Politik

FDP will Entwicklungshilfe-Ministerium abschaffen: Kennen wir - uralter Vorschlag Dirk Niebels

In Parteispitze und Fraktion der FDP werden sie geheimnisvoll „interne Argumentationshilfen“ genannt – für die aktuell kniffligen Haushaltsverhandlungen. Dabei sind sie glasklar für die Medien bestimmt und sickern momentan fast täglich durch – im politischen Berlin. Schaffen die Liberalen es damit, den geradezu spiralartigen Absturz bei den östlichen Landtagswahlen zu verhindern? Ein Rückblick drängt sich geradezu auf.
14.08.2024 11:01
Lesezeit: 3 min
FDP will Entwicklungshilfe-Ministerium abschaffen: Kennen wir - uralter Vorschlag Dirk Niebels
Foto aus besseren Zeiten, aber kurz vor dem Absturz der FDP: Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel und Ehefrau 2013 neben Bundesaußenminister Guido Westerwelle (l), Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und FDP-Chef Philipp Rösler (Foto: dpa). Foto: Rainer Jensen

Die FDP steigt Schritt für Schritt aus der Koalition aus. Das merkt man in den vergangenen Tagen an den Stichwörtern, die plötzlich in die Öffentlichkeit lanciert werden. Eine Flat-Rate für Parkplätze fordern da in Potsdam Generalsekretär Bijan Djir-Sarai und Brandenburgs FDP-Spitzenkandidat Zyon Braun. Christian Dürr, der Fraktionschef der Liberalen kämpft, um unbedingt das Bürgergeld wenigstens um den niedrigeren Inflationsfaktor zu kürzen.

Vorschläge sorgen für Heiterkeit im Berliner Sommerloch

Der Vorschlag ist im Sommerloch auf dermaßen viel Heiterkeit bei den Bürgern gestoßen, dass die Idee bereits gleich dem grünen Vorstoß nach einem „Vermieter-Führerschein“ folgt, als Jux des Jahres.

Maximilian Mordhorst, der für die FDP im Finanzausschuss des Bundestags sitzt, möchte wiederum, dass „die Rente mit 63 künftig nur noch für Geringverdiener möglich ist.“ Besser noch: gleich abschaffen! „Solche demografisch widersinnigen Wahlgeschenke sollten wir uns nicht leisten“, so Mordhorst. Darüber lässt sich wenigstens streiten, wobei der Absender einen verzweifeln lässt.

Und nun der Ober-Knaller: Die FDP verlangt, das Entwicklungshilfeministerium dichtzumachen. Dann sei endlich Schluss mit den Radwegen durch Peru, oder? Keineswegs, das soll Annalena Baerbock von den Grünen (oder wer auch immer ihr folgt) künftig im Auswärtigen Amt verantworten in einer dort neu zu gründenden Stabsabteilung.

Time-Warp zurück in das Jahr 2011 - so fühlt es sich gerade an. Damals hatte die FDP das mit der Entwicklungshilfe auch schon mal auf dem Zettel. Zum 50-jährigen Jubiläum gab es weder Blumen noch Glückwünsche, sondern den Abzugsbefehl. Dirk Niebel war es, der das stets lauthals in der FDP gefordert hatte. Bis er dann selbst das Kommando übernahm und sich zum Minister des ungeliebten Ressorts krönen ließ. Später ist er dann so als Vielflieger ganz schön herumgekommen auf der Welt.

Steht die FDP vor Waterloo oder einem politischen Déjà-vu

Das war der eine Lacher damals, der andere die ungeschickten Steuererleichterungen für Gastronomie und Hotellerie, bei der sich damals Parteichef Guido Westerwelle im Wort sah. Mit dieser Hypothek war das kurze Kapitel „Schwarz-Gelb“ unter Angela Merkel 2009 gestartet, um bei den Folgewahlen prompt den Absturz der Wirtschaftsliberalen in die außerparlamentarische Opposition zu erleben. Ob die FDP auch diesmal wieder ein trauriges Waterloo erlebt oder nur ein verstörendes Déjà-vu ist derzeit die Frage.

