land mit einer starken Wirtschaft. Aber wenn die Wirtschaft in anderen Ländern jetzt schneller wieder wächst, auch weil die Regierungen dort stärker investieren, dann müssen wir da auch ran. Ich gehe davon aus, dass Wohlstand und Gerechtigkeit in der nächsten Zeit die zentralen Themen der Ampel-Koalition sein werden - zu Recht.»

Man sei sich in der Ampel-Koalition einig, Wachstumsimpulse zu setzen. Dabei sei das Wachstumschancengesetz ein erster Schritt mit guten Punkten wie der Prämie für klimafreundliche Investitionen. Es geht um ein Gesetzespaket von Finanzminister Lindner mit steuerpolitischen Maßnahmen, die die Wirtschaft um jährlich rund 6,5 Milliarden Euro entlasten sollen. «Aus meiner Sicht sollten weitere Schritte für mehr Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit folgen, zum Beispiel der Industriestrompreis oder auch eine Investitionsagenda.»

Lang versicherte: «Das Wachstumschancengesetz und die Kindergrundsicherung werden kommen.» Sie sei sich sicher, dass die Regierung noch in diesem Monat beides auf den Weg bringen werde. Familienministerin Lisa Paus (Grüne) hatte das Wachstumschancengesetz kürzlich im Kabinett blockiert. Sie dringt - wie die Grünen insgesamt - auf die Verabschiedung der Kindergrundsicherung, die Leistungen für Familien zusammenfassen und diese zugleich erhöhen soll. Die FDP sieht Leistungsverbesserungen kritisch. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Mehr Ertrag, weniger Blindflug: Was Anleger über Risiko wissen sollten
28.07.2026

Hohe Rendite gilt vielen Anlegern automatisch als gefährlich – doch die wahre Gefahr kann ganz woanders liegen. Wer versteht, wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fünf Punkte: Was Sie über Trumps neue Zölle wissen müssen
28.07.2026

Der US-Präsident kündigte Ende letzter Woche neue Zölle für eine Vielzahl von Volkswirtschaften an, darunter auch die EU. Hier finden...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes-Aktie: Konzern senkt Prognose
28.07.2026

Die Mercedes-Aktie steht nach neuen Zahlen im Fokus: Der Konzern steigert zwar seinen Gewinn, doch das schwache China-Geschäft belastet...

DWN
Technologie
Technologie Neuer E-Lkw rollt mit China-Technik aus Österreich
28.07.2026

Ein neuer E-Lkw verbindet chinesische Antriebstechnik mit europäischer Fertigung – und rollt nun aus Österreich auf die Straße.

DWN
Panorama
Panorama Waldbrand im Urlaub: Was Urlauber jetzt wissen müssen
28.07.2026

Rauch, Evakuierungen und gesperrte Straßen können den Traumurlaub binnen Stunden verändern. Doch welche Möglichkeiten haben Reisende in...

DWN
Politik
Politik Trump-Vertraute Loomer in der Ukraine: „Russland hat mich getäuscht“
28.07.2026

Jahrelang verbreitete Laura Loomer die Erzählungen des Kremls und beschimpfte die Ukraine als Land der „Nazi-Apologeten“. Nun reist...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenschluss: Chipwerte ziehen Nasdaq nach untentitle
27.07.2026

Spannung an der Wall Street: Was Anleger jetzt über die jüngsten Marktbewegungen wissen müssen.

DWN
Panorama
Panorama Cybersicherheit im Urlaub: Diese zehn Fehler machen Sie zum leichten Opfer
27.07.2026

Ein falscher QR-Code, eine überzeugende E-Mail oder ein gestohlenes Smartphone können den Urlaub abrupt beenden. Cyberkriminelle setzen...