Wirtschaft

Energiewende 2.0: Die Zukunft des Deutschen Stromnetzes

Das deutsche Stromsystem steht vor einem umfassenden Wandel hin zu Nachhaltigkeit und Klimaneutralität. Ein neues Papier des Wirtschafts- und Klimaschutzministeriums skizziert ein zukunftsweisendes Strommarktdesign, das flexible Lasten, erneuerbare Energien und innovative Kapazitätsmechanismen integriert. Wie wird das deutsche Stromsystem der Zukunft aussehen?
04.08.2024 11:57
Aktualisiert: 04.08.2024 13:00
Lesezeit: 3 min

Immer mehr Strom aus Wind und Sonne, immer mehr Wärmepumpen und Elektroautos: das hat Folgen für das Stromsystem. Es sind Reformen notwendig. Nun hat das Wirtschafts- und Klimaschutzministerium ein umfassendes Papier für ein „Strommarktdesign“ der Zukunft vorgelegt. Ziel sei ein sicheres, bezahlbares und nachhaltiges Stromsystem.

Der Umbau kostet Milliardensummen, zum Beispiel für den Ausbau von Stromnetzen sowie für Investitionen etwa in neue Gaskraftwerke. Die Kosten sollen so gering wie möglich gehalten werden, wie es im Papier heißt. Zu den Vorschlägen für das neue Strommarktdesign findet zunächst bis Ende August eine öffentliche Konsultation statt.

Stromsystem im Wandel

Deutschlands Stromsystem befinde sich mitten in einer umfassenden Modernisierung, heißt es in einem Papier des Ministeriums von Ressortchef Robert Habeck (Grüne). Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Der Anteil des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne soll bis 2030 auf 80 Prozent steigen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es nach Branchenangaben 58 Prozent.

Es beginne nun die Phase, in der es gelingen solle, die Stromversorgung vollständig über erneuerbare Energien abzudecken, heißt es im Papier - und in der eine „massive Elektrifizierung“ der Energieversorgung im Wärme- und Verkehr anstehe und Kohle, Öl und Gas als fossile Energiequellen endgültig abgelöst werden.

Ein neues „Betriebssystem“

In dem Papier ist die Rede von einem neuen „Betriebssystem“. Die wetterabhängige, „variable“ Stromerzeugung aus Wind und Photovoltaik (PV) führe zu einem Paradigmenwechsel. „Während früher die Erzeugung der Nachfrage folgte, orientiert sich im dekarbonisierten Stromsystem die Nachfrage stärker am Angebot.“ Große Teile der Nachfrage – zum Beispiel die E-Mobilität oder bestimmte Teile industrieller Prozesse - würden ihren Verbrauch in Zeitfenster mit einem hohen Angebot an erneuerbaren Energien und niedrigen Preisen legen. „Das Elektroauto wird die Mittagszeit nutzen, wenn das Angebot an PV-Strom hoch ist und das Auto ohnehin steht.“

Back-ups

Es gibt aber Zeiten, in denen kein Wind weht und keine Sonne scheint - die „Dunkelflauten“. Auch in diesen Zeiten soll aber eine sichere Stromversorgung gewährleistet werden. Dazu ist ein „Technologiemix“ geplant, auch um saisonale Schwankungen bei der Erzeugung erneuerbarer Energien ausgleichen.

Zum einen geht es um „flexible Lasten“ wie zum Beispiel Wärmepumpen oder Elektroautos, die ihren Strombedarf im gewissen Maß verschieben könnten, wie es im Papier heißt. Speicher sollen kurzfristige Schwankungen in der Wind- und PV-Erzeugung ausgleichen. Dazu kommen „steuerbare“ Back-up-Kraftwerke - sie sollen einspringen, wenn Wind und PV sowie Kurzzeit-Speicher und flexible Lasten nicht ausreichen.

Die Bundesregierung arbeitet seit längerem an einer Strategie zum Bau neuer Gaskraftwerke als Back-ups, denn für Betreiber müssen sich Investitionen lohnen. Für die neuen Gaskraftwerke, die später mit Wasserstoff betrieben werden sollen, ist eine staatliche Förderung geplant.

Neuer Mechanismus

Bis zum Jahr 2028 soll eine neue Säule des Stromsystems eingeführt werden: ein „Kapazitätsmechanismus“. In dem Papier legte das Ministerium dazu verschiedene, komplexe Modelle vor. Im Kern geht es darum, dass Anbieter dafür honoriert werden, dass sie sogenannte steuerbare Kraftwerkskapazitäten bereitstellen - auch wenn die Kraftwerke möglicherweise nur wenige Stunden im Jahr laufen. Geplant ist ein wettbewerblicher Ansatz unter anderem mit Pumpspeichern, Batteriespeicher, Bioenergieanlagen und Back-up-Kraftwerken.

