Politik

Wachstumschancengesetz: "Vielversprechender Ansatz, aber der große Wurf ist es nicht"

Der Bundesrat hat das Wachstumschancengesetz verabschiedet. Ökonomen wie Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft reagieren zurückhaltend auf das Wachstumspaket und fordern weitere Reformen. Dabei sollte auch der Solidaritätszuschlag auf den Prüfstand gestellt werden.
22.03.2024 14:31
Aktualisiert: 22.03.2024 14:31
Lesezeit: 3 min
Wachstumschancengesetz: "Vielversprechender Ansatz, aber der große Wurf ist es nicht"
Steuerexperte Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft:

Nach monatelangem Gezerre hat der Bundesrat am Freitag das Wachstumschancengesetz verabschiedet. Eine klare Mehrheit in der Länderkammer unterstützte das Vorhaben der Ampelkoalition, wobei sich auch von der Union geführte Länder dafür aussprachen. Allerdings dürfte die abgespeckte Version die Wirtschaft hierzulande nur geringfügig ankurbeln.

Neue Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zeigen, dass bis Ende des Jahrzehnts inflationsbereinigt lediglich sechs Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen ausgelöst werden. „Das Gesetz ist auf jeden Fall ein wichtiges Signal an die Unternehmen, dass es in der Steuerpolitik vorangeht“, sagt Tobias Hentze, Steuerexperte am IW. „Stillstand wäre ein verheerendes Zeichen gewesen, das hätte die Politik keinem erklären können. Einzelne Instrumente des Gesetzes, etwa die besseren Abschreibungsbedingungen, sind ein vielversprechender Ansatz. Aber der große Wurf ist es nicht.“

Klar ist: Der deutschen Wirtschaft geht es derzeit so schlecht wie noch nie. Nach Auffassung von Marc S. Tenbieg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Mittelstands-Bundes (DMB), muss der deutsche Mittelstand derzeit gar den „größten Charaktertest der Nachkriegsgeschichte bestehen“, schreibt Tenbieg in einem Gastkommentar für die DWN. Angesichts dieser schwierigen Lage ist klar, dass etwas passieren muss, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Doch wie genau das geschehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Investitionen nur noch bei sechs Milliarden Euro

Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, soll das Wachstumschancengesetz gleich eine Vielzahl an Problemen lösen und das Land wieder wettbewerbsfähiger machen, unter anderem durch eine Investitionsprämie und steuerliche Entlastungen. Im Vermittlungsausschuss wurden die geplanten Entlastungen allerdings zusammengestrichen.

Das nun verabschiedete Mini-Paket sieht mit rund 16 Milliarden Euro für den Zeitraum 2024 bis 2028 nur noch weniger als die Hälfte des ursprünglich geplanten Entlastungsvolumens vor. Gänzlich gestrichen hat der Ausschuss etwa die vorgesehene Investitionsprämie. Nach Einschätzung von Tobias Hentze werden die positiven Effekte des abgespeckten Gesetzes deshalb kaum spürbar sein: „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Investitionen bis zum Ende des Jahrzehnts real insgesamt um sechs Milliarden Euro höher ausfallen. Das entspricht 1,5 Prozent der Investitionen im Jahr 2023. Der erste Gesetzesvorschlag hätte immerhin zu einem Investitionsplus von elf Milliarden Euro geführt.“

Forderung nach weiteren Reformen

Insgesamt falle das Paket sehr klein aus – und damit auch der Effekt auf die Wirtschaft, so Hentze. „Im Vergleich zum ursprünglichen Entwurf ist das Entlastungsvolumen halbiert worden. Um spürbare Investitionsanreize für die Unternehmen zu setzen, muss die Politik nachlegen.“ Insbesondere für die Transformation der Wirtschaft zur Klimaneutralität brauche es deutlich mehr Investitionen, erklärt der Ökonom. „Fast 9 von 10 investierten Euro kommen von Unternehmen, nur einer vom Staat. Ohne die Unternehmen kann die Transformation nicht gelingen. Daher ist es unverständlich, dass zum Beispiel die Investitionsprämie für Klimaschutzinvestitionen gestrichen wurde.“

Auch die Entscheidung, sowohl die geplanten Verbesserungen bei der Verlustverrechnung einzuschränken als auch den Zeitraum für die degressive Abschreibung zu verkürzen und die hohen Steuersätze unangetastet zu lassen, stößt bei IW-Ökonom Hentze auf Unverständnis. „In kaum einem anderen Land ist die Belastung durch Unternehmenssteuern so hoch wie in Deutschland“, erklärt er. „Viele Länder haben ihre Steuersätze in den letzten 15 Jahren gesenkt. In Deutschland hingegen führten Anhebungen der Gewerbesteuer durch die Kommunen zu einer steigenden Belastung, worunter die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts nach wie vor leidet.“

