Wirtschaft

Der Dollar verliert Marktanteile im globalen Öl-Geschäft

Ein beträchtlicher Teil aller Ölgeschäfte wird inzwischen unter Umgehung des Dollars abgewickelt. Dessen Dominanz ist zwar ungebrochen, es haben sich aber strukturelle Widerstandskräfte etabliert.
13.01.2024 10:55
Aktualisiert: 13.01.2024 10:55
Lesezeit: 4 min
Der Dollar verliert Marktanteile im globalen Öl-Geschäft
Ein beträchtlicher Teil aller Ölgeschäfte wird inzwischen unter Umgehung des Dollars abgewickelt. (Bild: istockphoto.com/zhengzaishuru) Foto: zhengzaishuru

Der US-amerikanische Dollar bleibt bei der Abwicklung von Ölgeschäften weltweit mit großem Abstand die erste Wahl. Allerdings schrumpft sein Marktanteil seit einigen Jahren kontinuierlich, weil wichtige Rohstoffländer ihre Transaktionen zunehmend auf alternative Währungen umstellen.

Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf eine Energiespezialistin der Großbank JP Morgan berichtet, sollen Schätzungen zufolge etwa 20 Prozent aller Öl-Geschäfte im abgelaufenen Jahr nicht in Dollar, sondern in anderen Währungen abgewickelt worden sein.

Zudem, so die Expertin, seien 2023 zwölf große zwischenstaatliche Rohstoffverträge ohne Berücksichtigung der Weltleitwährung aufgegleist worden – im Vergleich zu sieben im Jahr 2022 und nur zwei im Jahr 2015.

Energie-Deals ohne Dollar

Hinter der Zunahme an Ölgeschäften, die unter Umgehung des Dollars und damit auch des amerikanischen Bankensystems realisiert werden, stehen in erster Linie Russland und China, die bereits seit Jahren versuchen, ihre bilateralen Handelsgeschäfte im Energiesektor auf die eigenen Währungen umzustellen.

Der Achse Peking-Moskau haben sich in den vergangenen Monaten nicht nur weitere Länder angeschlossen – die Abkehr vom Dollar greift inzwischen auch auf andere Branchen als den Öl- oder Gashandel aus.

Eine unvollständige Übersicht vermittelt einen Eindruck der dahinterstehenden Dynamik:

So wickelten Brasilien und China beispielsweise im Herbst 2023 erstmals überhaupt Rohstofflieferungen (in diesem Fall von Fruchtmark) in eigenen Währungen ab.

Im Sommer hatten Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ein Abkommen über den bilateralen Handel in eigenen Währungen lanciert, welches sie mit Öllieferungen unterfütterten, die Indien in seiner Landeswährung Rupie bezahlte.

Russland akzeptiert zur Bezahlung seiner Rohöl- und Gas-Exporte inzwischen neben russischen Rubel bevorzugt auch den chinesischen Renminbi, den Dirham der VAE und die indische Rupie.

Der Iran erhält von chinesischen Importeuren für seine Energie-Exporte ins Reich der Mitte in vielen Fällen Renminbi.

Indien wiederum bezahlt seine Importe russischen Rohöls Medienberichten zufolge sowohl in Rupien und Rubel als auch in Renminbi und Dirham.

Pakistan machte vergangenes Jahr Schlagzeilen, als es erstmals russisches Öl mit chinesischen Renminbi bezahlte.

Von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung ist Saudi-Arabien. Der weltgrößte Öl-Exporteur erwägt die Abwicklung des Handels mit China beziehungsweise Teile davon in Renminbi. Ein im November von den Zentralbanken beider Staaten vereinbartes Währungstausch-Abkommen legt die Grundlage dafür. Die verstärkte ökonomische Zusammenarbeit basiert auf der politischen Annäherung beider Länder, welche vergangenes Jahr mit dem Besuch des chinesischen Staatschefs Xi Jinping in Riad konsolidiert und mit Wirtschaftsverträgen in zweistelliger Milliardenhöhe verstärkt wurde.

Wie bereits erwähnt ist diese Aufzählung lückenhaft. Beispielsweise versuchen auch südostasiatische und afrikanische Länder, ihre Abhängigkeit von der amerikanischen Weltleitwährung aktiv zu reduzieren.

Primat der Geopolitik

Initiiert wurde die Abkehr vom Dollar von geostrategischen Rivalen der Vereinigten Staaten. Russland, China, der Iran sowie andere Länder, die Ziel von US-Sanktionen sind, haben ein fundamentales Interesse daran, die Zahlungsmodalitäten ihres Außenhandels umzustellen.

