Unternehmen

Mehr Lagerhaltung gegen Lieferkettenschwierigkeiten

Risikoresistente Lieferketten war gestern. Nachfrageschwankungen und Probleme bei der Verfügbarkeit zwingen immer mehr Unternehmen zum Umdenken. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind bis heute noch zu spüren. Versorgungsengpässe bei den heimischen Unternehmen bestehen weiterhin.
07.01.2024 10:41
Lesezeit: 3 min

Die Halbleiterindustrie hatte es besonders getroffen, aber auch Automobilzulieferer, die Baubranche, Apotheken und Drogeriemärkte. Die Rede ist von Lieferkettenschwierigkeiten, die während der Pandemie nahezu zum Stillstand in vielen Unternehmen fast aller Branchen führte. Denn ein hoher Anteil von Vorleistungsgütern und Rohstoffen, die hierzulande verarbeitet werden, kommt aus dem Ausland. Fehlt das Material, kann nicht produziert werden. So ziehen sich die Materialengpässe durch die gesamten Wertschöpfungsketten. Bricht sodann die Logistik zusammen, kann es das Unternehmen in die Knie zwingen, wie bei Hakle, Görtz, Portas oder Küchenquelle geschehen. Diese Traditionsunternehmen mussten während der Pandemie ganz aufgeben.

Mittlerweile entscheiden störungsfreie Lieferketten über den Geschäftserfolg und haben gezeigt, wie verwundbar viele Unternehmen sind. Gestörte Produktionsprozesse waren auch im Jahr 2023 noch nicht vollends behoben. Und so lässt der Blick auf die Geschäftsentwicklung im neuen Jahr keine Kehrtwende zum Besseren erkennen, wie eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Im Gegenteil, von den befragten 2200 Betrieben erwarten nur 23 Prozent einen Anstieg der Produktion, 35 Prozent einen Rückgang. Dies hängt zwar auch mit der schwächelnden Konjunktur zusammen, aber fehlende Materialien spielen bei der Produktion ebenso eine entscheidende Rolle. So stiegen die Regelinsolvenzen im November 2023 gegenüber dem Vorjahresmonat um 18,8 Prozent an. Seit Mitte des vergangenen Jahres sind durchgängig zweistellige Zuwachsraten im Vorjahresvergleich zu beobachten.

Just in Case

Immer mehr Unternehmen denken daher um. Statt „Just in Time-Produktionen”, wie sie vor allem in der Automobilindustrie jahrelang gepflegt wurden, setzten die Unternehmen wieder mehr auf Lagerbestand oder Diversifizierung von Lieferketten des Portfolios über Handelspartner und -länder. Sie versuchen, sich von Lieferketten zu entkoppeln, um Bestände für kritische Komponente aufzubauen. Das Prinzip Lagerartikel nur bei Bedarf zu ordern und minimale Bestände vor Ort zu haben, geht nach jahrelanger Bestätigung nun nicht mehr auf. Lagerkosten wurden gespart, die Strategie war auf Kosteneffizienz ausgelegt. Doch das funktioniert vielerorts nicht mehr reibungslos. Die Rohstoff- und Warenverfügbarkeit wird immer mehr zu einem unkalkulierbaren Risiko, an dem schlimmstenfalls eine ganze Lieferkette dranhängt. Das Bestandsmanagement der Stunde heißt daher „Just-in-Case“, also für den Fall der Fälle. Die Lagerbestände werden wieder mehr auf Vorrat befüllt, um so das Risiko von Engpässen abzufedern. Die Beschaffungslogistik wird angepasst, indem sie auf diversifizierte Quellen setzt. Der Fokus liegt auf Lieferfähigkeit. Fehlende Vorprodukte kosteten allein 2021 bereits ein Prozent des Bruttoinlandsprodukt laut dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Noch im Juli 2023 beklagten rund 37 Prozent der befragten Einzelhändler (Quelle Statista) Lieferengpässe. Bei den Lebensmittelhändlern waren dies sogar fast 70 Prozent. Der Grund dafür liegt unter anderem in den Schließungen von Fabriken in Asien infolge der Corona-Krise. In der Automobilindustrie waren laut ifo-Institut im Oktober 2023 noch über 35 Prozent von Materialknappheit betroffen.

Thema Nummer eins

Auch werden Fertigungs- und Lieferprozesse an Standorte in die Nähe zu den Märkten verlagert, um langfristig für mehr Sicherheit in Lieferketten sorgen zu können. Laut einer Online-Befragung der ifo-Konjunkturumfragen bei mehr als 5000 Unternehmen in Deutschland zur Ausrichtung ihrer Beschaffungsstrategie im Jahr 2022, planten bereits fast 25 Prozent der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe die eigene Lagerhaltung zu erhöhen. Im Zuge der Corona Pandemie hatte bereits ein Bewusstseinswandel eingesetzt, welcher sich durch den Ukrainekrieg und den daraus folgendem Anstieg der Energiepreise fortsetzte. Besonders viele kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) bewerten das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Lagerhaltung neu. Risiken besser erkennen und überwachen ist außerdem bei den Unternehmen mehr in den Fokus gerückt. Denn die Lieferkettenprobleme führen nach Ansicht vieler Unternehmen nach einer Umfrage von Deloitte auch dazu, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort an Attraktivität im Vergleich zu führenden Industriestandorten weiter sinkt oder sich gar ganz deindustrialisiert.