Ein Kapazitätsmechanismus soll den bisherigen Großhandelsmarkt ergänzen. Basis ist das „Merit-Order“-Prinzip. Dieses besagt im Kern: immer die kostengünstigsten Kraftwerke erzeugen Strom, um die Stromnachfrage zu decken.

Folgen auch für Stromverbraucher offen

Wie genau dieser Mechanismus aussehen soll, ist offen. Möglich ist ein „zentraler Kapazitätsmarkt“, bei der eine zentrale Stelle den Bedarf an steuerbaren Kapazitäten festlegt und diesen durch Auktion ausschreibt. Bei diesem Mechanismus aber müssten Kosten im Wege einer Umlage auf die Verbraucher umgelegt werden, heißt es im Papier.

Auch um eine Umlage zu verringern, favorisiert das Wirtschaftsministerium eine Kombination mit einem „dezentralen Kapazitätsmarkt“. Bei diesem werde Versorgern die Verantwortung übertragen, ihre Stromlieferungen durch Kapazitäten abzusichern. Sie könnten zum Beispiel durch Anreizmodelle den Verbrauch ihrer Kunden in Spitzenlastzeiten mit wenig Wind- und PV-Strom verringern.

Mehr Flexibilität

Insgesamt nennt das Wirtschaftsministerium in dem Papier zum Umbau des Stromsystems vier Handlungsfelder. Dazu gehört auch eine Reform der Förderung der erneuerbaren Energien. Das geltende System, das im Kern eine Marktprämie zusätzlich zum erzielten Börsenpreis vorsieht, ist noch bis Ende 2026 europarechtlich genehmigt. Geplant ist nun unter anderem eine Umstellung auf eine Investitionskostenförderung.

Außerdem soll es mehr Flexibilität bei der Stromnutzung geben. Dabei geht es auch um Anreize, damit Nutzer ihr E-Auto dann laden, wenn viel Wind - und Sonnenstrom produziert wird und die Strompreise günstig sind. Verbraucher könnten dafür auch niedrigeren Netzentgelten belohnt werden, wie aus dem Papier hervorgeht.

Ökostrom besser nutzen

Ziel ist es laut Papier, „grünen“ Strom lokal besser zu nutzen, anstatt Anlagen abzuregeln - das passiert bei drohenden Stromengpässen. Maßnahmen zur Verhinderung von Überlastungen des Stromnetzes verursachen hohe Kosten. Hintergrund: Der vor allem im Norden produzierte Windstrom muss in große Verbrauchszentren im Süden gelangen, dafür sind Tausende Kilometer neue Stromleitungen nötig.

Voraussetzung für mehr Flexibilität im Stromsystem sind digitale Stromzähler, „Smart Meter“. Ihr Einsatz soll beschleunigt werden. Für die Ausgestaltung der Netzentgelte ist die Bundesnetzagentur zuständig.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercosur-Abkommen gestoppt: Europaparlament bringt Mercosur-Deal vor Gerichtshof
21.01.2026

Am Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten gibt es viel Kritik. Das Europäische Parlament lässt den Deal jetzt vom obersten...

DWN
Politik
Politik Kommt die Zuckersteuer? Leopoldina: Deutschland würde von Zuckersteuer profitieren
21.01.2026

Andere Länder haben mit einer Zuckersteuer bereits gute Erfahrungen gemacht. Experten der Akademie der Wissenschaften ermuntern zur...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mindestlohn: Lohnerhöhungen führen zu Preissteigerungen und Stellenabbau
21.01.2026

Schritt für Schritt steigt der Mindestlohn in Deutschland - das führt zu einer Welle von Lohnerhöhungen. Wie die Unternehmen nun...

DWN
Politik
Politik Kabinett bringt digitales Führungszeugnis auf den Weg
21.01.2026

Wer ehrenamtlich Fußball-Nachwuchs trainiert, braucht es, wer als Kaufhausdetektiv arbeitet auch: Das Führungszeugnis soll künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: Fristen, Formulare, Fallstricke – so vermeiden Sie typische Fehler
21.01.2026

Die Steuererklärung 2025 muss kein Stressfaktor sein – wenn Sie frühzeitig die richtigen Unterlagen sammeln. Viele verschenken jedes...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mehr arbeiten - wofür? Arbeit als Sinn des Lebens verliert an Bedeutung
21.01.2026

Kanzler Merz fordert mehr Leistung, mehr Einsatz, mehr Arbeitsstunden: Doch für viele Menschen steht das Ziel, mit Freude eine sinnvolle...

DWN
Finanzen
Finanzen Ära der Milliardäre: Vermögen von Milliardären legt rasant zu
21.01.2026

Debattenstoff für das Weltwirtschaftsforum in Davos: Seit 2020 wurden Milliardäre inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent reicher....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Stahlbranche: Stahlproduktion 2025 gesunken - Krise dauert an
21.01.2026

Strompreise, Importdruck, schwache Nachfrage: Warum die deutsche Stahlbranche auch 2025 unter massiven Problemen leidet – und was die...