Politik

Jugend-Studie: Mehrheit fühlt sich nicht von EU-Parlament vertreten

In Deutschland können erstmals auch 16-Jährige abstimmen. Die Basis sei stabil, sagen die Studienmacher. Die Mehrheit der befragten jungen Menschen in ganz Europa unterstütze die Demokratie. In der Arbeit des EU-Parlaments erkennen sich aber die wenigsten wieder.
01.06.2024 11:11
Lesezeit: 3 min

Die Europawahl steht vor der Tür, doch was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich viele junge Menschen in Europa stellen. Weniger als ein Fünftel von ihnen fühlen sich laut einer aktuellen Umfrage in sechs EU-Ländern ausreichend vom Europaparlament vertreten. Im Länderschnitt gaben nur 17 Prozent an, dass ihre Interessen dort „stark oder sehr stark“ widergespiegelt würden, wie aus der am Dienstag vorgestellten repräsentativen Studie „Junges Europa“ im Auftrag der Tui-Stiftung hervorgeht. Hier das Wichtigste auf einen Blick.

Im Wahljahr 2019 war gefühlte Lücke kleiner

Im Jahr 2019, als zuletzt das EU-Parlament gewählt wurde, hatten in den sechs betrachteten Ländern noch insgesamt 21 Prozent angegeben, sich besonders stark vom Europäischen Parlament vertreten zu fühlen - und damit vier Prozentpunkte mehr als 2024. Das gilt auch für Deutschland. Dort sagten lediglich 19 Prozent der Befragten, dass sie sich besonders stark vom EU-Parlament vertreten fühlten. Vom 6. bis zum 9. Juni wird in der EU ein neues Parlament gewählt. Auch die Parlamente im eigenen Land nehmen laut Studie nur wenige Teilnehmer (17 Prozent) als Interessenvertretung wahr.

Was gefragt wurde - und wo

Befragt hat das Meinungsforschungsinstitut Yougov im März dieses Jahres fast 6000 junge Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren. Die sechs teilnehmenden Länder waren Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und Polen. Insgesamt ging es bei der Befragung um die Einstellung und Verbindung junger Menschen zu Europa - auch mit Blick auf die anstehende Wahl. Die Autoren gehen nach eigenen Angaben davon aus, dass die Teilnehmergruppe etwa 70 bis 80 Prozent aller Jugendlichen in der EU abbildet.

Trotz Bedenken viel Zustimmung für EU

Unterm Strich ergibt die Umfrage keine Ablehnung der Europäischen Union. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer (54 Prozent) halte die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU für „eine gute Sache“. Lediglich in Polen (50) und Griechenland (47) sehen junge Menschen die Mitgliedschaft negativer als anderswo. In Deutschland gibt es mit 65 Prozent die höchste Zustimmung. Insgesamt zeige sich ein differenziertes Bild, betont der Politikwissenschaftler Thorsten Faas. „Es gibt kein Schwarz-Weiß.“ Als Stärken der EU würden etwa die Grundwerte wie Meinungs- und Pressefreiheit und politische Teilhabe wahrgenommen. Schwach fänden die Befragten unter anderem, dass die EU in der Welt aus ihrer Sicht eher wenig Macht habe.

75 Prozent sehen in Wahlen Bürgerpflicht

Während 68 Prozent die Wahlen im eigenen Land für wichtig halten, sagen dies nur 58 Prozent über die Europawahl. Als „besorgniserregend“ stufen die Studienmacher den Befund ein, dass lediglich mehr als die Hälfte (56 Prozent) die Wahlen in ihrem Land als fair abgehalten einstuft. In Deutschland gebe es hier mit 72 Prozent deutlich mehr Vertrauen. Insgesamt sehen drei Viertel der Teilnehmer Wählen als Bürgerpflicht. Die Mehrheit (68) nimmt Wahlen auch als effektives Mittel wahr, um Dinge zu verändern. «Wir haben keine demokratiefeindliche Generation», bilanziert der Experte Faas.

Jeder Zweite gegen Wahlrecht mit 16 Jahren

Auffällig ist, dass fast die Hälfte der jungen Leute (49 Prozent) Wählen ab 16 ablehnt. Die Ausnahme bildet Deutschland mit 56 Prozent Zustimmung. Hierzulande können junge Leute ab 16 im Juni erstmals bei der Europawahl mitentscheiden. In Spanien und Griechenland ist die Ablehnung des früheren Wahlalters mit jeweils 60 und 57 Prozent am größten. Dort berichteten die Befragten aber auch, dass sie sich in der Schule nicht ausreichend auf das Wählen vorbereitet fühlten.