Verlässliche außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen

Durch die Einführung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes vor gut einem Jahr sind die Belastungen für die Unternehmen noch einmal gestiegen. Zwar richtet sich das Gesetz gegen Zwangsarbeit, Sicherheitsmängeln und Ausbeutung, was an sich gut ist, aber die Umsetzung des Gesetzes verlangt den Unternehmen einiges ab. Sie müssen zusätzliche Berichte verfassen, Risiken überprüfen und Lieferanten schulen, um der Kontrollbehörde dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gerecht zu werden. Kommt es beispielsweise zu Menschenrechtsverstößen bei einem Zulieferer wie vergangenes Jahr beim Gemüseproduzenten Biosabor aus Almeria, Spanien, reagieren die betroffenen Unternehmen sehr unterschiedlich. Rewe sah nach einer eingehenden Prüfung keine Anhaltspunkte für die Vorwürfe, Edeka brach Geschäftsbeziehungen mit mittelbaren Lieferanten ab und Lidl gab vor, die Missstände zu untersucht und diverse Maßnahmen eingeleitet zu haben. Mit allen drei Resultaten war das BAFA einverstanden. Doch das könnte sich bald ändern. Die EU hat sich auf eine europaweite Lieferkettenrichtlinie geeinigt. Unternehmen können künftig verklagt werden, wenn sie sich nicht genug um Menschenrechte bei ihren Zulieferern bemühen. Betroffene wären dann nicht mehr allein auf das BAFA als Kontrollbehörde angewiesen. Zudem gilt seit dem 01.01.2024 das Lieferkettengesetz nun bereits für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden, zuvor galt es erst ab 3.000 Beschäftigte. Die Verunsicherung in den Chefetagen dürfte weiter steigen. Bevor es um die Erfüllung von Lieferkettenvorgaben geht, sollten Unternehmen Rahmenbedingungen vorfinden, die es ihnen ermöglichen, wirtschaftlich in Deutschland oder Europa zu produzieren und die längerfristig bestand haben. Genötigte Produktionsumstellungen durch Standortumsiedelungen sind kostenintensiv und haben einen hohen logistischen Aufwand. Neue Freihandelsabkommen, der Abbau von unnötiger Zollbürokratie könnte ebenso zu einer Stabilisierung der Lieferketten führen, die dringend für die wirtschaftliche Stabilität gebraucht wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Während der Markt panikartig verkauft, setzt das "kluge Geld" fieberhaft Bitcoin-Druckmaschinen ein?

Der Markt hat kürzlich eine scharfe Korrektur durchlaufen, wobei sich Panik wie eine Seuche ausbreitete, als Verkäufer ihre...

 

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Sofia Delgado

                                                                            ***

Sofia Delgado ist freie Journalistin und arbeitet seit 2021 in Stuttgart, nachdem sie viereinhalb Jahre lang in Peking gelebt hat. Sie widmet sich gesellschaftskritischen Themen und schreibt für verschiedene Auftraggeber. Persönlich priorisiert sie die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, als dringendste Herausforderung für die Menschheit.

 

DWN
Finanzen
Finanzen Hellofresh-Aktie unter Verkaufsdruck: Nach Zahlenvorlage droht das Rekordtief
12.02.2026

Die Hellofresh-Aktie ist am Donnerstag eingebrochen, ein schwieriger Jahresstart des Kochboxenversenders belasten den Kurs. Trotz...

DWN
Politik
Politik Nato-Treffen: USA senden versöhnliche Signale – Debatte über gemeinsame EU-Schulden zur Verteidigung
12.02.2026

Beim Nato-Treffen in Brüssel zeigen sich die USA plötzlich versöhnlich, Europa erhöht massiv seine Verteidigungsausgaben und die...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes Benz-Aktie stürzt ab: Wie Anleger auf den Mercedes-Gewinneinbruch reagieren sollten
12.02.2026

Die Mercedes Benz-Aktie steht nach einem deutlichen Gewinneinbruch und sinkender Dividende am Donnerstag stark unter Druck. Schwache...

DWN
Finanzen
Finanzen Siemens-Aktie klettert auf Rekordhoch: Siemens-Zahlen übertreffen Analystenerwartungen – Prognose angehoben
12.02.2026

Die Siemens-Aktie klettert am Donnerstag weiter nach oben und markiert ein neues Rekordhoch. Das nach Marktkapitalisierung wertvollste...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mittelstand unter Druck: Datev-Analyse belegt beunruhigende Zahlen
12.02.2026

Die wirtschaftliche Lage im deutschen Mittelstand spitzt sich weiter zu: Kleine und mittelgroße Unternehmen stehen immer stärker unter...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardendeal perfekt: Deutsche Börse übernimmt ISS Stoxx komplett
12.02.2026

Die Deutsche Börse plant den nächsten milliardenschweren Schritt und greift nach der vollständigen Kontrolle über ISS Stoxx. Doch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lufthansa-Streik trifft Deutschlands Flughäfen mit voller Wucht – Lufthansa-Aktie im Plus
12.02.2026

Der Lufthansa-Streik legt den Flugverkehr in Deutschland lahm und sorgt für lange Schlangen an Flughäfen. Tausende Passagiere müssen...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: Siemens treibt den Leitindex über 25.000 Punkte – Anleger blicken gespannt in die USA
12.02.2026

Der DAX-Kurs springt im Donnerstagshandel wieder über die Marke von 25.000 Punkten und sorgt für neue Euphorie an den Märkten. Doch...