Unternehmen

Unternehmenswert berechnen: Methoden und Praxisbeispiele

Hunderttausende deutsche Unternehmen stehen vor entscheidenden Übergaben, doch rund die Hälfte dieser Transaktionen scheitert – oft an der Hürde unrealistischer Preisvorstellungen. Aber wie lässt sich ein fairer und realistischer Preis eines Unternehmens ermitteln? Entdecken Sie, wie Experten den wahren Wert einer Firma bestimmen und welche Bewertungsmethoden und innovativen Tools behilflich sind.
21.01.2024 18:30
Lesezeit: 4 min

Die deutsche Wirtschaft sieht sich mit einer Welle von Unternehmensübergaben konfrontiert: Nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandforschung (IFM Bonn) sind es von 2022 bis 2026 rund 190.000 Unternehmen, die den Besitzer wechseln werden – das entspricht etwa 38.000 Übergaben jährlich. Besonders betroffen sind die unternehmensbezogenen Dienstleistungen und Firmen mit einem Jahresumsatz zwischen 500.000 und 1 Million Euro.

Unternehmenswert berechnen

In diesem Kontext wird die die Frage nach dem „richtigen Preis“ bei Unternehmensnachfolgen zu einem Schlüsselthema, das über den Erfolg oder Misserfolg der Übergänge entscheidet. Laut der Rechtsanwaltskammer scheitert etwa die Hälfte dieser Transaktionen – ein alarmierendes Zeichen, das oft auf unrealistische Preisvorstellungen zurückzuführen ist. Während spektakuläre Übernahmen wie die von Elon Musk, der Twitter für 44 Milliarden Dollar erwarb, Schlagzeilen machen, bleiben die Preisverhandlungen im Mittelstand meist im Verborgenen, so dass ein Mangel an transparenten Vergleichsmaßstäben herrscht.

Aber wie gelangt man zu einer fundierten Unternehmensbewertung? Christian Hellbardt, Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Certified Valuation Analyst, unterstreicht die Bedeutung eines tiefen Verständnisses für das Geschäftsmodell und die Werttreiber eines Unternehmens. Eine gründliche Analyse und das Sammeln relevanter Unternehmensdaten sind der Schlüssel, um frühzeitig ein realistisches Bild vom Wert eines Unternehmens zu erhalten, so der Experte.

Das Substanzwertverfahren: Ein einfacher Weg, den Wert eines Unternehmens zu bestimmen

Beim Unternehmensverkauf prallen zwei Perspektiven aufeinander: Die des Verkäufers, fokussiert auf vergangene Erfolge und emotionale Werte und die des Käufers, der strategische Passung und Zukunftspotenziale bewertet. Der finale Verkaufspreis bildet oft einen Kompromiss dieser unterschiedlichen Wertansichten.

Die Komplexität der Unternehmensbewertung illustriert das Beispiel der „Bayerische Präzisionstechnik GmbH“. Gegründet von Johann Maier, der das Unternehmen über 40 Jahre aufbaute, steht es nun vor einem Generationswechsel. Für Maier, 68 Jahre alt, ist das Unternehmen mehr als ein Geschäft – es ist ein Lebenswerk. Doch wie bemisst man diesen emotionalen und historischen Wert? Bewährte Methoden wie Substanz-, Ertragswert- und Multiplikatorverfahren bieten Orientierung.

Der Substanzwertansatz, oft der erste Schritt, summiert materielle und immaterielle Werte des Unternehmens und subtrahiert die Verbindlichkeiten. Herr Maier beginnt damit, alle materiellen Vermögenswerte wie Maschinen, Fahrzeuge, Gebäude und Lagerbestände zu erfassen. Die zentrale Frage hierbei: Was würde es kosten, das Unternehmen mit all diesen Vermögenswerten neu aufzubauen? Darüber hinaus berücksichtigt er immaterielle Werte wie den Kundenstamm, Markenreputation, Patente und das Know-how der Mitarbeiter.

Diese immateriellen Werte, schwer quantifizierbar, sind jedoch zentral für den Gesamtwert.

Das Substanzwertverfahren, ideal für materiell intensive Unternehmen, findet bei Dienstleistern oder Start-ups, wo immaterielle Werte und Zukunftspotenziale überwiegen, seine Grenzen. Es dient als Basis, sollte aber nicht die einzige Bewertungsmethode bleiben, vor allem in immateriell geprägten Branchen.

Der Ertragswert: Wie man den zukünftigen Erfolg eines Unternehmens bewertet

Im Kontrast zum Substanzwertverfahren, das den aktuellen Wert der Vermögenswerte eines Unternehmens abbildet, richtet das Ertragswertverfahren den Blick in die Zukunft. Es basiert auf der Prognose der zukünftigen Einnahmen, die ein Erwerber nach der Übernahme erwarten kann. Diese Prognosen werden aus dem bereinigten Ergebnis der vergangenen Geschäftsjahre abgeleitet. Da zukünftige Einnahmen naturgemäß unsicher sind, wird ein Diskontierungssatz angewendet, der Risiken und Zeitpräferenzen berücksichtigt, um die zukünftigen Einnahmen auf ihren heutigen Wert zu reduzieren.

