Finanzen

Die Inflation weicht zurück, Kreditnehmer hoffen auf Zinssenkung - bislang vergebens

Die Inflation im Euroraum ist nach dem Preisschock infolge des Ukraine-Krieges wieder auf dem Rückzug. Das eröffnet der EZB Spielräume - von Kreditnehmer ersehnt und von Sparern befürchtet. Doch Christine Lagarde ist vorsichtig und wartet weiter ab. Die Bremsspuren sind überall sichtbar.
13.04.2024 11:41
Lesezeit: 3 min
Die Inflation weicht zurück, Kreditnehmer hoffen auf Zinssenkung - bislang vergebens
Sorry! Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB): Die Währungshüter haben entschieden, den Leitzins unverändert zu lassen. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Kredite haben sich seit dem Ende der Nullzinsphase im Euroraum verteuert. Immobilienkäufer, Hausbauer oder Unternehmen hoffen daher auf eine Senkung der Leitzinsen. Bislang haben die Euro-Währungshüter die Zinszügel trotz deutlich gesunkener Inflation allerdings nicht gelockert. Auch diese Woche beließ der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) die Zinsen wieder bei 4,5 Prozent. Volkswirte halten eine Senkung im Sommer inzwischen für gut möglich.

Wie entwickelt sich die Inflation?

Nach Rekordhöhen infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine hat sich die Teuerung im gemeinsamen Währungsraum der 20 Staaten mittlerweile wieder deutlich abgeschwächt. Im März stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat nach einer ersten Schätzung des Statistikamtes Eurostat um 2,4 Prozent. Im März 2023 lag die Inflationsrate noch bei 6,9 Prozent. Die Inflation sei weiter zurückgegangen, erläuterte die Notenbank. „Bei den meisten Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation ist eine Entspannung zu verzeichnen" - und das Lohnwachstum schwächt sich allmählich ab.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer mahnte jüngst allerdings: „Im Kampf gegen die Inflation ist die letzte Meile die schwierigste." Die EZB strebt mittelfristig eine jährliche Inflationsrate von zwei Prozent an. Bei diesem Wert sehen die Währungshüter Preisstabilität gewährleistet. Höhere Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft von Verbrauchern. Sie können sich dann für einen Euro weniger leisten.

Warum zögert die EZB bislang mit Zinssenkungen?

Um die zeitweise hohe Inflation in den Griff zu bekommen, hatten die Währungshüter im Juli 2022 die Jahre der Null- und Negativzinsen beendet und die Zinsen zehnmal in Folge erhöht. Die Inflation nähert sich inzwischen dem Zwei-Prozent-Ziel, doch die Notenbank möchte sichergehen, dass die Gefahr stark steigender Preise tatsächlich gebannt ist. Die jüngste Entwicklung der Teuerungsrate mache die Währungshüter zuversichtlicher, aber „nicht hinreichend zuversichtlich", hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach der Ratssitzung im März gesagt.

Nach Einschätzung von BVR-Chefvolkswirt Andreas Bley spricht vieles für eine im Trend weiter sinkender Inflation, die Unsicherheiten blieben aber hoch. Die Energiepreise stiegen aktuell wieder und die Löhne wüchsen kräftig. Daher sollte die EZB jeden weiteren Zinsschritt von der Datenlage abhängig machen. „Ein Auf und Ab des Leitzinses würde zu einer starken Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger sowie der Finanzmärkte führen."

Was bedeuten die EZB-Entscheidungen für Sparer?

Seit ihrem Höhepunkt gegen Ende vergangenen Jahres sind die Festgeldzinsen nach Daten des Vergleichsportals Verivox bereits spürbar gesunken. Bundesweit verfügbare Festgeldanlagen mit zwei Jahren Laufzeit bringen demnach im Schnitt zurzeit 2,89 Prozent (Stand: 4. April), Anfang Dezember waren es 3,36 Prozent. Eine Leitzinssenkung im Sommer sei in den aktuellen Festgeldkonditionen schon weitgehend eingepreist, erläuterte Verivox-Experte Oliver Müller. „Sollten die Währungshüter angesichts der gesunkenen Inflation im Euroraum nicht nur eine, sondern sogar zwei Leitzinssenkungen in Aussicht stellen, könnten die Festgeldzinsen noch tiefer in den Keller gehen."

Auf einem Festgeldkonto wird Erspartes für einen bestimmten Zeitraum angelegt. Sparer können in dieser Zeit nicht über das Geld verfügen und Geldhäuser ihre Konditionen nicht anpassen. Die Finanzinstitute versuchen daher, die erwartete Zinsentwicklung im Voraus zu berücksichtigen.

