Politik

Geheimakte Hans Georg Maaßen: Das Dossier des Verfassungsschutzes ist umfangreich, aber inhaltlich dünn

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sind im Besitz der Verfassungsschutz-Akte von Hans-Georg Maaßen. Über 20 Seiten hinweg hat der Nachrichtendienst Material über Aktivitäten und Äußerungen von Maaßen zusammengetragen. Eine Analyse.
Autor
16.02.2024 17:11
Lesezeit: 4 min
Geheimakte Hans Georg Maaßen: Das Dossier des Verfassungsschutzes ist umfangreich, aber inhaltlich dünn
Hans-Georg Maaßen: Das Dossier ist Verfassungsschutzes ist umfangreich und dürftig zugleich. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Es ist ein höchst ungewöhnlicher Vorgang: Der frühere Präsident des Bundeamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, wird nun von seinem früheren Arbeitgeber überwacht. Maaßen, der das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) von 2012 bis 2018 geleitet hatte, wurde als Präsident von der damaligen Bundesregierung abberufen und in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Das BfV hat ihn nun unter dem Aktenzeichen 1A2-244-250002-5406-0008/23 S als Beobachtungsobjekt im Bereich des Rechtsextremismus eingestuft. Grundlage für diese Entscheidung ist ein Dossier des Verfassungsschutzes – die Akte Maaßen. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sind im Besitz dieser Akte und haben diese ausgewertet. Fazit: Auch wenn für manche Ohren gewisse Äußerungen Maaßens durchaus fragwürdig sind oder gar auch anstößig, so bleibt am Ende die Materialsammlung des Verfassungsschutzes in der Substanz dürftig. An keiner Stelle des 20-seitigen Dossiers wird erkennbar, dass Maaßen zur Beseitigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufruft. Die Äußerungen Maaßens sind ein Fall für den politischen Meinungskampf, der in der Öffentlichkeit ausgetragen werden muss, aber nicht ein Fall für einen Geheimdienst.

So beschreibt der Verfassungsschutz in seinem Dossier als ersten Punkt, dass ein der Reichsbürger-Szene nahestehender Rechtsextremist in einem Schreiben die Auffassung vertreten habe, dass Maaßen „ein strammer Republikaner zu sein scheint“. Ähnlich gehaltvoll ist auch die Feststellung des BfV, dass „laut der medialen Berichterstattung“ eine der Reichsbürger-Szene zuzurechnende Person „Videos von Hans-Georg Maaßen“ auf einer Facebook-Seite geteilt habe. Zudem, so die Verfassungsschützer, habe Maaßen in einer Diskussionsrunde, die in einer Kurzfassung auch auf YouTube zu sehen gewesen war, Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen gegen die Vereinigung um Heinrich XIII. Prinz Reuß geäußert. Prinz Reuß wird vom Verfassungsschutz der sogenannten Reichsbürger-Szene zugeordnet.

Widersprüche im Dossier

In dem Dossier führt der Verfassungsschutz aus, dass Hans Georg Maaßen im Internet auf mehreren Kanälen präsent sei und sich „im Rahmen von Kolumnen und Aufsätzen zu aktuell-politischen Themen“ äußere. So habe Maaßen vor vier Jahren in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Cato“ vor „undemokratischen, totalitären supranationalen Systemen“ und „einem neuen Totalitarismus“ gewarnt, der das Ziel von „sozialistischen und globalistischen Kräften“ sei. Diese Wortwahl interpretiert der Verfassungsschutz dahingehend, dass Maaßen mit dieser Wortwahl „antisemitische Codes und Chiffren“ benutze. An anderer Stelle aber – und da widerspricht sich der Verfassungsschutz in seinem Dossier – wird angeführt, dass Maaßen in einem Tweet sich darüber beklagt habe, dass in Berlin von Ausländern antisemitische Parolen wie „Tod den Juden“ gerufen werde, das „politisch-mediale Establishment“ aber wegschaue. Maaßen schreibt in dem Tweet: „Das ist nicht mehr das Deutschland, für dessen Sicherheit ich gearbeitet habe und das ich will.“ Tatsächlich scheint dem Verfassungsschutz der Widerspruch nicht weiter aufgefallen zu sein, dass das Amt Maaßen einerseits unterstellt, dass er antisemitische Chiffren benutze, aber nur einige Seiten später einen Tweet von ihm zitiert, in dem sich Maaßen über antisemitische Parolen beklagt.

Akribisch hielt der Verfassungsschutz auch eine Rede Maaßens auf einer Veranstaltung der Bürgerinitiative „Unser Holzland – Kein Windkraftland“ fest: Darin hatte Maaßen ausgeführt, dass man auch in einem Dorf in Afrika den Leuten nicht einreden könne, dass es drei, zehn oder hundert Geschlechter gebe. Jedoch führt der Verfassungsschutz weder aus, was an der Behauptung Maaßens verfassungsfeindlich sein soll, noch welche Bedrohung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung von der Bürgerinitiative „Unser Holzland – Kein Windkraftland“ ausgeht.

Von ähnlichem Gewicht ist auch die Feststellung, dass Herr Maaßen sich dazu bekennt, „ein großer Kritiker der Staatsmedien“ zu sein. Maaßen habe, so das Dossier, die Meinung vertreten, dass die öffentlich-rechtlichen Medien „mittlerweile zu Regierungsmedien“ mutiert seien, „sie wenden sich nicht gegen Regierungen“, sondern „gegen diejenigen, die sie kritisieren“. Auch hier ist in den Ausführungen des Verfassungsschutzes nicht ersichtlich, wie diese Äußerungen eine Bedrohung für die Verfassung darstellen sollen. Es dürfte im Allgemeinen zudem nicht unproblematisch sein, alle als potentielle Verfassungsfeinde zu sehen, die mit der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien nicht einverstanden sind.