Für die „Bayerische Präzisionstechnik GmbH“ bedeutet dies eine Schätzung der Einnahmen aus dem Verkauf von Maschinenteilen für die nächsten fünf Jahre, basierend auf vergangenen Leistungen, abzüglich der Betriebskosten. Herr Maier erkennt, dass dieses Verfahren eine realistischere Bewertung seines Unternehmens ermöglicht, da es das zukünftige Ertragspotenzial einbezieht.

Das Ertragswertverfahren ist besonders für Unternehmen relevant, deren Wert sich hauptsächlich aus zukünftigen Gewinnen ableitet. Es bietet eine dynamische Perspektive, erfordert jedoch eine genaue Analyse zukünftiger Marktentwicklungen. Die Zuverlässigkeit der Prognosen ist entscheidend für die Genauigkeit der Bewertung, allerdings steigt die Ungenauigkeit mit zunehmendem zeitlichem Horizont an.

Das Multiplikatorverfahren: Eine schnelle Methode zur Unternehmensbewertung

Herr Maier wendet sich schließlich dem Multiplikatorverfahren zu, das sich für schnelle Schätzungen und vergleichende Bewertungen eignet. Dieses Verfahren nutzt branchenspezifische Multiplikatoren, wie das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz oder EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation, and Amortization), um den Unternehmenswert zu schätzen.

Für die „Bayerische Präzisionstechnik GmbH“ wird beispielsweise ein Branchenmultiplikator von 3 auf den Jahresumsatz von 500.000 Euro angewendet, was zu einem geschätzten Unternehmenswert von 1,5 Millionen Euro führt. Dabei basiert das Multiplikatorverfahren auf der Annahme, dass Unternehmen derselben Branche unter ähnlichen Bedingungen operieren und somit vergleichbar sind. Jedoch hat dieses Verfahren seine Grenzen, da es die individuellen Besonderheiten und spezifischen Potenziale eines Unternehmens nicht vollständig erfassen kann, was zu Ungenauigkeiten in der Bewertung führen kann.

In der Unternehmensbewertung ist es gängige Praxis, verschiedene Methoden zu kombinieren, um ein ganzheitliches Bild des Unternehmenswerts zu zeichnen. Jede Methode beleuchtet unterschiedliche Facetten und trägt zu einer ausgewogenen Gesamteinschätzung bei. Besonders bei größeren Unternehmen bevorzugt man oft ertragsbasierte Verfahren, wobei Marktdynamiken und die Verhandlungsfähigkeiten der Beteiligten eine entscheidende Rolle spielen.

Unternehmen bewerten: Methodenvielfalt und Expertenwissen

Die Zukunft wird vermutlich noch ausgefeiltere und integrativere Bewertungsansätze erfordern. Die zunehmende Bedeutung von immateriellen Werten wie Markenstärke, digitalen Assets und Innovationspotenzial fordert eine Anpassung und Weiterentwicklung der Bewertungsmethoden. Zudem legen Investoren und Käufer zunehmend Wert auf ökologische und soziale Aspekte, was sich in den Bewertungsmodellen widerspiegeln muss.

In den nächsten Jahren könnten wir eine verstärkte Digitalisierung im Bewertungsprozess erleben, wobei Technologien wie künstliche Intelligenz und Big Data eine Schlüsselrolle einnehmen werden. Dennoch bleibt die menschliche Intuition und Erfahrung unverzichtbar, insbesondere bei der Bewertung von Start-ups und innovativen Geschäftsmodellen.

Für die Bewertung kleiner und mittlerer Unternehmen steht der KMUrechner zur Verfügung, ein praxisorientiertes, staatlich unterstütztes Tool für erste Schätzungen. Doch dieses Instrument ersetzt nicht die umfassende Bewertung durch Experten, die über Plattformen wie die Beraterbörse der Deutschen Unternehmensbörse, der Bundessteuerberaterkammer, der Wirtschaftsprüferkammer und beim Bundesverband Deutscher Unternehmensberater zu finden sind. Förderprogramme des Bundes können unter bestimmten Bedingungen die Kosten für solche Beratungen unterstützen, wie das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle auf seiner Webseite informiert.

Als zentrale Plattform für Unternehmensnachfolgen fungiert nexxt-change, die seit ihrer Gründung im Jahr 2006 bereits über 16.600 erfolgreiche Vermittlungen von Unternehmensnachfolgen initiiert hat.

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Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
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