Unternehmen

Zahl der Firmenpleiten deutlich gestiegen

Konjunkturflaute und steigende Kreditzinsen haben die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland im ersten Halbjahr deutlich steigen lassen. Kommt nun die Pleitewelle?
13.09.2023 09:29
Aktualisiert: 13.09.2023 09:29
Lesezeit: 3 min

Gestiegene Kosten und Konsumflaute treiben zunehmend mehr Firmen in Deutschland in die Pleite. Nach einem deutlichen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2023 erwarten Experten auch für die nächsten Monate steigende Zahlen. Von einer «Insolvenzwelle» könne jedoch keine Rede sein: Es handele sich eher um eine Normalisierung nach den milliardenschweren Stützungsmaßnahmen der vergangenen Jahre.

Nach jüngsten amtlichen Daten zeigt der Trend bei den Firmenpleiten weiter nach oben. Die Zahl der beantragten Regelinsolvenzverfahren lag im August des laufenden Jahres um 13,8 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Im Juli hatte es einen Anstieg um 23,8 Prozent gegeben.

Die Verfahren fließen erst nach der ersten Entscheidung des Insolvenzgerichts in die Statistik ein, wie die Wiesbadener Statistiker erklärten. Der tatsächliche Zeitpunkt des Insolvenzantrags liege in vielen Fällen annähernd drei Monate davor.

Weiter steigende Insolvenzzahlen wahrscheinlich

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das monatlich einen Insolvenztrend veröffentlicht, zählt für August 1007 Firmenpleiten in Deutschland. Das seien zwar 2 Prozent weniger als im Juli des laufenden Jahres, aber 40 Prozent mehr als im August 2022. Zudem liege die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 8 Prozent über dem August-Durchschnitt der Vor-Corona-Jahre 2016 bis 2019. Für das vierte Quartal 2023 seien steigende Insolvenzzahlen wahrscheinlich.

In der Gastronomie etwa droht gut jedem zehnten Betrieb die Pleite, wie eine Auswertung des Informationsdienstleisters Crif ergab. August-Zahlen zufolge gelten laut Crif 14 219 Restaurants, Gaststätten, Imbisse und Cafés hierzulande als insolvenzgefährdet und damit 11,9 Prozent der knapp 120 000 analysierten Betriebe.

Deutlich mehr Firmenpleiten im ersten Halbjahr

Endgültige Zahlen liegen dem Bundesamt inzwischen für das erste Halbjahr 2023 vor: In den sechs Monaten meldeten die Amtsgerichte hierzulande 8571 Unternehmensinsolvenzen und damit 20,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger bezifferten die Gerichte den Angaben zufolge auf rund 13,9 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2022 waren es rund 8,2 Milliarden Euro.

Bezogen auf 10 000 Unternehmen gab es demnach im ersten Halbjahr 2023 in Deutschland 25,3 Pleiten. Die meisten Insolvenzen je 10 000 Unternehmen entfielen auf Verkehr und Lagerei mit 54,1 Fällen. Überdurchschnittlich häufig traf es auch die Dienstleistungsbranche, zu der zum Beispiel Zeitarbeitsfirmen zählen, mit 41,3 Fällen. Die geringste Insolvenzhäufigkeit mit 2,4 Insolvenzen je 10 000 Unternehmen stellte das Bundesamt in der Energieversorgung fest.

«Inflation, Kaufzurückhaltung, hohe Energiepreise und steigende Finanzierungskosten machen den Unternehmen zunehmend zu schaffen und lassen sich kaum noch kompensieren», ordnete der Partner der Beratungsgesellschaft Falkensteg, Jonas Eckhardt, in einer Ende August vorgelegten Analyse ein. «Zudem gibt es noch einen Nachholeffekt aufgrund der umfangreichen staatlichen Hilfen in den vergangenen zwei Jahren, die inzwischen ausgelaufen sind und viele Unternehmen am Leben hielten.»

Milliardenschwere Staatshilfen werden «zum Bumerang»

In den vergangenen Jahren hatten staatliche Hilfen sowie teils ausgesetzte Insolvenzantragspflichten trotz Corona- und Energiekrise die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland niedrig gehalten. Im Gesamtjahr 2022 zählte das Bundesamt mit 14 590 Fällen relativ wenige Unternehmensinsolvenzen. Im Jahr der Wirtschaftskrise 2009 hatte es fast 33 000 Firmenpleiten hierzulande gegeben.

