Finanzen

Wall Street: Endet der Traum vom chinesischen Markt?

US-Investoren ziehen sich aus China zurück. Während der chinesische Markt immer restriktiver wird, will auch die Biden-Administration weniger Investments der USA. Die Europäer beklagen ebenfalls Verluste in China, doch eine Bank will sich neu auf dem asiatischen Markt ausrichten.
16.09.2023 07:29
Aktualisiert: 16.09.2023 07:29
Lesezeit: 3 min
Wall Street: Endet der Traum vom chinesischen Markt?
Ein Händler an der New Yorker Börse. Die großen US-amerikanischen Investmentbanken fahren in China zunehmend Verluste ein und reduzieren dort ihr Engagement. (Foto: dpa) Foto: Justin Lane

Die Firmen der Wall Street tun sich schwer mit ihren Investmentbankings in den USA und mittlerweile auch in China. Namhafte Player wie JPMorgan und Goldman Sachs melden seit mehreren Monaten Umsatzrückgänge, während chinesische Konkurrenten wie etwa CITIC Securities oder die China International Capital Corp. stabile Umsatzsteigerungen vorlegen können. Woran scheitert der Traum vom chinesischen Markt, und was bedeutet dieser Rückgang für europäische Investoren?

Investmentbanking in Zeiten des Handelskrieges

Dabei war das Investitionsklima für US-Institutionen in China noch vor wenigen Jahren deutlich besser. Erst im Jahr 2020 lockerte China die Beschränkungen für US-Investoren, sodass Größen wie Goldman Sachs und Morgan Stanley ihre Investitionen verstärkten. Doch seit dem Jahr 2022 werden die Verluste größer. JPMorgan und UBS konnten zwar noch Gewinne im Jahr 2022 einfahren, doch auch bei ihnen stellen sich seit einigen Monaten Verluste ein. Nach Jahren der Investitionen in kleine und oft unwirtschaftliche Projekte hat sich die Hoffnung, die Etablierung in der Volkswirtschaft China würde sich trotzdem auszahlen, bei vielen westlichen Investoren verflüchtigt. So schrumpfte der New Horizon Mixed Securities Fund von Blackrock zwischen dem 30. Juni und dem 30. Juli um mehr als 40 Prozent, eine empfindliche Niederlage, die auf den Rückzug skeptischer Investoren zurückzuführen war. Im gleichen Zeitraum erlangte der chinesische CSI 300-Index eine Rendite von 16 Prozent.

Die Käufe chinesischer Aktien konnten sich derweil etwas erholen, liegen aber weit hinter dem Niveau von 2019 zurück. Andrew Collier vom Orient Capital Research in Hong Kong fasst es wie folgt zusammen: „Geopolitische Risiken führen dazu, dass die Investments es nicht mehr wert sind, Zeit zu opfern und Probleme zu riskieren, vor allem dann nicht, wenn man nur wenig Rendite von ihnen erwarten kann.“

Die Sanktionierung der China-Investments

Die Executive Order der Biden-Administration, nach der bestimmte Investments begrenzt werden sollen, wirft dabei viele Fragen auf. Es ist bisher nicht abschließend geklärt, wie diese Order genau aussehen soll und welche Bereiche sie abdecken wird. Doch scheuen sich manche Investoren, in chinesische KI-Unternehmen zu investieren, die Sorge, solche Technologien könnten plötzlich auf die Sanktionsliste gesetzt werden, ist zu groß. Indessen gehen die Banken andere Wege: JPMorgan etwa erhöhte den Anteil an der brasilianischen Digitalbank C6 auf 46 Prozent und verstärkt seine Präsenz in Südamerika.

Allerdings laufen viele Geschäfte in China weiter, wenn auch im kleineren Ausmaß. So nutzte Goldman Sachs kürzlich einen Fonds, der größtenteils aus chinesischen Staatsgeldern besteht, um amerikanische und britische Unternehmen zu kaufen, unter anderem ein Cybersicherheitsunternehmen, das im Auftrag der britischen Regierung agiert. Auch die Wall-Street-Bank arbeitete jüngst mit großen Summen aus dem China-US Industrial Cooperation Partnership Fund.

Ohnehin sieht man in Peking den Rückzug westlicher Investoren eher gelassen. Zwar kritisiert das chinesische Handelsministerium „gewisse US-Gesetze gegen China“ scharf. Doch es sei an Washington, erste Schritte hin zu einer Entspannung beider Volkswirtschaften zu machen. Die chinesische Wirtschaft sei äußerst resistent und unersetzlich für die US-Amerikaner, so der chinesische Ökonom Tian Yun. Derweil fliehen Chinas Investoren geradezu aus dem Westen und suchen im globalen Süden nach Verbündeten und Investitionsmöglichkeiten.

