Unternehmen

Wirtschaft gegen vorzeitige Neuwahlen

Trotz zum Teil erheblicher Unzufriedenheit mit der Politik der Ampel-Regierung lehnt die Wirtschaft derzeit eine vorgezogene Bundestagswahl ab. Die Wirtschaft könne sich eine Zeit der Unsicherheit nicht leisten, so Verbandsvertreter. Gleichzeitig aber hält die Mehrheit der Deutschen vorzeitige Wahlen für unausweichlich.
Autor
26.12.2023 12:19
Lesezeit: 2 min
Wirtschaft gegen vorzeitige Neuwahlen
Trotz erheblicher Unzufriedenheit mit der Ampelregierung will die Wirtschaft keine vorgezogenen Neuwahlen, die Mehrheit der Deutschen hält sie aber für unausweichlich. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

„Durch Neuwahlen würde nach meiner persönlichen Einschätzung vor allem viel Zeit ins Land gehen durch eine Hängepartie, Wahlkampf und wachsende Unsicherheiten", sagte der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian, in einem Interview: „Es braucht nicht noch mehr Unruhe durch Neuwahlen, sondern eine Regierung, die sich der Realität stellt", warnte auch der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura.

In den vergangenen Tagen haben CDU-Fraktionschef Friedrich Merz und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt eine vorgezogene Neuwahl am 9. Juni 2024 parallel zur Europawahl ins Spiel gebracht. „Mit Wahlen werden unsere aktuellen Herausforderungen - geopolitische Konflikte, hohe Staatsschulden, geringe Investitionstätigkeit, gravierende Mängel in der Infrastruktur, sinkende Wettbewerbsfähigkeit, Digitalisierungsdefizite – nicht gelöst", sagte Außenhandelspräsident Jandura. Die DIHK sehe Regierung und Opposition sowie Bundesländer und Bund gleichermaßen gefordert, Lösungen für die aktuellen Probleme anzugehen. „Wir brauchen jetzt vor allem Entscheidungen für bessere Wachstumschancen", betonte ihr Präsident Adrian.

In den nächsten Wochen werde sich zeigen, ob die derzeitige Koalition auf Bundesebene noch über genügend gemeinsamen Gestaltungswillen verfüge, hieß es beim Verband der Familienunternehmer. „Eigentlich hat Deutschland mit Blick auf die diversen großen Aufgaben keine zwei Jahre mehr zu verschenken, in denen Stillstand nur verwaltet wird", sagte deren Präsidentin Marie-Christine Ostermann. Allerdings habe das Grundgesetz aus guten Gründen hohe Hürden für ein vorzeitiges Ende der Wahlperiode gesetzt. „Da sehe ich derzeit nicht, wie Neuwahlen möglich werden könnten", sagte Ostermann.

PROBLEME ANPACKEN

Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) äußerte sich zurückhaltend zu einer möglichen Neuwahl. „Das ist eine Frage, die politisch entschieden werden muss", hieß es dazu. Zentral sei, dass Probleme anpackt werden - etwa Fachkräftesicherung, Bürokratieabbau, bezahlbare und verlässliche Energie oder eine geringere Steuer- und Sozialabgabenbelastung.

Zuletzt hatte auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine Neuwahl im Juni 2024 zusammen mit der Europawahl gefordert. "Die Frage ist, ob die Ampel überhaupt noch die Kraft hat, die jetzigen Probleme zu bewältigen", sagte der CSU-Chef. „Ich glaube es nicht mehr.“ Regulär steht erst im Herbst 2025 eine neue Bundestagswahl an. Die Union liegt in den Umfragen derzeit klar vorn.