TV-Auftritte von Maaßen

Darüber hinaus listet der Verfassungsschutz eine ganze Reihe von Auftritten Maaßens auf, darunter einen Auftritt im Sender TV Berlin. In der Sendung mit dem Titel „Strategie für Deutschland - Migrationspolitik“ sagt Maaßen im BfV-Dossier, dass andere Kulturen, wie die arabische, „Gewalt durchaus auch als ein probates Mittel der Konfliktlösung“ ansehen.

Einen größeren Teil in dem 20-seitigen Dossier nehmen sogenannte Second-Hand-Aktivitäten ein, das heißt: Der Verfassungsschutz listet auf, wer wann auf welchen Kanälen Äußerungen von Hans Georg Maaßen weiterverbreitet hat. Tatsächlich ist es so, dass Personen, wie beispielsweise der zu der Identitären Bewegung zählende Martin Sellner oder auch der AfD-Landesvorsitzende von Thüringen, Björn Höcke, teils mit zustimmenden Kommentaren Äußerungen von Maaßen auf ihren Kanälen weiterverbreitet haben. Diese Second-Hand-Aktivitäten können einen Hinweis darauf geben, wie gewisse Äußerungen in welchen Milieus wahrgenommen werden. Jedoch ist es nicht unproblematisch, dies Maaßen zur Last zu legen, da dieser sich kaum dagegen wehren kann, dass andere ihn zitieren.

Tatsächlich gibt es aber auch Punkte, die für Maaßen heikel sind. So spricht Maaßen von den tragenden Parteien im Bundestag von den sogenannten „Kartellparteien“. Dieser Ausdruck erscheint nicht unproblematisch, da im politischen System der Bundesrepublik Deutschland eine parlamentarische Demokratie ohne Parteien schlechterdings nicht möglich ist. Sehr fragwürdig ist auch ein Auftritt Maaßens vor der „Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft“ (SWG) in Lübeck. Die SWG wird vom Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz als eine gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft.

Die Antwort des Verfassungsschutzes

Insgesamt ist aber als Fazit festzuhalten, dass der Umfang der Verfassungsschutz-Akte Maaßen in keinem Verhältnis zur Substanz steht. Aktivitäten, die die Bekämpfung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zum Ziel haben, sind dem Dossier nicht zu entnehmen. Erkennbar gibt sich der Verfassungsschutz allergrößte Mühe, in der Causa Maaßen möglichst viel Material zusammenzutragen. Manches von dem, was das Amt an Äußerungen Maaßens zusammengetragen hat, mag überspitzt sein und auch anstößig. Doch nicht alles, was überspitzt oder anstößig ist, ist schon verfassungsfeindlich. Eine starke Demokratie und eine stabile Gesellschaft müssen solche Aussagen aushalten können.

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN) haben das Bundesamt für Verfassungsschutz angefragt und um eine Stellungnahme zu dem Vorgang um Hans Georg Maaßen gebeten. Insbesondere wollten die DWN wissen, was den Verfassungsschutz bewogen hatte, Maaßen zu überwachen und ob das BfV die Beobachtung Maaßen fortsetzen wolle. Das Bundesamt für Verfassungsschutz lehnte aber eine Beantwortung der Anfrage mit Verweis auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte ab.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Methanemissionen: Energiepreise – EU-Kommission will Klimaregeln verschieben
18.10.2026

In Brüssel werden Mittel gegen die ausufernden Energiepreise gesucht. Einen Weg sieht die Kommission darin, bestimmte Klimaregeln später...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbungsverfahren: Künstliche Intelligenz verändert die Auswahlkriterien
18.10.2026

Bewerber verfassen Bewerbungsunterlagen mit KI, Betriebe lassen die Maschine zumindest einen Teil der Vorauswahl machen. Das ändert die...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Der größte Fehler passiert lange vor dem ersten Aktienkauf
18.10.2026

Welche Aktie soll ich kaufen? Für viele Börsenanfänger ist das die wichtigste Frage überhaupt. Dabei entscheidet sich oft schon viel...

DWN
Technologie
Technologie Musks Flugauto: Tesla zeigt Sportwagen mit Raketendüsen
18.10.2026

Seit Jahren stellte Elon Musk ein Raketen-Auto in Aussicht - und der nun gezeigte Tesla Roadster kann dank Kaltgas-Düsen ein wenig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zeekr greift BMW und Mercedes an: Ex-BMW-Manager rechnet mit Europas Autobauern ab
18.10.2026

In chinesischen Autofabriken verschwinden die Menschen, Roboter übernehmen ihre Arbeit. Während BMW, Mercedes und Audi unter Kostendruck...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entsorgungswirtschaft warnt: mehr Brände durch Batterien
18.10.2026

Immer mehr Alltagsgegenstände enthalten fest verbaute Batterien, die nicht jeder überhaupt erkennt. Im Müllauto oder der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bald treffen die Giganten aufeinander: Die Wette auf Indien könnte lukrativer sein als die auf China
18.10.2026

Wenn nur zehn Prozent der Inder, die heute kein Auto besitzen, in den kommenden Jahrzehnten Eigentümer eines Neuwagens würden, sprächen...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung in Berlin: Das planen Linke, Grüne und SPD für die Hauptstadt
17.10.2026

"Mehr gemeinsam, mehr Berlin": Das Sondierungspapier von Linke, Grünen und SPD umfasst inklusive Anlagen etwa 30 Seiten. So wollen die...