Beim Tagesgeld stagnieren die Zinsen bundesweit verfügbarer Angebote den Verivox-Daten zufolge bei durchschnittlich 1,75 Prozent. „Perspektivisch rechnen wir auch beim Tagesgeld mit sinkenden Zinsen", sagte Maier. Die Zinsen für täglich verfügbare Einlagen können die Kreditinstitute jederzeit ändern und an die aktuelle Marktlage anpassen.

Was bedeuten sinkende Zinsen für Kreditnehmer?

Deka-Bank-Chefvolkswirt Ulrich Kater hält eine Leitzinssenkung im Euroraum wie viele andere Volkswirte ab Juni für wahrscheinlich. „Konsumkredite oder Baufinanzierungen werden allerdings nicht mehr viel billiger werden, da hier bereits eine Reihe von künftigen Zinssenkungen in den heutigen Konditionen vorweggenommen sind", sagt Kater. Nach Daten der FMH-Finanzberatung werden beispielsweise für zehnjährige Baukredite derzeit im Mittel 3,48 Prozent pro Jahr fällig (Stand: 8. April) - Ende Oktober waren es noch über vier Prozent.

Wie hängen Zinsen und Konjunktur zusammen?

Höhere Zinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen kann. Das hilft, die Inflationsrate zu senken. Zugleich sind teurere Kredite eine Last für die Wirtschaft, weil sich kreditfinanzierte Investitionen verteuern. Manche Unternehmen überdenken daher ihre Investitionen. Private Hausbauer ebenso wie große Investoren halten sich mit Bauprojekten zurück. Das kann neben anderen Faktoren wie beispielsweise einem schwächeren Welthandel die Wirtschaftsentwicklung im Euroraum dämpfen. Die Konjunkturaussichten für den gemeinsamen Währungsraum hatten sich zuletzt eingetrübt. Die EZB sagte in ihrer jüngsten Prognose im März 0,6 Prozent Wachstum für dieses Jahr voraus, im Dezember waren 0,8 Prozent erwartet worden. Wegen der Konjunkturschwäche waren Forderungen nach baldigen Zinssenkungen laut geworden. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Shein an der Börse: Wer bei Fast Fashion jetzt vorn liegt
05.09.2026

Der chinesische Konzern Shein hat sich an der Börse den größten Namen der Fast Fashion angeschlossen. Doch wie läuft es bei seinen...

DWN
Politik
Politik 37 Jahre alt und rund 15 Milliarden Euro schwer: Das ist Mario Draghis neuer Partner
05.09.2026

Der frühere EZB-Chef und ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Draghi hat sich mit einem irischen Tech-Milliardär...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahn-Sanierung ohne monatelange Vollsperrungen: VCD legt Gegenentwurf vor
05.09.2026

Die Bahn will ihr marodes Schienennetz mit groß angelegten Generalsanierungen zuverlässiger machen. Doch das bisherige Konzept bringt...

DWN
Finanzen
Finanzen Restaurant-Aktien: Zwei Wachstumswetten für die nächsten 20 Jahre
05.09.2026

Tech-Aktien gelten als erste Adresse für spektakuläres Wachstum. Doch zwei Restaurantketten aus den USA könnten Anlegern langfristig...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deepal S05 im Test: Der Chinese, der keiner sein will
05.09.2026

Der Deepal S05 kommt aus China, trägt aber deutlich europäische Züge. Entworfen wurde der Elektro-SUV in Turin, und genau das merkt man...

DWN
Politik
Politik Landtagwahl in Sachsen-Anhalt: Was Sie über die Sachsen-Anhalt-Wahl wissen sollten
05.09.2026

Sachsen-Anhalt steht vor einer Wahl, deren Folgen weit über Magdeburg hinausreichen könnten. Die AfD liegt vorn, mögliche Mehrheiten...

DWN
Finanzen
Finanzen Anleihen: Warum Schulden so teuer sind wie lange nicht
05.09.2026

Die Renditen langfristiger Staatsanleihen großer Volkswirtschaften sind auf Niveaus gestiegen, die teils seit der Finanzkrise nicht mehr...

DWN
Technologie
Technologie Biometrie-Panne: Die gefährlichste Rolle ist der Zwilling
05.09.2026

Manche Dinge sind offenbar selbst für die klügsten Systeme eine zu große Herausforderung. Und dies ist eine Glosse genau über diese...