Politik

Unter Verdacht: Hat Ministerin Faeser den Verfassungsschutz missbraucht?

Vier Wochen vor der Landtagswahl in Hessen gerät die Spitzenkandidatin der SPD, Bundesinnenministerin Nancy Faeser, in erhebliche Turbulenzen. Grund: die zwielichtigen Umstände der Entfernung eines Spitzenbeamten von seinem Posten, die hartnäckige Verweigerung der Ministerin, an der Aufklärung mitzuwirken und der schwerwiegende Verdacht, dass der Verfassungsschutz missbraucht wurde.
Autor
08.09.2023 15:03
Aktualisiert: 08.09.2023 15:03
Lesezeit: 3 min
Unter Verdacht: Hat Ministerin Faeser den Verfassungsschutz missbraucht?
Blieb bisher Erklärungen schuldig: Ministerin Nancy Faeser (Foto: dpa) Foto: Moritz Frankenberg

Begonnen hatte alles im ZDF. Dort hat der Satiriker Jan Böhmermann in seiner Sendung am 7. Oktober vergangenen Jahres dem Spitzenbeamten im Bundesinnenministerium, Arne Schönbohm, fragwürdige Russlandkontakte unterstellt. Schönbohm war zu diesem Zeitpunkt Leiter des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das dem Bundesinnenministerium unterstellt ist. Das BSI ist zuständig für die Sicherheit in der IT-Technik, über die auch alle kritischen Infrastrukturen wie Bahnverkehr und Energieversorgung betrieben werden. Ein solcher Vorwurf gegen den Chef einer Sicherheitsbehörde wiegt schwer, zumal in Zeiten des Ukrainekriegs.

Vertrauliche Gespräche

Indes: Böhmermann hatte für seine Behauptung nicht einen einzigen Beweis vorgelegt. Trotzdem verfügte Faeser die Kaltstellung des Beamten, der sich gegen diese Vorwürfe zur Wehr setzte. Als die Opposition von dem Vorgang erfuhr und begann, Fragen zu stellen, nahm das Ungemach für Nancy Faeser seinen Lauf. Denn: Bei der Rekonstruktion der Vorgänge kam immer mehr Haarsträubendes zutage.

So musste das Bundesinnenministerium einräumen, dass die zuständige Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, Juliane Seifert, zwei Tage vor der ZDF-Sendung am 7. Oktober mit Böhmermann zwei vertrauliche Gespräche geführt habe. Das Ministerium gab in seiner Antwort auf eine Parlamentarische Anfrage an, dass die Staatssekretärin über ein Projekt mit dem Titel „Hass im Netz“ mit Böhmermann geredet habe. Indes: Die Staatssekretärin war gar nicht für dieses Projekt zuständig und darüber hinaus stellte sich die Frage, ob die Staatssekretärin eines Bundesministeriums wirklich nichts anderes zu tun hat, als sich mit dem Gastgeber einer TV-Klamauk-Sendung zu unterhalten. Brisant ist aber, dass Staatssekretärin Seifert Zugang zu allen relevanten Informationen in der Causa des kaltgestellten Beamten Schönbohm hatte. Ins Bild passt auch, dass das Ministerium mögliche Protokolle dieses Gesprächs nicht veröffentlicht hatte.

Ein interner Vermerk

Doch für Nancy Faeser kam es noch schlimmer. Kurz darauf fand ein interner Vermerk des Bundesinnenministeriums den Weg in die Öffentlichkeit. In diesem Vermerk vom März dieses Jahres schreibt der Personalchef des Hauses, dass die Ministerin sichtlich unzufrieden sei. Die Ministerin hatte den Mitarbeiter des Ministeriums aufgetragen, Belastendes gegen den Beamten Schönbohm zu finden, um im Nachhinein seine Kaltstellung zu rechtfertigen. Jedoch zeigte sich, dass die hausinternen Recherchen nichts zutage gefördert hatten, was die Entfernung Schönbohms von seinem Posten gerechtfertigt hätte. Daraufhin wies die Ministerin – so der Vermerk – ihren Personalchef Martin von Simson an, weiterzuforschen und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz einzuschalten. Damit steht aber der Verdacht im Raum, dass die Ministerin den ihr unterstellten Inlandsgeheimdienst missbraucht haben könnte, um gegen einen unliebsamen Untergebenen vorzugehen.