Faas verwies darauf, dass die Wahlmöglichkeit ab 16 auch jüngere Menschen aus bildungsfernen Familien dazu animieren könnte, von ihrer Stimme Gebrauch zu machen. Kindern aus privilegierten Schichten würde die Bedeutung von Wahlen im Elternhaus eher mitgegeben, erklärte Faas. Aktuell dürfen in Deutschland 16-Jährige nur bei der Europawahl, bei den meisten Kommunalwahlen und bei einigen Landtagswahlen wählen. Für Bundestagswahlen gilt weiterhin 18 als Altersgrenze. Um auch diese Grenze abzusenken, müsste das Grundgesetz geändert werden. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) wäre dafür. «Das Wahlalter ab 16 könnte eine Hilfe sein, dass die Parteien viel stärker bei ihren Wahlprogrammen auf die jungen Themen schauen», sagte Bas am Dienstag bei einem Besuch in Wien.

Jeder Zweite sieht demokratiefeindliches Verhalten

Zu den Missständen, die junge Menschen wahrnehmen, gehört demokratiefeindliches Verhalten. Knapp die Hälfte, 49 Prozent, beobachtet dies im eigenen Land. In Griechenland sind es sogar mehr als zwei Drittel (67), in Deutschland 55 Prozent. Rund zwei von fünf Befragten (42) halten die Demokratie in ihrem Land mindestens teilweise für gefährdet.

Migration wichtiger als Klimakrise

Das drängendste Problem auf europäischer Ebene ist für die Befragten derzeit das Thema Migration. Damit rückt die Klimakrise, anders als in den Vorjahren, mit großem Abstand auf den zweiten Platz. Rund ein Drittel habe sich auch migrationskritisch geäußert, hieß es.

Wunsch nach mehr Mitbestimmung

Auch jenseits der Studie wird kurz vor den Europawahlen deutlich: Junge Leute wollen mitreden. Erst am Wochenende ging in Berlin die Bundesjugendkonferenz mit einer klaren Botschaft zu Ende: 200 junge Menschen aus ganz Deutschland forderten die Bundesregierung auf, ein Gesetz für die bessere politische Teilhabe jüngerer Menschen auf den Weg zu bringen. Auch Verbände machen Druck. Sarah Dehn von der Jugendorganisation des Sozialverbands Deutschland sagte: „Wir haben es satt, dass die Weichen für unsere Zukunft von Menschen gestellt werden, die davon kaum oder gar nicht mehr betroffen sein werden.“ Die Ergebnisse der Studie seien ein „klarer Handlungsauftrag“.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Europäische Aktien: Europa verschwindet aus der Börsen-Weltspitze
22.07.2026

Europas Börsenriesen verschwinden aus der Weltspitze: Nur noch drei europäische Unternehmen gehören zu den 50 wertvollsten Konzernen der...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Sandisk-Aktien steigen um 14,5 Prozent, da Chip-Werte das Thema Iran-Krieg überschatten
21.07.2026

Erfahren Sie, welche Kräfte die Wall Street aktuell antreiben und warum Anleger trotz globaler Krisen optimistisch bleiben.

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI World ETF-Vergleich: Die besten ETF Fonds auf den MSCI World-Index im Test
21.07.2026

Mit einem MSCI World-ETF investieren Anleger in die weltweit wichtigsten Unternehmen der Industriestaaten. Wer vor 10 Jahren MSCI...

DWN
Politik
Politik Grönland gegen Kopenhagen: Jetzt soll die Macht neu verteilt werden
21.07.2026

Der Druck der USA auf Grönland verändert die Machtverhältnisse im hohen Norden. Plötzlich zeigt sich Dänemark offen für Forderungen,...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögenssteuer: Als die Mittelschicht noch Häuser kaufte und die Reichen höhere Steuern zahlten
21.07.2026

Deutschland erlebt die größte Vermögensanhäufung seiner Geschichte – und gleichzeitig wird Eigentum für viele Menschen immer...

DWN
Technologie
Technologie Mistral und Microsoft schließen Milliarden-Deal
21.07.2026

Europa will bei Künstlicher Intelligenz unabhängiger werden – und Microsoft investiert dafür Milliarden in eine Allianz mit dem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Handwerkspräsident warnt vor Folgen der Reformpolitik
21.07.2026

Die Bundesregierung verspricht Reformen, doch im Handwerk kommt davon bislang wenig an. Handwerkspräsident Jörg Dittrich fordert deshalb...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Minenjagd: Einsatz gegen eine unsichtbare Gefahr
21.07.2026

Seeminen gehören zu den effektivsten Mitteln, um internationale Handelswege lahmzulegen. Das Aufspüren, Räumen – und gegebenenfalls...