Politik

AfD mit "historischem Sieg": Die Botschaft der Unzufriedenen!

Die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen liefern ein komplexes Ergebnis. Das Regieren in den kommenden Jahren könnte sehr schwierig werden. Doch ein gemeinsamer Nenner ist erkennbar.
01.09.2024 22:24
Aktualisiert: 01.09.2024 22:27
Lesezeit: 4 min

Die Wähler in Thüringen und Sachsen haben der Politik eine komplizierte Aufgabe gestellt - vielleicht sogar ein nahezu unlösbares Rätsel. Erstmals ist die AfD nach den Landtagswahlen stärkste Kraft. In Thüringen überholte die Rechtsaußenpartei die CDU mit großem Vorsprung. In Sachsen gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Union. Trotzdem wird die AfD vermutlich mangels Koalitionspartnern nirgends regieren. Anders sieht es beim Newcomer des Jahres aus: Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) könnte dank zweistelliger Ergebnisse in beiden Ländern eine Rolle spielen - vorausgesetzt, es entstehen völlig neue Regierungsbündnisse.

Die Spitzenkandidatin der BSW in Thüringen, Katja Wolf, zeigte sich von den ersten Prognosen für ihre Partei, die zwischen 14,5 und 16 Prozent der Stimmen sahen, überwältigt. "Ich habe Gänsehaut, ich geb‘s zu", sagte die ehemalige Linken-Politikerin und Bürgermeisterin von Eisenach bei der BSW-Wahlparty vor dem Erfurter Dom. Sie sprach von einem historischen Moment. Mit Parteigründerin Sahra Wagenknecht feierte sie, und immer wieder brandete Jubel auf. Es handele sich um einen "riesigen Vertrauensvorschuss", sagte Wolf. "Wir versprechen diesem Land: Wir lassen euch nicht allein."

AfD verkündet "historischen Sieg" in Thüringen

Die AfD, die in Thüringen laut Hochrechnungen deutlich über 30 Prozent erzielte und damit weit vor der CDU lag, ließ die Öffentlichkeit an ihrer Wahlparty nicht teilhaben - kurzfristig wurden alle Journalisten ausgeschlossen. Spitzenkandidat Björn Höcke sprach beim Verlassen der Party von einem "historischen Sieg", bevor er in den Landtag fuhr. Aus dem geschlossenen Partylokal drangen dennoch Applaus und Sprechchöre: "Höcke, Höcke" und "Jetzt geht’s los".

Im Fernsehen äußerte AfD-Bundeschefin Alice Weidel derweil Forderungen: Normalerweise sei die stärkste Partei mit Sondierungsgesprächen am Zug - alles andere wäre ein "Ignorieren des Wählerwillens", sagte Weidel in der ARD. Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass die AfD in Thüringen voraussichtlich eine Sperrminorität von über einem Drittel der Landtagsmandate hat und theoretisch wichtige Entscheidungen blockieren könnte. Das wolle man jedoch "auf keinen Fall missbrauchen", versicherte Höcke. Das Fazit: Die AfD ist stark, aber von einer eigenen Mehrheit weit entfernt - in Thüringen ebenso wie in Sachsen, wo sie laut Hochrechnungen mit etwa 31 Prozent knapp hinter der CDU von Ministerpräsident Michael Kretschmer liegt.

In Sachsen hat Kretschmer gute Chancen, im Amt zu bleiben. In Thüringen hingegen muss Ministerpräsident Bodo Ramelow nach einem Absturz seiner Linken vermutlich das Amt an CDU-Spitzenkandidat Mario Voigt abgeben. Welche Parteien in beiden Ländern letztlich koalieren werden, bleibt offen. Klar schien am Sonntagabend nur, dass die AfD vermutlich nicht dabei sein wird. André Wendt, Vizepräsident des sächsischen Landtags, räumte ein, dass er ein besseres Ergebnis erwartet hatte. "Mir ist bewusst, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen." Er sei "glücklich, aber nicht überglücklich".