Zudem ist die Personalie Martin von Simson, der als Personalchef des Ministeriums mit der Causa Schönbohm befasst ist, nicht ohne Beigeschmack. Martin von Simson ist nämlich nicht nur Untergebener der Ministerin, sondern gleichzeitig auch Ihr Vermieter. Darüber hinaus veranlasste Simson, dass die von der Ministerin bezogene Wohnung auf Kosten des Steuerzahlers sicherheitstechnisch ausgerüstet wird, was für ihn den Vorteil hat, dass damit seine Wohnung im Wert steigt. Doch das ist nicht der einzige Vorteil, den der SPD-Genosse von Simson aus seiner Nähe zur Ministerin zog. Kaum im Amt verhalf ihm die Ministerin zu einer sogenannten „Sprungbeförderung“. Eine Sprungbeförderung, bei der ein Beamter mehrere Dienststufen überspringt, ist in einem Ministerium ein ziemlich ungewöhnlicher Vorgang. Doch für Martin von Simson hat es sich durchaus gelohnt. Er stieg von der Besoldungsgruppe B3 auf - und zwar gleich in die Gruppe B9, womit sich sein monatliches Grundgehalt von 8919 auf 12.425 Euro erhöhte.

Die Folgen für die Hessen-Wahl

Kein Wunder, dass die Opposition eine ganze Reihe Fragen hat. Indes: Mit der Aufklärung hat es Ministerin Faeser offenbar nicht so eilig. Zwei Mal wurde die Ministerin gebeten, im Innenausschuss des Bundestages zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen – zwei Mal kam sie nicht. Das erste Mal gab sie an, dass sie krank sei. Dies war insofern recht bemerkenswert, weil Nancy Faeser tags zuvor als Spitzenkandidatin der SPD in Hessen im Einsatz war, ohne dass irgendeine gesundheitliche Beeinträchtigung auffällig wurde. Tatsächlich hatte sie am Tag der Sitzung des Innenausschusses in Wiesbaden ein Interview gegeben. Wenig erstaunlich, dass den Abgeordneten der Opposition im Innenausschuss die Umstände der blitzartigen Wunderheilung der Ministerin seltsam vorkamen. Auch zu einer zweiten Sitzung erschien sie nicht und ließ stattdessen ausrichten, dass sie frühestens im Dezember Zeit habe, die Fragen zu beantworten.

Inzwischen scheint die Affäre nun auch den Wahlkampf in Hessen erreicht zu haben. Vier Wochen vor der Wahl liegt die oppositionelle SPD mit ihrer Spitzenkandidatin elf Prozentpunkte hinter der klar führenden CDU um den Ministerpräsidenten Boris Rhein und käme demnach auf gerade 19 Prozent. Sollte sich in Hessen nicht ein geradezu sensationeller Stimmungsumschwung vollziehen, stünde die SPD in Hessen vor einer historischen Niederlage. Denn 19 Prozent wäre für die SPD das schlechteste Ergebnis in Hessen seit 1946.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: TSMC sorgte für Zuversicht an der Wall Street und trieb die Aktienkurse nach oben
16.01.2026

Die US-Aktienmärkte bewegten sich am Donnerstag nach oben, als die aktuellen Ergebnisse des Chipherstellers TSMC die Investoren beruhigten...

DWN
Technologie
Technologie AWS EU-Cloud startet: Milliarden-Investition in Brandenburg
15.01.2026

AWS eröffnet eine unabhängige Cloud für Europa und investiert dafür Milliarden in Brandenburg. Das neue Angebot richtet sich vor allem...

DWN
Politik
Politik Trumps Ölpolitik: Widerstand in der US-Ölindustrie wächst
15.01.2026

Die US-Regierung treibt einen energiepolitischen Kurs voran, der in der heimischen Ölindustrie auf wachsenden Widerstand stößt. Doch...

DWN
Technologie
Technologie Reparaturpflicht für Smartphones und Waschmaschinen: Verbraucher profitieren
15.01.2026

Ab diesem Sommer gilt ein Recht auf Reparatur für Smartphones, Waschmaschinen und andere Geräte. Hersteller müssen Reparaturen während...

DWN
Finanzen
Finanzen Ray Dalio warnt: 38 Billionen US-Dollar Schulden und "wirtschaftlicher Herzinfarkt" der USA
15.01.2026

38 Billionen US-Dollar Staatsschulden belasten die USA wie ein Damoklesschwert. Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater, warnt vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kupferpreis-Rekordhoch: US-Importe und Zollpolitik treiben Preise für Industriemetalle
15.01.2026

Die globalen Rohstoffmärkte geraten zunehmend unter den Einfluss geopolitischer Entscheidungen und strategischer Lagerpolitik. Der...

DWN
Immobilien
Immobilien Studie: In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen
15.01.2026

Die Wohnungssuche hat sich in vielen Regionen zum Albtraum entwickelt, Besserung ist nicht in Sicht. Nach einer Studie des Pestel-Instituts...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Geschäftsbericht: Weshalb Glaubwürdigkeit über den Geschäftserfolg entscheidet
15.01.2026

Geschäftsberichte gelten oft als lästige Pflicht. Doch hinter Tabellen und Kennzahlen entscheidet sich, ob Unternehmen glaubwürdig...