Gleichzeitig aber hält die Mehrheit der Deutschen vorgezogene Neuwahlen für unausweichlich. In einer aktuellen Umfrage des Instituts YouGov gaben 27 Prozent der Befragten an, dass die Regierung im kommenden Jahr auseinanderbrechen werde und es dann zu vorgezogenen Neuwahlen kommt, 21 Prozent der Deutsche glauben, dass die Ampel 2025 vorzeitig auseinanderbrechen werde. Demnach gehen, laut Umfrage, 48 Prozent der Deutschen von einem vorzeitigen Ende der Ampelkoalition aus, nur 34 Prozent der Befragten glauben, dass die Ampel-Regierung bis zum regulären Ende der Legislaturperiode bestehen bleibt.

Ampel ohne Mehrheit

Bei den Wählern der drei Ampel-Parteien fallen die Prognosen zur Zukunft des Bündnisses unterschiedlich aus. Von den Grünen-Anhängern glaubt eine große Mehrheit von 58 Prozent an ein Fortbestehen des Bündnisses bis zur Wahl 2025. Unter den SPD-Anhängern sind es dagegen 43 Prozent und im FDP-Lager nur 40 Prozent.

Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA kämen derzeit bei einer Bundestagswahl CDU und CSU auf 32 Prozent, die SPD auf 15, die Grünen auf zwölf. Die FDP liegt bei fünf Prozent und müsste um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen. Die Linke kommt der Umfrage zufolge auf vier Prozent, die Freien Wähler auf drei Prozent. Die AfD kommt der INSA-Umfrage zufolge auf 22 Prozent. Nach dieser Umfrage, die sich grundsätzlich mit den Ergebnissen andere Umfragen deckt, wären die Parteien der Ampelregierung von einer Mehrheit weit entfernt. SPD, Grüne und FDP würden auf insgesamt nur noch 32 Prozent der Stimmen kommen, soviel wie die Union allein.

 

DWN
Finanzen
Finanzen Kurzlaufende Staatsanleihen sind nach dem Zinsanstieg für Sparer attraktiver
06.09.2026

Kurzlaufende Staatsanleihen mit einer Rendite von nahe drei Prozent sind ein Grund, das Wissen aufzufrischen: Wie können Anleger...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Von Titan bis Neodym: So abhängig ist Europas Rüstungsindustrie von Russland und China
06.09.2026

Flugzeugstrukturen, Triebwerke und Raketenkörper brauchen hochreinen Titanschwamm, und die Hälfte davon stammt aus China und Russland....

DWN
Finanzen
Finanzen Die serbische Börse ist die rentabelste der Welt? Das muss ein Fehler sein
06.09.2026

Der serbische Aktienindex Belex15 soll laut Bloomberg seit Jahresbeginn mehr als 515.000 Prozent Gesamtrendite erzielt haben. Doch ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Warum Projekte scheitern – und wie Sie den Kollaps verhindern
06.09.2026

Stuttgart 21 als Warnung für den Mittelstand: Atreus-Experte Thomas Gläßer erklärt, warum Projekte scheitern, welche Ursachen...

DWN
Politik
Politik Dexit: Was von Europa ohne Deutschland bliebe
06.09.2026

Ein Dexit galt lange als politisches Randthema. Doch wenn die AfD weiter zulegt, wird der Austritt Deutschlands aus EU, Euro und Schengen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ratan Tata im Porträt: Das Auto war zu billig, um ein Erfolg zu werden
06.09.2026

Ratan Tata wollte indischen Familien ein sicheres und bezahlbares Auto geben. Der Tata Nano wurde als billigstes Auto der Welt gefeiert,...

DWN
Technologie
Technologie Elektroschrott in Europa: Milliardenwerte bleiben ungenutzt
06.09.2026

Europas Elektroschrott enthält Rohstoffe im Wert von Milliarden Euro, doch ein Großteil bleibt ungenutzt. Eine neue Studie zeigt, wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billigimporte aus China: Die EU zieht die Zollmauer hoch
06.09.2026

Die EU verschärft ihre Zollregeln gegen die Flut kleiner Pakete aus China. Nach dem festen Drei-Euro-Zoll kommt ab November eine...