„Die beste Entwicklungspolitik ist die, die sich überflüssig macht“, sagte Dirk Niebel damals. Wo doch schon bei der Gründung des Ressorts anno 1961 - nur kurz nach dem Berliner Mauerbau, ein gewisser Walter Scheel als erster Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit vereidigt wurde. Der liebt das Reisen auch so sehr, dass er später nach einer vermeintlichen „Liebesheirat“ mit Willy Brandt 1969 Außenminister wurde. Dann 1982 jedoch zum Wegbereiter der Wende, als Scheel Kanzler Helmut Schmidt (SPD) stürzte, um den Pfälzer Helmut Kohl (CDU) ins Bonner Kanzleramt zu hieven.

Vorzeichen eines Regierungswechsels oder vorgezogenen Neuwahlen

Ein Schalk, wer die Zeichen an der Wand zwar liest, sich nur rein gar nichts bei der offenkundigen Parallelität der Ereignisse denkt. Schafft es die Ampel noch ins Jahr 2025? Die Frage liegt auf der Hand. Offen ist nur die Stilfrage, ob es einen radikalen Regierungswechsel wie dereinst gibt oder doch erst Neuwahlen kommendes Frühjahr?

Ums Sparen im fragwürdigen Ministerium von Svenja Schulze (SPD) geht es gar nicht. Das wird wohl auch künftig geben, angesichts der vielen einflussreichen NGOs mit grüner oder auch liberaler Beteiligung. Selbst Dirk Niebel wusste, dass anno 2050 fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben und Armut, Bevölkerungswachstum, Migration sowie der Klimawandel weiterhin das Staaten-Gefüge dieser Welt belasten.

Und auch in Zukunft wird es wieder einen Koalitionspartner geben, der beim Zuschnitt des Kabinetts den bequemen Stuhl der Entwicklungshilfe einnimmt, statt sich subaltern und weisungsbefugt einzuordnen.

Selbst in der FDP würde sich sicher jemand finden. Max Mordhorst zum Beispiel wäre ein so prädestinierter Kandidat, um die „großen Fußstapfen“ des heutigen Lobbyisten Niebel auszufüllen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Politik
Politik Rentenerhöhung 2026: Renten steigen um 4,24 Prozent
30.04.2026

Bald fließt mehr Geld auf die Konten der Rentnerinnen und Rentner. Ihre Bezüge werden spürbar angehoben. Weichen zur künftigen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen OpenAI unter Kostendruck: Microsoft verliert Exklusivrechte
30.04.2026

OpenAI gerät im KI-Markt unter wachsenden Druck und stellt die enge Partnerschaft mit Microsoft neu auf. Wie weit kann sich der...

DWN
Politik
Politik Moskau: Selenskyj provoziert Atomkrieg
29.04.2026

Das russische Außenministerium hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj das Heraufbeschwören eines Atomkriegs vorgeworfen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Märkte uneinheitlich, während Händler auf Quartalszahlen warten
29.04.2026

Spannung an der Wall Street: Was Anleger jetzt wissen müssen

DWN
Politik
Politik Gesundheitsreform auf dem Weg: Das sind die wichtigsten Änderungen
29.04.2026

Die Bundesregierung hat die Gesundheitsreform auf den Weg gebracht. Der Gesetzesentwurf bringt für Versicherte zahlreiche Änderungen –...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Warum die Notenbank plötzlich umschwenken könnte
29.04.2026

Die EZB steht vor einer heiklen Leitzinsentscheidung, die die Märkte nervös macht. Eine Zinserhöhung im Juni gilt plötzlich als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bitumenpreis in Europa steigt: Iran-Krieg verteuert Straßenbau
29.04.2026

Der Iran-Krieg treibt den Bitumenpreis nach oben und verschärft die Kostenlage in Europas Bauwirtschaft. Wie stark können steigende...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland verliert Zuversicht: AfD nutzt Stimmungskrise
29.04.2026

Deutschlands Wirtschaft verliert erneut an Zuversicht, während schwache Konjunkturdaten und der Aufstieg der AfD den Druck auf die...