Technologie

Der Chefredakteur kommentiert: Kleiner Blackout - kein neuer Strom mehr in Oranienburg! Echt jetzt?

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch emotional diskutieren. An dieser Stelle lasse ich Sie jeden Freitag an meinem Standpunkt teilhaben - immer kritisch, selbstverständlich unabhängig, meist unbequem. Lesen Sie, was in dieser Woche auf meinem Schreibtisch lag!
19.04.2024 16:30
Lesezeit: 4 min
Der Chefredakteur kommentiert: Kleiner Blackout - kein neuer Strom mehr in Oranienburg! Echt jetzt?
Ein Strommast neben einem Umspannwerk - in Oranienburg fehlt genau das (Foto: dpa).

Kennen Sie Oranienburg? Die kleine Kreisstadt liegt am Oberlauf der Havel nördlich der Berliner Stadtgrenze. Das Schloss Oranienburg ist bei Touristen besonders beliebt, drumherum liegt der idyllische Schlosspark. Möglicherweise haben Sie schon einmal im Zusammenhang mit dem KZ Sachsenhausen von der kleinen Stadt gehört, ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust steht in Oranienburg.

Doch deutschlandweit bekannt wurde das Städtchen erst jetzt - ganz unverhofft und vor allem ungewollt. Innerhalb einer Woche ist das kleine Oranienburg zum beschämenden Symbol für die Herausforderungen der Energiewende geworden. Die Stadtwerke hatten am 11. April die überraschten Bürgerinnen und Bürger darüber informiert, dass ab sofort keine neuen Netzanschlüsse mehr möglich seien. Wie bitte? Echt jetzt? Kein Strom mehr in Oranienburg?

Keine Wärmepumpe, keine Ladestation mehr!

Was wie eine Zeitungsente oder ein verspäteter Aprilscherz anmutet, ist in Oranienburg nun bittere Realität. Die Stadt kann keine neuen Netzanschlüsse mehr genehmigen. Keine Wärmepumpen, keine Ladestationen – nichts! In einem Land, das sich selbst gerne als Vorreiter in Sachen grüner Technologie sieht und sich als Hochtechnologieland begreift, gibt es plötzlich keine Steckdosen mehr.

Angeblich fehlen dem Hochspannungsnetz in Oranienburg Kapazitäten für neue Hausanschlüsse, die Versorgungsmöglichkeiten seien ausgeschöpft, teilte Peter Grabowsky, Geschäftsführer der Stadtwerke, lapidar mit. Der Fehler liegt wohl beim Betreiber des Hochspannungsnetzes, dort waren angeblich bereits vor mehr als einem Jahr zusätzliche Kapazitäten angefragt worden. Geändert hat sich daraufhin nichts, niente, nada! Der Antrag wurde abgelehnt und ist vermutlich in irgendeiner Behörde im digitalen Papierkorb verschwunden.

Die Konsequenzen dieses Engpasses sind dramatisch. Nicht nur neue Netzanschlüsse sind betroffen, sondern auch bestehende Industrie- und Gewerbegebiete leiden unter dem Mangel an Stromkapazität. Es drohen nun sogar Produktionsausfälle, wirtschaftliche Einbußen und - nicht unwichtig - ein Rückgang der Lebensqualität. Die Situation hat ernsthafte Auswirkungen auf das tägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger. "Ein herber Einschnitt für den Wirtschaftsstandort", sei das laut Christian Streege vom Regionalcenter Oberhavel der Industrie- und Handelskammer (IHK). Und er geht noch weiter, eine solche Stromknappheit sei "ein Totschlagargument für den Standort" - eine bittere Erkenntnis, aber leider wahr.

Einzelfall oder drohen weitere "Blackouts"?

In einer Zeit, in der die Energiewende oberste Priorität hat, ist eine solche Fehlplanung einfach nur peinlich. Gerade jetzt müssen kommunale Behörden und Energieversorgungsunternehmen enger denn je zusammenarbeiten, um eine zuverlässige und nachhaltige Stromversorgung zu gewährleisten – erst recht, weil Energie in diesen schwierigen Zeiten ein rares und leider auch teures Gut geworden ist.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat darauf hingewiesen, dass die Netzbetreiber und Stadtwerke verpflichtet sind, eine rechtzeitige Erweiterung der Strominfrastruktur sicherzustellen. Diese Botschaft muss endlich überall ankommen, um zukünftige Engpässe zu vermeiden.

Warum das in Oranienburg anscheinend nicht geschehen ist, solle nun dringend aufgeklärt werden, sagt die Bundesnetzagentur. Sie betont gleichzeitig, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Aber Einzelfall hin oder her, für die Oranienburger gehen erst einmal (im übertragenen Sinne) die Lichter aus – peinlich und inakzeptabel. Noch ist es nur eine Stadt, die im "Dunkeln" sitzt, aber droht so ein Engpass auch in anderen Städten und Gemeinden? Was, wenn die Stadtwerke Ihrer Gemeinde ähnlich schlecht planen? Droht dann auch bei Ihnen zuhause und vielleicht auch bei mir ein Blackout?