Europas Investoren auf dem Rückzug?

Was für die US-amerikanischen Investoren schon länger bekannt ist, wird nun auch für ihre europäischen Counterparts spürbar. So klagten jüngst auch Credit Suisse und die Deutsche Bank über Verluste in China. Und auch Brüssel und Berlin wollen Investitionen von und nach China eindämmen. So sollen laut dem deutschen Wirtschaftsministerium in Zukunft schon Unternehmensbeteiligungen ab zehn Prozent meldepflichtig werden, bisher waren es 25 Prozent.

Doch während Credit Suisse nach herben Verlusten von UBS übernommen wird, plant die Deutsche Bank hingegen einen Vorstoß in Asien. So konstatiert James von Moltke, Vorstandsmitglied und Finanzvorstand der Deutschen Bank, durch die Abwanderung vieler Investoren sei die Chance gegeben, neue Experten einzustellen und sich neu auf dem asiatischen Markt auszurichten. Von Moltke vermutet, dass etwa 400 Investment-Experten allein in Asien entlassen wurden, die nun bei der Deutschen Bank anheuern könnten.

Der Traum vom chinesischen Markt ist demnach weder in den USA noch in Europa vollständig ausgeträumt. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die vergangenen Bemühungen von Investmentexperten, sich in Südost- und Ostasien niederzulassen, auf einen Schlag zunichtegemacht würden. Die Frage ist nur, ob und inwieweit westliche Restriktionen daran etwas ändern können, und ob sie nicht mehr Probleme schaffen, als sie eigentlich verhindern.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die XRP-Preise stiegen, und XRP-Inhaber verdienten über 10.000 US-Dollar pro Tag durch FORT Miner Hashrate-Verträge.

Mit der jüngsten Erholung der XRP-Preise hat sich die Risikobereitschaft am Markt entsprechend verbessert. Kapital fließt wieder in...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Virgil Zólyom

                                                                            ***

Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Geschäftsbericht: Weshalb Glaubwürdigkeit über den Geschäftserfolg entscheidet
15.01.2026

Geschäftsberichte gelten oft als lästige Pflicht. Doch hinter Tabellen und Kennzahlen entscheidet sich, ob Unternehmen glaubwürdig...

DWN
Technologie
Technologie Schranken für anzügliche KI-Bilder bei Musk-Chatbot Grok
15.01.2026

Elon Musks Chatbot Grok sorgte für internationale Empörung, weil Nutzer Frauen und Minderjährige in durchsichtigen Bikinis darstellen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft wächst 2025 leicht trotz Zollstreit
15.01.2026

Nach zwei Rezessionsjahren hat Europas größte Volkswirtschaft im vergangenen Jahr wieder ein kleines Plus erzielt. Ein wirklicher...

DWN
Finanzen
Finanzen Memecoin im Faktencheck: Warum eine langfristige Anlagestrategie wichtig ist
15.01.2026

Digitale Anlageformen senken Einstiegshürden, verschärfen aber Bewertungsrisiken. Wie können Anleger langfristig investieren, ohne...

DWN
Finanzen
Finanzen Ray Dalio warnt: 38 Billionen US-Dollar Schulden und "wirtschaftlicher Herzinfarkt" der USA
15.01.2026

38 Billionen US-Dollar Staatsschulden belasten die USA wie ein Damoklesschwert. Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater, warnt vor...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr in Grönland: Europas Antwort auf Trumps Machtanspruch
15.01.2026

Grönland rückt ins Zentrum eines geopolitischen Machtkampfs. Nach einem gescheiterten Krisengespräch zwischen Washington, Kopenhagen und...

DWN
Panorama
Panorama Sorge vor Blackout: Mehrheit der Deutschen legt Vorräte für Krisen an
15.01.2026

Tagelang waren rund 100.000 Menschen in Berlin bei Frost ohne Strom und Heizung. Die Befürchtungen sind groß, dass Stromausfälle durch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russlands Staatshaushalt unter Druck: Finanzielle Grenzen der Kriegsfinanzierung rücken näher
15.01.2026

Russlands Kriegswirtschaft erscheint nach außen stabil, gerät jedoch zunehmend unter fiskalischen Druck. Wie lange kann das System hohe...