Politik

Europas Digitale Identität (eID): Freiheit oder Überwachungsstaat?

Zwischen Zukunftsvision und Datenschutz: Die digitale Identität verspricht einfacheren Zugang zu Diensten, doch wie steht es um die Freiheit und Sicherheit der Bürger im digitalen Europa? Mehr zu den EU-Plänen für eine digitale Identität (eID) und wie sie unseren Alltag umgestalten wird.
30.03.2024 11:57
Lesezeit: 3 min
Europas Digitale Identität (eID): Freiheit oder Überwachungsstaat?
Bedeutet die EU-Initiative zur digitalen ID (eID) mehr Innovation oder einfach nur mehr Überwachung? (Foto: dpa) Foto: Andreas Arnold

Die EU hat ehrgeizige Ziele: Bis 2030 sollen mindestens 80-Prozent der EU-Bürger die europäische digitale Identität (eID) nutzen, sei es in Form einer digitalen Brieftasche oder eines anderen elektronischen Dokuments. Dies soll den Zugang zu zahlreichen Dienstleistungen revolutionieren. Doch birgt diese Neuerung auch die Gefahr, dass wir in Richtung eines gläsernen Bürgers nach chinesischem Vorbild steuern? Fragen über Datenschutz, potenzielle Überwachung und individuelle Freiheiten drängen sich auf.

Nadia Calviño, die amtierende erste stellvertretende Ministerpräsidentin und Ministerin für Wirtschaft und digitalen Wandel der EU, betont die Vorteile einer digitalen Identität: „Mit der Annahme der Verordnung über die europäische digitale Identität unternehmen wir einen grundlegenden Schritt, der es den Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen wird, über eine einzigartige und sichere europäische digitale Identität zu verfügen. Dies ist ein wesentlicher Fortschritt für die Europäische Union in ihrem Bestreben, im digitalen Bereich eine globale Referenz zu werden und gleichzeitig unsere demokratischen Rechte und Werte zu schützen.“

Digitale Identität erklärt: Was bedeutet das für Sie & welche Einsatzgebiete gibt es?

Digitale Identitäten sind so etwas wie Online-Ausweise, die es Bürgern ermöglichen, ihre Identität nachzuweisen und elektronische Dokumente auszutauschen oder zu verifizieren. Das ist sehr nützlich für Online-Geschäfte und -Transaktionen. Darüber hinaus können persönliche Nachweise wie Führerscheine, Diplome oder Bankkonten mit der eID verknüpft werden.

Je mehr Leute und Firmen digitale Identitäten nutzen, desto weiter verbreiten sie sich und desto vielfältiger werden ihre Anwendungsmöglichkeiten: Von Identitätsnachweisen über E-Government, E-Commerce bis hin zu E-Health und E-Education. Beispiele reichen von der simplen Arztterminvereinbarung über den Zugriff auf Gesundheitsdaten bis hin zu behördlichen Angelegenheiten, Bildungsinformationen, Online-Banking, Reisebuchungen und dem Streaming von Inhalten.

Kontrollinstrument oder Komfortgewinn? Die Debatte um die eID

Anders als in einigen Teilen der Welt, wo es umfassende Überwachung gibt – wie zum Beispiel in China – ist die eID dazu da, um Identitätsprüfungen durchzuführen und den Zugang zu bestimmten online-Dienste der Regierung zu ermöglichen. Die eID soll nicht kontrollieren, wie sich Menschen verhalten, oder sie für ihr Verhalten belohnen oder bestrafen. Es ist laut der EU ein Werkzeug, das den Alltag einfacher machen soll und die Nutzung der eID ist freiwillig.

Gleichwohl äußern Datenschützer Bedenken. Sie befürchten, dass die eID vielleicht doch irgendwann Pflicht wird für bestimmte wichtige Vorgänge, wie teure Käufe und Immobiliengeschäfte, oder bei der Nutzung bestimmter staatlicher Dienste sowie beim Transfer großer Geldsummen. Wer die eID nicht benutzen will oder kann – etwa, weil er keinen Computer oder kein Smartphone hat – könnte dann von diesen wichtigen Teilen des Lebens ausgeschlossen sein. Zudem besteht das Risiko, dass Hacker in das eID-System eindringen könnten, um persönliche Informationen und Daten zu stehlen.

Frank Rieger, renommierter Technikexperte und Sprecher des Chaos Computer Clubs, kritisiert die eID als „nicht konform mit Datenschutzbestimmungen“ und warnt vor dem Risiko einer umfassenden Überwachung. Auf der anderen Seite betont die EU, dass strenge EU-Datenschutzgesetze und hohe Sicherheitsstandards einen angemessenen Schutz der persönlichen Daten gewährleisten sollen - obgleich die spezifischen Sicherheitsanforderungen bislang noch nicht endgültig definiert wurden.