„Der Solidaritätszuschlag hat sich überlebt“

Nach Schätzung von Volkswirtschaftlern wie Tobias Hentze vom IW, müsste das finanzielle Entlastungsvolumen des Gesetzes deutlich erhöht werden, um die Wirtschaft nachhaltig zu stärken: „Eine spürbare Steuerentlastung wäre aus meiner Sicht zum Beispiel die Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 15 auf 10 Prozent. Das hätte ein Entlastungsvolumen von rund 17 Milliarden Euro. Zusammen mit dem Wachstumschancengesetz wären es dann rund 20 Milliarden Euro“, rechnet Hentze vor. „Das wäre ein starkes Signal an die Unternehmen, in Deutschland zu investieren statt abzuwandern.“

IW-Ökonom Hentze ist jedoch zuversichtlich, dass die aus dem Wachstumschancengesetz gestrichenen Instrumente wieder aufgegriffen oder nachgebessert werden. Gleichzeitig sollte sich die Politik an die Steuersätze heranwagen, so seine Forderung. „In dem Zusammenhang ist auch der Solidaritätszuschlag zu nennen, der sich mit Blick auf seine Existenzbegründung überlebt hat und den heute zu mehr als die Hälfte die Unternehmen zahlen.“

Wachstumschancengesetz: Signalwirkung für Unternehmen

Immerhin einen positiven Aspekt habe das Gesetz: „Kleine Schritte in die richtige Richtung zu machen, ist besser, als auf der Stelle zu treten.“ Dass etwas gegen die Wirtschaftsschwäche getan werden muss, ist allen Parteien klar. So beinhaltet der jüngste Zehn-Punkte-Plan der SPD unter anderem die Idee von Superabschreibungen, die FDP hingegen sieht in der Abschaffung des Soli-Zuschlags einen geeigneten Hebel und die Grünen wollen groß angelegte Steueranreize für Investitionen einführen. „Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist es wichtig, dass Regierung und Opposition an einem Strang gezogen und nun zumindest das Wachstumschancengesetz beschlossen haben.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis bei 10.000 US-Dollar? Warum Analysten einen historischen Durchbruch erwarten

Gold gilt seit jeher als sicherer Hafen, doch die aktuelle Debatte wirkt anders. Steigende globale Verschuldung, anhaltende Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen Gehaltsverhandlung: Tipps für mehr Gehalt in schwierigen Zeiten – der 7-Punkte-Plan zur Gehaltserhöhung
28.01.2026

Inflation, Unsicherheit, Sparkurs: Viele Beschäftigte zögern mit der Gehaltsverhandlung. Doch gerade jetzt kann der richtige Ansatz den...

DWN
Finanzen
Finanzen Bafin warnt: Risiko für Marktverwerfungen steigt
28.01.2026

Droht ein Kursrutsch an den Aktienmärkten? Die Finanzaufsicht sieht reichlich Risiken und warnt: Ein Härtetest werde wahrscheinlicher.

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank-Chef: Deutsche Goldreserven in USA sind sicher
28.01.2026

Sind die riesigen deutschen Goldreserven in New York noch sicher? Mit dem Vorgehen von Donald Trump gegen Grönland und enge...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Trump treibt Gold-Rallye weiter an – sind bald schon 6.000 Dollar möglich?
28.01.2026

Der Goldmarkt erlebt derzeit eine historische Ausnahmesituation: Ein neues Goldpreis-Rekordhoch folgt dem nächsten. Trumps...

DWN
Immobilien
Immobilien Baukrise: DIW erwartet Wende am Bau - Hoffnung für Wohnungssuchende
28.01.2026

Höhere Zinsen, gestiegene Kosten: Bauherren haben schwierige Zeiten hinter sich. Nun soll es am Bau wieder aufwärtsgehen, dank...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konsumklima: Kauflaune steigt, aber Unsicherheiten bleiben
28.01.2026

Mehr Geld im Portemonnaie und weniger Angst vor steigenden Preisen: Die Konsumstimmung hellt sich auf. Wie Experten das einschätzen.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Rote Zahlen: Wacker Chemie meldet Rekordverlust von 800 Millionen Euro
28.01.2026

Wacker zählt zu den Vorzeigeunternehmen der deutschen Chemiebranche - und befindet sich in der schwierigsten Lage seit Jahrzehnten.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Homeoffice im Winter: mehr Gemütlichkeit, weniger Kontakte
28.01.2026

Homeoffice schützt im Winter vor glatten Wegen und hustenden Kollegen. Wichtige andere Faktoren für die Gesundheit können aber auf der...