Immobilien

Verbände boykottieren Wohnungsgipfel mit Bundesregierung

Die Wohnungswirtschaft erhebt vor dem Gipfel im Kanzleramt schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. Zwei Verbände bleiben dem Treffen aus Protest fern.
22.09.2023 11:02
Aktualisiert: 22.09.2023 11:02
Lesezeit: 2 min

Teile der Wohnungswirtschaft erheben vor dem Gipfel im Kanzleramt schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. Die beiden Verbände GdW sowie Haus&Grund kündigten am Freitag an, nicht an dem Treffen am Montag teilnehmen zu wollen. Sie warfen Kanzler Olaf Scholz (SPD) vor, nicht angemessen auf die aktuelle Branchenkrise zu reagieren, die durch den schnellen Zinsanstieg hervorgerufen wurde.

"Wir brauchen wirklich etwas mit Wumms", sagte GdW-Präsident Axel Gedaschko. Haus&Grund-Präsident Kai Warnecke nannte die Absage ein notwendiges Signal an die Regierung. "Es kann nicht so weitergehen." Die Ampel verteuere den Neubau mit dem Heizungsgesetz noch zusätzlich. Der Neubau werde massiv erschwert in einer ohnehin schon schwierigen Lage.

Beide Verbände betonten, bei dem Treffen am Montag zu wenig Rederecht und Einfluss auf die Agenda zu haben. Eine Mitarbeit an dem geplanten Hilfspaket für die Branche sei mit dem Kanzleramt auch nicht möglich gewesen. Es werde ohnehin nur ein Paket mit kleinteiligen Maßnahmen präsentiert. Der GdW vertritt rund 3000 kommunale, genossenschaftliche, kirchliche, privatwirtschaftliche, landes- und bundeseigene Wohnungsunternehmen - und damit vor allem Bestandswohnungen. Haus&Grund repräsentiert die Eigentümer von Wohnungen, Häusern und Grundstücken.

Bis Ende des Monats soll ein Hilfspaket für die Branche geschnürt werden. Das Kabinett hatte zuletzt beschlossen, dass der stockende Wohnungsbau mit besseren Abschreibungsmöglichkeiten forciert werden soll. Das sogenannte Wachstumschancengesetz, in dem diese verankert sind, ist aber umstritten und dürfte im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat landen. Weitere Maßnahmen könnten am Montag den Abbau regulatorischer und bürokratischer Vorgaben beim Bauen umfassen.

Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis sagte, die geplanten Sonderabschreibungen seien ein Schritt in die richtige Richtung, würden aber allein keine Trendwende bringen. Das Ziel der Bundesregierung, mindestens 400.000 neue Wohnungen zu bauen, werde auch in den nächsten zwei Jahren kaum erreichbar sein. Am Montag will die Regierung Bilanz ziehen zu den bisherigen Maßnahmen des Bündnisses bezahlbarer Wohnraum.

"ES HILFT KEIN ABWARTEN MEHR"

Die Branche steckt nach dem starken Zinsanstieg, mit dem die hohe Inflation bekämpft werden soll, in Finanzierungsnöten. Im ersten Halbjahr 2023 sind die Baugenehmigungen um gut 27 Prozent eingebrochen. Die Baupreise waren im zweiten Quartal um knapp neun Prozent zum Vorjahr gestiegen. "Deswegen hilft jetzt kein Abwarten mehr", sagte Marcus Nachbauer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Bauwirtschaft. Die Regierung müsse Impulse für den Wohnungsbau setzen. "Bei der Wohneigentumsförderung für Familien sollte die Kopplung an den EH-40-Standard zumindest temporär entfallen."

Einem Insider zufolge plant die Regierung, dies für die bis Ende 2025 laufende Amtszeit auszusetzen. Mit dem EH-40-Standard müssten Häuser noch stärker gedämmt werden. Experten aus der Baubranche halten die Vorgaben für sehr teuer, den Nutzen aber für überschaubar.

Der Sparkassenverband betonte zudem, dass KfW-Förderprogramm für zinsverbilligte Kredite zum Bauen für Familien sei in den ersten drei Monaten nur 212 Mal abgerufen worden. Hier müsse dringend nachgesteuert werden. Eine mit den Vorbereitungen des Montag-Treffens vertraute Person sagte Reuters, es dürfte neue Förderprogramme geben, die vor allem auf Familien abzielten.

Laut Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) stehen die zurückgehende Bautätigkeit und die steigenden Insolvenzen in der Projektentwicklung diametral zum eigentlich zunehmenden Baubedarf. Weniger Bau-Kapazitäten könnten den Mangel über Jahre verfestigen.

GdW-Präsident Gedaschko sagte, Ziel müsse ein neues Segment des bezahlbaren Wohnens mit Mieten zwischen neun und zwölf Euro pro Quadratmeter und Monat sein. "Dafür sind zwei zentrale Maßnahmen notwendig: eine Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent für dieses neue Segment sowie breit angelegte staatliche Förderdarlehen mit einem Zinssatz von einem Prozent." (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie Windkraft-Ausbau und Verschiebung des Öl-Embargos
24.03.2026

Deutschland beschleunigt den Ausbau von Windkraft, während die Ölpreise global steigen. Politische und geopolitische Spannungen...

DWN
Politik
Politik Nachhaltigkeitsberichterstattung neu geregelt: Das sind die wichtigsten Änderungen
24.03.2026

Die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung gilt künftig nur noch für eine kleine Gruppe großer Unternehmen. Für viele andere wird...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft "Deutschland fährt auf Verschleiß": Geringste Investitionsquote seit 1990
24.03.2026

Deutschland lebt von seiner Substanz: Neue Daten zeigen, dass so wenig investiert wird wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Selbst...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kik schließt 300 Filialen
24.03.2026

Der Discounter Kik schrumpft sein Filialnetz in Europa deutlich zusammen und streicht rund 300 Standorte. Hinter dem Rückzug steckt nicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögensaufbau verlangt unternehmerisches Denken – warum Rendite aktiv erarbeitet werden muss
24.03.2026

Die Deutschen sparen so viel wie kaum ein anderes Volk in Europa. Doch ausgerechnet diese Tugend könnte beim Vermögensaufbau zum Problem...

DWN
Politik
Politik Trump steht im Iran-Krieg unter Druck: Warum ein Rückzug kaum möglich ist
24.03.2026

Der Iran-Krieg entwickelt sich für Donald Trump zunehmend zu einem strategischen Risiko mit globalen wirtschaftlichen Folgen. Kann...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aumovio-Aktie: Continental-Spin-off zieht sich aus Litauen zurück – 800 Job betroffen
24.03.2026

Die Eigentümer der Unternehmen Aumovio Autonomous Mobility Lithuania und Aumovio Global Holding haben beschlossen, sich aus Litauen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Erst Ölpreis bei 200 Dollar erschüttert die Welt – ohne das bleibt der Iran-Krieg nur eine Korrektur
24.03.2026

Historische Erfahrungen zeigen, dass nicht Kriege selbst, sondern makroökonomische Fundamentaldaten die Finanzmärkte bestimmen. Warum der...