Parteiensystem unter Druck

Wenn es eine gemeinsame Botschaft aus diesen schwierigen Landtagswahlen gibt, dann ist es diese: Es ist ein Denkzettel der Unzufriedenen. Mehr als 40 Prozent der Wähler in beiden Ländern stimmten für zwei populistische Parteien, die fast alles infrage stellen, was die etablierten Parteien bisher angeboten haben. Die Regierenden in Berlin werden abgestraft: die Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP, aber auch die Linke. Die Union schleppt sich ins Ziel. Die bittere Ironie: Das zu erwartende schwierige Regieren in beiden Ländern könnte den Frust vieler Menschen nur noch weiter verstärken. Das Parteiensystem steht massiv unter Druck. Dies gilt nicht nur in Ostdeutschland, aber besonders dort.

Das BSW unter der Führung von Sahra Wagenknecht will nicht mit der AfD zusammenarbeiten und sich auch nicht in einen Topf werfen lassen mit der Partei, die in Thüringen und Sachsen vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird. Tatsächlich passt das BSW in keine herkömmliche Schublade. Wagenknecht vertritt in der Migrationspolitik und bei der Ablehnung von Militärhilfen für die Ukraine ähnliche Positionen wie die AfD, steht jedoch sozial- und wirtschaftspolitisch eher links. Meinungsforscher sehen sie eher als Vertreterin von linken Wählern - während die AfD auf einen erheblichen Prozentsatz von Anhängern mit klar rechten Ansichten zählen kann.

"Gegen-die-da-oben-Parteien"

Beiden Parteien gemeinsam ist das Selbstverständnis als "Gegen-die-da-oben-Parteien". Sie richteten scharfe Angriffe gegen die Regierenden, insbesondere gegen die Ampelkoalition in Berlin. Sowohl AfD als auch BSW sprechen den etablierten Parteien fast jede Problemlösungskompetenz ab. Sie zeichnen ein düsteres Bild vom Zustand des Landes und bieten sich selbst als Retter an. "Unser Land ist in keiner guten Verfassung", hieß es schon im Gründungsmanifest des BSW.

Damit trafen sie einen Nerv. Das Vertrauen in die etablierten Parteien und in das Funktionieren der Demokratie schwindet in beiden Bundesländern. In der zu Jahresbeginn veröffentlichten Umfrage "Sachsen-Monitor" gaben 81 Prozent der Befragten an, dass die meisten Politiker nur an die Stimmen der Wähler denken. In einer ähnlichen Umfrage in Thüringen, dem "Thüringen-Monitor", äußerten nur 45 Prozent Zufriedenheit mit der Demokratiepraxis - obwohl 88 Prozent die Staatsform Demokratie grundsätzlich befürworten.

Ängste vor Kriminalität und Migration

Zusätzlich gibt es derzeit große Ängste. Laut dem an diesem Wochenende veröffentlichten ARD-Deutschlandtrend machen sich in Sachsen und Thüringen 77 Prozent der Menschen Sorgen, dass die Kriminalität stark zunimmt. 67 Prozent fürchten eine zu hohe Migration, 55 Prozent bangen darum, ihren Lebensstandard zu halten. Nur 39 Prozent in Sachsen bewerteten in der Umfrage die wirtschaftliche Lage als gut, in Thüringen sogar nur 30 Prozent.

Auch 34 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Frust spürbar. In der ARD-Umfrage sagten jeweils drei von vier Befragten in beiden Ländern, dass Politik und Wirtschaft immer noch zu stark von Westdeutschen dominiert werden und dass Ostdeutsche oft noch immer "Bürger zweiter Klasse" seien. Eine gesellschaftlich explosive Lage, die sich in den Wahlergebnissen widerspiegelt.

AfD und BSW bestärken auf ihre Weise die Zweifel am "System", an parlamentarischen Prozessen, an etablierten Medien und an der Meinungsfreiheit. Höcke sprach am Samstag beim Wahlkampfabschluss von einer "Kartellparteienherrschaft" und von Medien, die "gekauft" seien. Es sei "egal, was ihr wählt", alle Parteien "lösen unser Deutschland auf wie ein Stück Seife unter dem Wasserstrahl". Nur die AfD sei anders.