Zugegeben, Blackout mag in diesem konkreten Fall etwas übertrieben sein, aber manchmal stellen wir uns in Deutschland an wie in einem Entwicklungsland. Die renommierte Energieökonomin Claudia Kemfert hat absolut recht, wenn sie sagt, dass hier falsch geplant, dass der erhöhte Strombedarf viel zu spät erkannt wurde. Oranienburg sei eine wachsende Stadt, das sei kein Geheimnis, das hätten die Stadtwerke wissen müssen. Und weiter: Die Versäumnisse dort könne man nicht der Wärmewende anlasten.

Mag sein, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien nicht die Ursache für den Stromengpass ist, aber: In einer Zeit, in der der Umgang mit Energie so wichtig ist, in der Energie so wertvoll ist und in der die Energiewende gelingen soll, werden leider immer noch zu viele Anfängerfehler gemacht! Die Begeisterung für den Ausbau von Windkraft, Solarstrom und Co. wird nicht größer, wenn die Menschen in diesem Land sich um die alltägliche Stromversorgung sorgen müssen.

Eine gute Nachricht - mit Haken

Liebe Leserinnen und Leser, das darf in einem Hochtechnologieland, das wir bleiben wollen, und in einem Industrieland mit großem Energiedurst, das wir sind, nicht passieren. Insgesamt muss der Engpass in Oranienburg ein Weckruf für die gesamte Politik sein. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Infrastruktur der steigenden Nachfrage gewachsen ist. Viele Jahre lang wurden der Ausbau des Schienennetzes, flächendeckender Mobilfunk und eine nachhaltige Energieversorgung in unserem Land vernachlässigt. Die unzureichende Stromversorgung in Oranienburg sollte uns allen Mahnung sein, Investitionen in die Zukunft Deutschlands sind dringend nötig.

Aber wissen Sie was? Es gibt auch ein wenig Hoffnung für die kleine Stadt nördlich von Berlin mit ihrem idyllischen Schlosspark. Die Stadt baut nun ein neues Umspannwerk mit größeren Kapazitäten. Dieses soll dann die wachsenden Bedarfe sicherstellen. Der Haken an der Geschichte: Dieses soll erst 2026 fertiggestellt sein. Na, herzlichen Glückwunsch!

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Das anstehende Wirtschaftsereignis Fußball-WM 2026 & warum Daten, Prognose sowie Online-Portale einen eigenen Digitalmarkt bilden

Die WM ist in diesem Jahr nicht bloß ein bedeutendes Ereignis auf sportlicher Basis, denn sie wird zum Härtetest für Datenökonomie,...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Autos als Kostenrisiko: Wie die Kfz-Steuer Käufer in Europa belastet
12.05.2026

Importierte US-Autos werden durch Kfz-Steuer, CO₂-Werte und Einzelgenehmigung für viele Käufer zu einer finanziellen Belastung. Warum...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rabattaktionen im Einzelhandel: Warum eBooks trotz Krise boomen – und wie Sie persönlich davon profitieren
12.05.2026

Steigende Preise, verunsicherte Verbraucher und schwache Konsumdaten setzen den Handel unter Druck. Gleichzeitig werben Anbieter mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Carl Zeiss Meditec-Stellenabbau: Bis zu 1.000 Jobs betroffen – was das für die Aktie bedeutet
12.05.2026

Carl Zeiss Meditec reagiert auf schwache Geschäfte mit einem drastischen Sparprogramm. Der geplante Stellenabbau betrifft bis zu 1.000...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Fusionsregeln: Wie Brüssel Europas Wirtschaft stärken will
12.05.2026

Brüssel will die Fusionsregeln neu ausrichten und Europas Unternehmen mehr Spielraum im globalen Wettbewerb geben. Kann die EU ihre...

DWN
Politik
Politik Monopolkommission: Tankrabatt kommt an - Spritpreis steigt
12.05.2026

Auch das Ifo-Institut errechnet eine höhere Weitergabe als zu Beginn. Die Monopolkommission sieht allerdings bereits im Vorfeld des...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gasknappheit: Speicherbetreiber sehen Unsicherheiten für Deutschland
12.05.2026

Hohe Gaspreise und unsichere Marktbedingungen bremsen die Befüllung der Speicher. Die Betreiber warnen: Bei einem ähnlich kalten Winter...

DWN
Politik
Politik Antisemitische Symbole erkennen - Veröffentlichungen des BfV
12.05.2026

Wassermelone, Krake und Demo-Parolen: Der Verfassungsschutz erklärt, welche Symbole und Slogans seiner Einschätzung nach auf Extremismus...

DWN
Politik
Politik Pfiffe und Buhrufe für Merz beim DGB-Kongress
12.05.2026

Dass es schwer werden würde für den Kanzler beim DGB, war klar. Aber einen so eiskalten Empfang hat er dann vielleicht doch nicht...