Denn jede auf Dollar lautende Transaktion – egal, wo auf der Welt sie stattfindet – wird von amerikanischen Clearingbanken abgewickelt und eröffnet der US-Regierung dadurch die Möglichkeit, das Geschäft zu unterbinden.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 und die anschließende Verhängung von Sanktionen durch westliche Länder gab der Abkehr vom Dollar neuen Schub. Viele Regierungen deuteten den Ausschluss russischer Banken aus dem weltweit bedeutendsten Finanzkommunikationsnetzwerk SWIFT sowie die Einfrierung russischer Devisenreserven im Umfang von etwa 300 Milliarden Dollar als Warnung, dass ihre Anlagen im Falle von Auseinandersetzungen mit der US-Regierung ebenfalls konfisziert werden könnten oder das Washington den Außenhandel mit Dollar-Sanktionen empfindlich stören könnte.

Solche sicherheitspolitischen Überlegungen haben auch den USA neutral oder freundlich gegenüberstehende Länder veranlasst, darauf hinzuarbeiten, das Gewicht des Greenback im eigenen Handelsverkehr zu verringern.

Warum der Dollar weiterhin dominant ist

Der US-Dollar bleibt allerdings trotz dieser Entwicklung nach wie vor die dominante Währung für Welthandel und Währungsreserven. Einige Zahlen illustrieren diese Vormachtstellung:

So ist der Dollar an etwa 88 Prozent aller weltweit getätigten Devisengeschäfte beteiligt und sein Anteil an den globalen Währungsreserven beläuft sich auf etwa 58 Prozent. Dieser Wert sinkt allerdings seit Jahren in kleinen Schritten.

Auch im Bereich der Handelstransaktionen rangiert er derzeit noch mit rund 84 Prozent unangefochten auf Platz eins vor dem Euro, dem Renminbi, dem Yen und dem saudischen Rial, wie aus Zahlen von SWIFT für den September 2023 hervorgeht. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass das SWIFT-System einen sinkenden Anteil aller weltweiten Transaktionen abbildet, eben weil Unternehmen und Staaten zunehmend andere Kanäle nutzen.

Der Status des Dollar als Weltleitwährung ruht auf drei Säulen:

1. Kein Finanzmarkt, auch nicht jener Chinas oder der Eurozone, kann sich in punkto Liquidität, Größe und Tiefe mit dem amerikanischen messen.

2. Darüber hinaus werden als Folge des Mitte der 1970er Jahre zwischen Washington und Riad ausgehandelten „Petrodollar“-Systems Rohstoffe und Energieträger wie Öl und Gas weltweit vornehmlich in der US-Währung gehandelt – was wiederum eine große Nachfrage nach Dollar generiert.

3. Und nicht zuletzt garantieren die USA mithilfe ihrer militärischen Übermacht weltweit das von ihnen aufgebaute und kontrollierte Finanz- und Handelssystem – notfalls auch durch militärischen Druck.

Ausblick

Der US-Dollar wird mit Blick auf die kommenden Jahre aus den genannten Gründen weiterhin die dominierende Weltleitwährung bleiben – ob dieser Befund aber noch in zehn oder fünfzehn Jahren gilt, erscheint fraglich.

Denn wie geschildert wurde haben mächtige Staaten eine konzertierte Gegenbewegung eingeleitet, die alle drei Machtsäulen des Dollars herausfordert. So stellt die Abwicklung des bilateralen Handelsverkehrs in eigenen Währungen einen Angriff auf das „Petrodollar“-System und die Vormachtstellung der US-Währung im Welthandel dar.

Der von China, Russland aber auch Ländern wie dem Iran initiierte Aufbau militärischer Kapazitäten und deren Expansion kann als Konterbewegung gegen die globale Machtprojektion der USA auf militärischem Gebiet verstanden werden.

Zuletzt könnten internationale Projekte zur Schaffung gemeinsamer Währungen, wie sie beispielsweise innerhalb der BRICS-Staatengruppe diskutiert werden, sowie die zunehmende Öffnung des chinesischen Finanzmarktes für Ausländer und die Strategie der Internationalisierung des Yuan langfristig glaubhafte Gegengewichte zum US-Finanzmarkt bilden.

Gefahr droht dem Dollar auch aus den USA selbst – genauer gesagt aus der Politik: die rasante Verschuldung des amerikanischen Staates und seine hohen jährlichen Defizite werfen bei potenziellen Geldgebern zunehmend Fragen nach der finanziellen Tragfähigkeit der Verbindlichkeiten auf und könnten dazu führen, dass der internationale Kreditfluss, welcher die USA bislang finanziell über Wasser hielt, in den kommenden Jahren schrumpfen wird.

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