Parteigründerin Wagenknecht erklärte ihrerseits im Wahlkampf, das BSW sei angetreten, "damit die Menschen, die protestieren wollen, eine seriöse Alternative haben, die wirklich etwas in ihrem Sinne verändert und die Bundesparteien unter Druck setzt."

Große Erwartungen geweckt

Beide Parteien haben große Erwartungen geweckt, einen "Neuanfang" anzustoßen. Höcke beharrte bis zum Schluss darauf, dass er Ministerpräsident werde und bald alles ganz anders laufe. Doch ohne Partner bleibt der AfD nur die Opposition. Das BSW hingegen könnte bald die Gelegenheit erhalten, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Vorher müssten sich jedoch fast unvereinbare Positionen verbinden: Der mögliche Koalitionspartner CDU ist von den Positionen des BSW teils meilenweit entfernt. Wagenknecht hat zudem kaum erfüllbare Forderungen in der Ukraine-, Russland- und NATO-Politik gestellt.

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann kommentierte dies im ZDF: "Ich kann nur sagen, in Erfurt wird nicht die Weltpolitik gemacht." Wagenknecht hielt am Wahlabend dagegen: "Was wir natürlich nicht machen werden, ist eine Regierung, die die Menschen enttäuscht, sondern wir möchten eine Regierung, die gerade diese Hoffnungen, auch diese Erwartungen erfüllt." Die CDU solle sich ihrer Verantwortung bewusst sein.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Während der Markt panikartig verkauft, setzt das "kluge Geld" fieberhaft Bitcoin-Druckmaschinen ein?

Der Markt hat kürzlich eine scharfe Korrektur durchlaufen, wobei sich Panik wie eine Seuche ausbreitete, als Verkäufer ihre...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardendeal perfekt: Deutsche Börse übernimmt ISS Stoxx komplett
12.02.2026

Die Deutsche Börse plant den nächsten milliardenschweren Schritt und greift nach der vollständigen Kontrolle über ISS Stoxx. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Siemens-Aktie klettert: Siemens-Zahlen übertreffen Analystenerwartungen – Prognose angehoben
12.02.2026

Die Siemens-Aktie klettert am Donnerstag weiter nach oben. Das nach Marktkapitalisierung wertvollste deutsche Unternehmen hat überraschend...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes Benz-Aktie stürzt ab: Wie Anleger auf den Mercedes-Gewinneinbruch reagieren sollten
12.02.2026

Die Mercedes Benz-Aktie steht nach einem deutlichen Gewinneinbruch und sinkender Dividende am Donnerstag stark unter Druck. Schwache...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lufthansa-Streik trifft Deutschlands Flughäfen mit voller Wucht – Lufthansa-Aktie im Plus
12.02.2026

Der Lufthansa-Streik legt den Flugverkehr in Deutschland lahm und sorgt für lange Schlangen an Flughäfen. Tausende Passagiere müssen...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: Siemens treibt den Leitindex über 25.000 Punkte – Anleger blicken gespannt in die USA
12.02.2026

Der DAX-Kurs springt im Donnerstagshandel wieder über die Marke von 25.000 Punkten und sorgt für neue Euphorie an den Märkten. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen KWS Saat-Aktie: Umsatzprognose gesenkt – wie sollten Anleger nun reagieren?
12.02.2026

Der Saatguthersteller KWS Saat korrigiert seine Umsatzprognose nach unten und verweist auf ein schwieriges Agrarmarktumfeld. Für die KWS...

DWN
Politik
Politik Selenskyj erhöht Druck: EU-Beitritt ist Sicherheitsgarantie für Ukraine
12.02.2026

Der EU-Beitritt der Ukraine steht im Mittelpunkt geopolitischer Verhandlungen. Präsident Selenskyj fordert ein konkretes Datum und...

DWN
Finanzen
Finanzen Thyssenkrupp-Aktie: Restrukturierungskosten belasten Thyssenkrupp-Bilanz – was jetzt wichtig ist
12.02.2026

Die Thyssenkrupp-Aktie gerät nach neuen Quartalszahlen unter Druck: Hohe Kosten für die Stahl-Sanierung belasten die Bilanz, während...