Datenschutz bei der eID: Sicherheitsgarantie oder leeres Versprechen?

Diskutiert werden Maßnahmen wie Nutzungseinschränkungen der eID sowie detaillierte Regelungen zur Datenspeicherungsdauer. Verbrauchern soll fernerhin das Recht eingeräumt werden, ihre Daten eigenständig löschen zu können. Der genaue Ablauf dieses Prozesses und die Entscheidungsfindung hierüber sind allerdings auch noch offen. Experten halten dies für bedenklich und mahnen, die Sicherheitsbedenken zu priorisieren.

Diese offenen Punkte spiegeln die Ambivalenz in der Debatte um die eID wider. Den Bedenken zum Trotz birgt die eID durchaus Potenzial, insbesondere im europäischen Kontext. So könnten Menschen ohne festen Wohnsitz oder solche, die in mehreren EU-Staaten leben und arbeiten, von einem vereinfachten Identitätsnachweis profitieren. Für Wirtschaftsunternehmen könnte sich die Bürokratie verringern und der Handel über die Grenzen hinweg erleichtert werden. Dies setzt allerdings voraus, dass die EU die Datenschutzbedenken aus dem Weg räumen kann. Zudem ist es von essenzieller Bedeutung, adäquate Unterstützungsmaßnahmen für Bürger bereitzustellen, sei es durch den Zugang zu notwendigen Technologien oder durch Bildungsangebote im Bereich digitaler Kompetenzen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich die Digitalisierungslücken weiter vertiefen und die eID nicht die erhoffte Akzeptanz erfährt.

Verbraucher, die die eID bereits nutzen oder nutzen wollen, wird geraten, die Datenschutzbestimmungen genau zu überprüfen. Die eID können alle EU-Bürger und Angehörige des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) gegen eine Gebühr von 37,- Euro beantragen, wenn sie mindestens 16 Jahre alt sind.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

avtor1
Anika Völger

Freie Wirtschaftsjournalistin, Autorin, Bankkauffrau, Verwaltungswirtin, Dozentin für Recht. Anika Völger verbindet juristisches und wirtschaftliches Fachwissen mit journalistischer Klarheit. Die Hannoveranerin ordnet wirtschaftliche und politische Entwicklungen ein, analysiert rechtliche Zusammenhänge und erklärt Wirtschafts-, Finanz-, Technologie- und Kryptothemen für ein breites Publikum. Sie schreibt u. a. für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, für Kanzleien sowie für Finanz- und Technologieunternehmen.
DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Millionenprojekt in Litauen droht zur Geduldsprobe zu werden
09.10.2026

Die Fabrik steht, doch produzieren darf Rheinmetall noch lange nicht. In Litauen baut der deutsche Rüstungskonzern eine neue...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Familienunternehmen verkaufen? Das kann das Lebenswerk retten
09.10.2026

Viele Unternehmer glauben, ihr Lebenswerk lasse sich nur bewahren, wenn die Familie Eigentümer und Führung behält. Doch ein Verkauf oder...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
09.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Chip-Aktien ziehen Wall Street ins Minus, während der Ölpreis in die Höhe schießt
08.10.2026

Welche Marktkräfte die Wall Street heute ins Wanken brachten und warum Anleger jetzt genau hinsehen sollten.

DWN
Politik
Politik Trump will Wähler mit Geld locken: „Einfach nur peinlich“
08.10.2026

Donald Trump verspricht jedem erwachsenen Amerikaner rund 4.450 Euro, wenn die Republikaner die Kongresswahlen gewinnen. Doch ausgerechnet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg bremst Deutschland weniger als erwartet
08.10.2026

Deutschlands Wirtschaft kommt trotz Iran-Krieg und hoher Energiepreise überraschend glimpflich davon. Doch der Aufschwung steht auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Schufa schlägt Alarm: Millionen Verbraucher kämpfen mit Zahlungsproblemen
08.10.2026

Die hohen Preise setzen immer mehr Verbraucher finanziell unter Druck: 2025 stieg der Anteil der Menschen mit Zahlungsstörungen auf 8,1...

DWN
Immobilien
Immobilien BEG-Reform: Wärmepumpen-Förderung sinkt ab 2027 weiter
08.10.2026

Die Wärmepumpen-Förderung sinkt ab 2027 weiter: Wer zu spät beantragt oder falsch plant, dem könnten Tausende Euro Zuschuss durch die...