«Für viele Betriebe werden die großzügig verteilten Staatsgelder der Vergangenheit jetzt zum Bumerang», meint jedoch der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Die Wirtschaftsauskunftei hatte bereits Ende Juni einen Anstieg der Firmenpleiten für das erste Halbjahr vermeldet. «Die Rückzahlungen der Hilfen und teils verschleppte Anpassungen des Geschäftsmodells führen bei dauerhaft steigenden Zinsen in die finanzielle und wirtschaftliche Sackgasse», befand Hantzsch.

Deutlich häufiger als zu Jahresbeginn geben der Falkensteg-Analyse zufolge aktuell größere Unternehmen ihr Geschäft auf. Mit 37 Anträgen im zweiten Quartal habe sich die Zahl der Großinsolvenzen binnen Jahresfrist fast verdoppelt. Somit sind wesentlich mehr Arbeitnehmer betroffen. Nach Schätzung von Creditreform waren im ersten Halbjahr 125 000 Beschäftigte hierzulande von Firmenpleiten betroffen und damit fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor (68 000).

Verbraucherinsolvenzen gesunken

Dagegen gab es in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres amtlichen Zahlen zufolge weniger Verbraucherinsolvenzen: 33 140 Fälle waren 1,9 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2022. Experten rechnen jedoch angesichts der hartnäckig hohen Inflation auch bei den Verbraucherinsolvenzen spätestens im nächsten Jahr mit einer spürbaren Verschlechterung der Situation. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Festkörperbatterien lassen auf sich warten – könnte die Halbfestkörper-Technologie zur Brückentechnologie der Energiespeicherung werden?

Die Batteriewirtschaft befindet sich derzeit in einer bemerkenswerten Übergangsphase. Während nahezu alle großen Hersteller langfristig...

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Die schwankende Adobe-Aktie wird immer attraktiver
28.06.2026

Die Adobe-Aktie ist stark gefallen und wirkt im Vergleich zu vielen Tech-Werten günstig bewertet. Doch Anleger fragen sich, ob Adobe seine...

DWN
Finanzen
Finanzen Experteninterview: Welche Finanzierungsalternativen Unternehmen kennen sollten
28.06.2026

Für viele Mittelständler ist Finanzierung zunehmend eine strategische Herausforderung. Besonders kritisch wird es, wenn Investitionen gar...

DWN
Politik
Politik Deutschlands Ziel: Europas stärkste Armee aufbauen
28.06.2026

Nach dem Scheitern der Zusammenarbeit bei Kampfflugzeugen steht nun das nächste Prestigeprojekt für Deutschland und Frankreich vor dem...

DWN
Finanzen
Finanzen Dell, Oracle und Co.: Gewinnrausch bei alten Tech-Stars
28.06.2026

Derzeit werden Hunderte von Milliarden Dollar in die nächste Technologiewelle investiert. Server sollen installiert, Datenbanken ausgebaut...

DWN
Panorama
Panorama Vier Buchempfehlungen für die Liege: Was Entscheider diesen Sommer unbedingt lesen sollten
28.06.2026

Das Tablet ist geladen, der Sonnenschirm steht, die E-Mails dürfen warten. Wir haben vier Wirtschaftsbuch-Empfehlungen für Sie, die den...

DWN
Panorama
Panorama 250 Jahre USA: Sieben verblüffende Fakten aus der US-Geschichte
28.06.2026

Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist voller großer Momente – und kleiner Kuriositäten. Manche davon wirken fast unglaublich,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen 100 Jahre Mercedes-Benz: Eine der wertvollsten Marken weltweit – wohin geht die Reise?
28.06.2026

Kaum ein deutsches Unternehmen besitzt weltweit eine ähnlich starke Strahlkraft wie Mercedes-Benz. Der Stern steht für Prestige, Technik...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wayve-Gründer Kendall: In 20 Sekunden zu mehr als einer Milliarde Dollar
28.06.2026

Der Mitbegründer des Unternehmens Wayve versucht, ein Auto zu entwickeln, das das Fahren ähnlich wie ein Mensch erlernt – durch...